2008-08-17

Predigt über Apostelgeschichte 6, 1-7 / Pfarrer Tobias Ehret, Berglen

Haben Sie gewusst, liebe Gemeinde, wie lange es dauert bis es zu einem Aufbruch kommt?

Eigentlich müssten Sie alle jetzt die Augen schließen. Stellen Sie sich ein Samenkorn vor. So klein, dass wir es schnell aus der Hand verlieren. Ein Samenkorn scheint etwas Totes zu sein. Wer erahnt schon, dass darin eine einzigartige Lebenskraft steckt?

Es braucht den Nährboden, es braucht Wasser und Wärme – und es braucht seine Zeit. Dann bricht das scheinbar tote Korn auf. Sehen Sie es vor sich, wie der Keimling die Schale aufbricht. Nun wird sichtbar, dass im Innern bereits schon seit längerem ein lebendiger Prozess in Gang gewesen sein muss. Nun bricht Neues hervor, was bisher im Stillen gereift ist.

Das Samenkorn ist ein Wunder. Solch ein Korn ist ein sehr sensibel funktionierendes und zugleich hochkomplexes System. Ein Austausch von Informationen und Nachrichten und vieles mehr ist nötig, damit was aufbrechen kann. Ein Bild für Aufbruch.

Blicken wir weiter vom Bild zum Wort Gottes. Wie es auch in der Gemeinde Jesu zu einem Aufbruch kommen kann, das schildert Lukas, der Arzt, der uns die ersten Tage der Kirchengeschichte in seiner Apostelgeschichte miterleben lässt. Und dabei sehen wir: Aufbruch in der Gemeinde ist etwas Atemberaubendes. Zugleich verläuft nicht immer alles einfach und reibungslos, denn beim Aufbruch muss zuweilen auch Altes und Liebgewordenes zurückgelassen werden.

Schauen wir uns den Aufbruch, der in Apostelgeschichte 6 dargestellt wird, näher an:

"1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen. 3 Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. 4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. 5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia. 6 Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie. 7 Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam."


1. Aufbruch zur Jüngerschaft

Was uns zunächst aufhorchen lässt, ist die Tatsache, dass auch ein geistlicher Aufbruch nie ideal verläuft. Auch damals in Jerusalem gab es große Schwierigkeiten und immer wieder Reibungspunkte. Das hat sich bis heute nicht geändert, wo Menschen beieinander sind. Und das ist bei Christen gar nicht anders. Doch eine lebendige Gemeinschaft wird zu einem funktionstüchtigen Organismus, wenn der Geist Gottes das Sagen hat.

Der Heilige Geist bringt es fertig, aus einer Gruppe aufgewühlter und zugleich begeisterter Menschen eine Gemeinschaft unter Gott zu formen. Eigenbrötler und Eigensinnige werden hinein gefügt in die Gemeinschaft der Einigen.

Das meint das Neue Testament, wenn es vom Leib Christi redet. Christus ist seit Himmelfahrt und Pfingsten in der Gestalt seiner Glieder da. Er wohnt unter Menschen. Er wirkt nun in denen, die sich Christus, dem Haupt, unterordnen. Und das heißt bis zum heutigen Tage ganz praktisch: Jünger Jesu erkennt man daran, wie sie gemeinsam aufbrechen in die Zukunft, die Jesus ihnen eröffnet hat.

Aber bevor Jesus seine Jünger in diese Welt sendet, werden sie von ihm berufen und herausgerufen. Das geschieht durch vollmächtige Verkündigung von Menschen, die eigens dafür beauftragt sind; durch Petrus zum Beispiel in seiner Pfingstpredigt, durch die Gott vielen Zuhörern das Herz aufgeschlossen hat. Die Jünger sind in Jerusalem Zeugen der Kraft Gottes, indem sie sagen und leben, was ihnen Jesus aufgetragen hat. »Gehet hin« so lautete der Sendungsauftrag Jesu an sie. Und so lautet er bis heute auch an uns.

Die Jünger bekamen auf dem Weg, den sie mit Jesus zurücklegten und in seine Schule gingen, wesentliche Einblicke, was wirklich wichtig ist. Im Zwölferteam rund um den Meister lernten sie Wesentliches für ihren späteren Dienst als Boten und Apostel. Eine der tiefsten Er-kenntnisse dabei war wohl, dass es keiner alleine schafft. Alle sind aufeinander angewiesen.

Zuerst auf Gottes Geist, der sie anleitet und in Wahrheit führt. Deshalb ist in einer Gemeinde wichtig, dass dort Verkündiger sind, die Gottes Wort intensiv studieren, darüber beten, es auslegen und sagen, was sie von Gottes Geist aufs Herz gelegt bekommen haben.

In solch einer Mannschaft unter Gottes Wort ist man gehalten, gefordert, aber wird auch so unterstützt, dass es nie zu einer Vereinsamung kommen muss. Der Leib Christi gleicht der Lebendigkeit einer Mannschaft, die in See sticht. Gemeinsam auf großer Fahrt; wir kennen dieses Bild aus dem bekannten Lied im Gesangbuch: »Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt« und das wir nachher singen wollen.

Dieses Bild aus der Schifffahrt mag uns helfen, zu sehen, wie es in einer Jüngerschule zugeht: Die Mannschaft zieht an einem Strang. Wenn die Wellen hoch schlagen muss jeder Handgriff sitzen. Das ist harte Arbeit. Das uns auf den ersten Blick beeindruckende Bild einer Hochseeregatta mit einer eingefleischten Crew meint kein Ideal. Dort klappt auch nicht immer alles. Es ist eine Schule besonderer Art, in der täglich eingeübt wird, weil Wind und Wellen ständig wechseln. Die Segler empfinden manchmal totale Erschöpfung, Angst, Euphorie, Sehn-sucht, Verzicht. Und die Sache geht nur gut, wenn die Mannschaft aufeinander eingeschworen ist. Im Allein-gang gehen alle unter.

Ein Segelboot zu navigieren ist harte Arbeit. Der Crew bläst so manche steile Brise ins Gesicht. Segel und Leinen können reißen – und manchmal besteht sogar
die Gefahr, dass der Mast bricht. Im Sturm zu segeln ist herausfordernd. Oftmals entmutigend. Da braucht man ein klares Ziel, großen Mut und eisernes Durchhaltever-mögen. Vor allem muss die Mannschaft an Bord einander absolut vertrauen und jeder Einzelne sein ganzes Gewicht einsetzen – im Einklang miteinander.

So war es unter den Jüngern in der wachsenden Gemeinde, wo Neues aufbrach und hellwach gehandelt werden musste. Die zwölf Apostel wären gänzlich überfordert gewesen, die Gemeinde allein zu leiten. Aber geistesgegenwärtig haben sie weitere mit in den Dienst genommen, damit Gemeinde wirklich aufgebaut wird. Gerade auch Personen in zurückgezogener Position, wie Witwen, brauchten volle Aufmerksamkeit und Beachtung.

Und das gilt heute nicht weniger. Wer von uns lässt sich in den Besuchsdienst rufen, damit die am Rande nicht vergessen oder übergangen werden? Weil wir doch eine Mannschaft sind, die aufeinander achtet, darum dürfen wir niemanden aus dem Blick verlieren.


2. Aufbruch zur Großfamilie
Das Zusammenleben in dieser ersten Gemeinde finde ich schon beeindruckend. Die arbeiten nicht nur miteinander. Sie dienen nicht nur in Hingabe, sondern sie teilen ihr Leben, ihre Zeit, ihre Häuser, ihr Essen.

Auf den Weg der Nachfolge trat jeder allein durch den Ruf, den er von Jesus gehört hatte. Auf dem Weg der Nachfolge aber blieb keiner von ihnen allein. Unsere Hauskreise haben das ein Stück weit wieder entdeckt, wenn sie gemeinsame Wochenenden verbringen, zusammen kochen und essen, Jung und Alt vereinen. Und die Woche über kann das so aussehen, dass man füreinander betend einsteht, jeden Tag eine feste Zeit hat, in der jeder für sich denselben Bibeltext bedenkt, regelmäßig telefonisch nachfragt: Wie geht es dir? Gegenseitige Probleme teilt. Wie sehr brauchen wir doch das!
Ein gemeinsames Wochenende kann hier eine wichtige Station sein. Sie waren zusammen weggefahren, einige Mitglieder einer Kirchengemeinde: verheiratete und ledige Menschen, auch Kinder waren dabei. Freilich, die ganz Alten fehlten zwar und durch sie könnte eine Gemeinschaft Entscheidendes lernen im Blick auf das falsche Ideal vom immerwährenden Jung-Sein, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Aber bereits die Kombination von ledigen Menschen und Verheirateten brachte im unmittelbaren Kontakt Dinge zu Tage, die Reifungsprozesse freisetzten. Ledige entdeckten z.B., wie herausfordernd und belastend die Realität von Ehe und Familie sein kann. Und Verheiratete bekamen eine Ahnung davon, welche Hürden das Singledasein mit sich bringt. Es war ein Wochenende des gegenseitigen Entdeckens und Beschenktwerdens. Es gab Berührungsmöglichkeiten, die sonst selten sind im schnellen Alltagsbetrieb. Wie gut war es doch, in solch einer Auszeit zu entdecken, wozu wir als Gemeinde Jesu berufen sind: Gerade in den Alltagsbezügen sollen wir voneinander und miteinander lernen. Das Ergebnis dieser gemeinsamen Tage war einhellig: Ohne Lebensgemeinschaft kann nie eine echte Liebesgemeinschaft entstehen, zu der uns doch Jesus berufen hat.

Liebe Geschwister, könnte das nicht der Schlüssel werden zu dem Geheimnis, das unser Gemeindesein wieder attraktiv macht: Dass wir zusammen unsere Beziehungen pflegen und nicht nach dem Gottesdienst die Kirche allzu-schnell verlassen um zuhause nach dem Braten zu sehen. Jeder von Ihnen ist so wichtig und auch mit Kompetenz ausgestattet, dass es unwiederbringlich auffällt und sich auswirkt, ob er da ist oder nicht, ob er/sie sich einbringt oder nicht.

Die Familie Gottes setzt Kräfte und Gaben frei, die vorher brach lagen. Und jeder hat da Qualitäten. Sie kommen dort zum Vorschein, wo man sich zusammengestellt weiß, von Gott her sieht und begegnet.


3. Aufbruch zur Anbetung
Aus dem Bericht des Lukas sehen wir: Jeder hat einen Platz und einen Dienst in der Gemeinde! Nur – unser Gemeindepfarramt hat den Gedanken der vielfältigen Dienste kräftig vernebelt. Es hat bei allem Segen auch einen großen Schaden angerichtet. Denn wenn ein Hauptamtlicher da ist, der doch scheinbar für alles sorgen soll, dann braucht es die Vielen ja nicht so dringend. Und wenn da ein sog. Profi in der Gemeinde wirkt, kann das zur Folge haben, dass sich niemand mehr so recht etwas zutraut. Schließlich hat der Theologe studiert und weiß vieles besser.

Nein, es kann dabei nicht darum gehen, ein Klagelied anzustimmen. Das hilft niemandem weiter. Vielmehr ermutigt uns die Dienstgemeinschaft der ersten Christen wieder neu nach den verschiedenen Diensten und Begabungen in unserer Gemeinde zu suchen. Niemand braucht sich hinter einem anderen zu verstecken, der die Aufgabe scheinbar besser erledigen kann. Jeder ist her-ausgefordert mitzuwirken, dass Gemeinde aufgebaut wird. Haben Sie ihr Arbeitsfeld schon entdeckt?

In der Apostelgeschichte kamen die Christen bald schon zum Ergebnis: Wenn viele mit anpacken, dann wird keiner vergessen. Der Plan, Diakone einzusetzen, um Gemeinde lebendiger und fürsorglicher werden zu lassen, »gefiel allen gut«.

Wir sind heute Morgen herausgefordert, nicht über die Jerusalemer Christen von einst zu staunen, sondern heute unsere Berufung zu finden, die Gott an jeden Einzelnen von uns gestellt hat. Damit ist die Chance für den Auf-bruch gegeben.

Haben Sie das Bild vom Anfang noch in der Erinnerung? Das Samenkorn, das den Keim neuen Lebens in sich trägt. In dem schon alles angelegt ist, bis es aufbricht und wächst.
So hat auch Gott einen Aufbruch im Sinn, für unser Leben ganz persönlich, aber nicht weniger für unsere Gemeinde. Gottes Geist will uns erfüllen und in uns Wachstum schenken.

Er beauftragt jeden zu einem Dienst in seiner Gemeinde. Und eben mein Dienst ist wichtig und unersetzlich. Wenn ich fehle, dann fehlt ein entscheidendes Stück Gemeinde in unserem Ort.

Das Ziel aber der Gemeinde, die letzte Absicht allen Zusammenwirkens unter Gottes Geist ist  nicht die große Zahl. Obwohl 3.000 Menschen, die an Pfingsten zum Glauben kamen, uns beeindrucken.

Das Ziel der Gemeinde Jesu ist dennoch ein anderes: Gott soll groß gemacht werden. Gott soll angebetet sein. Gott soll verherrlicht werden. Und dazu kann jeder von uns beitragen.   Amen.



Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Mittwoch, 20.06.2018
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Teenkreis 13+ im GH Schwann
Donnerstag, 21.06.2018
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Asylarbeit in Straubenhardt (Gustav Bott, Netzwerk Asyl)
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Biblellesen und Austausch für Jugendliche im GH Schwann
19:00 Uhr:
Jugendkreis 16+ im GH Schwann
Freitag, 22.06.2018
17:00 Uhr:
Bubenjungschar 6-12 Jahre im GH Schwann
18:15 Uhr:
Mädchenjungschar 8-13 Jahre im GH Schwann (Gewusst wie)
Sonntag, 24.06.2018
9:15 Uhr:
Gottesdienst in Dennach (Pfarrer M.Gerlach)