2016-11-06 Reformationsfest

Predigt über Römer 3,21-26 / Pfarrer Friedhelm Bühner

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden, 

wir denken heute anlässlich des Reformationsfests
besonders an den Mann, 

der vor 499 Jahren seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche

von Wittenberg angeschlagen hat: Martin Luther.

Und damit an ein Ereignis,
das eine weltweite Bewegung ausgelöst hat, 

die bis heute wirksam ist, die Re-formation
Das Wort „Reformation“ kommt vom latein. Wort „reformare“
(„erneuern“) … Reformation meint also eine 

„Erneuerungsbewegung“ der Kirche, 

ein back to the roots (zurück zu den Wurzeln), 

zu Jesus Christus, 

der für Gottes leidenschaftliche Liebe steht. 

Eine Liebe, die für uns durch die Hölle ging, 

die Hölle des Kreuzestodes. 

 

So sehr liebt uns offenbar Gott, 

dass Jesus diesen Weg ging, ja gehen musste. 

Wir sollten nicht verloren gehen. 

 

Heute ist diese Bewegung für viele uninteressant geworden: 

Halloween überlagert den 31.10. in den Köpfen junger Leute. 

Die Geister, die Luther einst vertrieb, sind längst wieder da, 

in Gestalt von Grusel … und neuer Angst. 

 

Wo sind die Freiheit und die frohe Botschaft des Evangeliums

geblieben, sie Martin Luther wieder entdeckt hat?

Sind sie auf der Strecke geblieben?

 

Reste dieser Freiheit sind schon noch da …

Aber ob sie noch wirklich „evangelisch“ sind?

Ich denke an Äußerungen so mancher Zeitgenossen, 

die angeben „evangelisch sein“ heiße für sie 

irgendwie freier sind, lockerer, 

also nicht beichten gehen müssen, 

auch nicht in die Kirche gehen müssen …

 

Bei diesem Wort „müssen“ horche ich dann auf: 

Wenn ich in unsere Kirchenbänke schaue 

und nicht nur unsere, auch die vieler Nachbargemeinden. 

 

Was ist diese „Freiheit“ dann?

Ist sie vielleicht ein Alibi geworden?

Ein Alibi dafür, dass ich wieder selbst gerecht sein darf, 

mir nichts vorzuwerfen habe, 

dass ich Gott und sein Wort deshalb auch nicht brauche. 

Höchstens in der Form, 

dass ich mir selber sage (oder einrede), 

was das denn sein kann?

 

Wir sind heute (gerade in den evangelischen Kirchen)

weit, weit zurück gefallen von Luthers bahnbrechender Erkenntnis!

 

Denn Freiheit ohne Christus gibt es nicht!

Freiheit ohne den Zuspruch der Vergebung ist ein Placebo, 

eine Selbsttäuschung. 

 

Dann bleiben wir Egoisten, 

gefangen in der Sünde (der Sünde der Selbstgerechtigkeit), 

verlorene Menschen, 

Menschen, die suchen und doch nicht finden. 

 

Für Martin Luther wäre die simple Gleichung

„evangelisch sein“ = „etwas lockerer sein“ ein grobes Missverständnis

gewesen!

Für so eine Banalität hätte er nicht Kopf und Kragen riskiert, 

keinen Mut gehabt, eine Reformation anzustoßen. 

 

Aber was … feiern wir dann heute?

Was ist denn … die „evangelische“ Entdeckung?

Was meint … die „Freiheit“ im Glauben?

 

Sie hängt an einem ganz zentralen Begriff, 

nämlich dem Begriff der „Gerechtigkeit vor Gott“. 

Sie wollen wir heute morgen - so wie einst Luther - ganz neu 

in den Blick nehmen, indem wir auf Gottes Wort hören 

und Gott um seinen Geist zum richtigen Verständnis bitten. 

 

Denn was „Gerechtigkeit vor Gott“ heißt, 

das kann man ganz unterschiedlich deuten: 

Philosophen werden sie vom Menschen her denken

(über ein moralisch gutes Leben, über das was wir Gott 

anzubieten haben … oder dafür halten), 

Theologien wie der Apostel Paulus dagegen lehnen das 

voll und ganz ab: Für sie kann nur Gott selber für Gerechtigkeit

stehen … und … was noch wichtiger ist: Menschen gerecht

vor ihm machen!

 

Das wollen wir heute morgen ganz neu auf uns wirken lassen, 

schauen einmal weg von allem, was wir bisher vielleicht

zum Wort „gerecht vor Gott“ einfällt. 

Denn genau diese Entfremdung brauchen wir!

Um Gottes Gerechtigkeit finden zu können. 

 

Ich lese eines der zentralen Bibelworte für die Reformation aus

dem Brief des Apostels Paulus an die Römer, Kapitel 3

die Verse 21-26

„Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die 

vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das (atl.) Gesetz und 

die Propheten. 

Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt 

durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.

Denn es ist hier kein Unterschied: Alle Menschen sind Sünder und 

haben die Herrlichkeit verloren, die Gott ihnen zugedacht hatte. 

Und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch 

die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist. 

Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut 

zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die 

früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld um jetzt in dieser 

Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen:
dass er selbst gerecht ist 

und gerecht macht
den, der aus Glauben ist an Jesus Christus“. 

 

(Ich habe heute bewusst die bekannte, wenn auch anspruchsvolle, 

Luther-Übersetzung gewählt … weil hier die zentralen Begriffe

ohne Umschreibung belassen werden)

 

Über dem Studium dieses Römerbriefes, liebe Gemeinde, 

sind Martin Luther die Augen geöffnet worden: 

Nämlich: Gottes Gerechtigkeit ist eine austeilende, 

sich selbst schenkende Gerechtigkeit! 

Sie macht aus einem sündigen "Nichts" vor Gott
einen gerechtfertigten Menschen - durch - den Glauben!

    - Es muss niemand vergehen, wenn es einmal heißt, 

        vor Gottes Thron bestehen zu müssen und sich 

        zeigen wird, dass unser "ordentliches Leben" nicht zählt.

    - Auch unsere dunklen oft so belastenden, nicht selten best-

        gehüteten Schattenseiten brauchen wir nicht mehr 

        schön zu färben, erst recht nicht durch 

        religiöse Übungen. Gott will von uns nicht „bedient“

        werden an Heilig Abend oder bei bestimmten Anlässen!

 

Das sind alles Lebenskonzepte, die an Gott vorbeilaufen!
Sagt der Apostel Paulus … und mit ihm Martin Luther. 

Weil alle Menschen Sünder sind, 

ob groß oder klein macht da keinen Unterschied, 

sie sind alle Sünder - und brauchen Gottes Gnade!

Uns allen fehlen die „40000 Punkte“ für den Himmel, 

wie es in einem kurzen Film heißt, 

den wir am Buß- und Bettag zusammen anschauen werden. 

 

Diese 40000 Punkte kann sich kein Mensch erarbeiten!

 

Gott ist auch kein Händler! 

Sondern er ist absolut gerecht 

und das fällt uns immer wieder am schwersten zu glauben: 

Er ist auch der, der diese Gerechtigkeit selber schafft“:

Ja, wie denn?

 

Mit Jesus Christus,
seinem Sterben am Kreuz für meine und Deine Sünden, 

völlig losgelöst von meinen eigenen Anstrengungen gut zu leben, 

die durchaus anerkennenswert sein mögen, 

aber doch niemals „hinreichend“!

 

„Jesus Christus hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in 

seinem Blut ... [um aller Welt, um mir und Dir zu zeigen, dass] 

Gott gerecht ist 

und den gerecht macht, der aus Glauben an Jesus ist"!

 

Jesus Christus ist also die Achse der Weltgeschichte!

Und wem er durch seine Gerechtigkeit ein neues Leben verschaffen 

darf, dem wird er zur Achse seines Lebens.

 

Schon mehrfach haben sich Straßenprediger 

in den Fußgängerzonen unserer Städte 

mit 5- oder 10-Euro-Scheinen hingestellt

und sie den Passanten einfach nur verteilen wollen!

Ohne Gegenleistung!

Was denken Sie, wie die Leute darauf reagiert haben?

 

Nur ganz, ganz wenige nehmen die Geldscheine an!

„Das gibt‘s doch nicht, da muss doch was faul sein!“, 

denken die meisten und lehnen verständnislos ab ...

 

Jetzt ist es aber mit der „Gerechtigkeit Gottes“, 

liebe Gemeinde, liebe Konfis, 

genau dasselbe wie mit so einem öffentlich 

und real angeboten Geldschein!

Da denken die Schwaben (wie die Badener): 

"Mir zahlet onser Sach!" 

„I lass mir nix schenka, des hab ich net neetig ..!“

 

Aber, wir vergessen: 

Was Gott uns geben will, 

des kennet mir net zahla“, liebe Gemeinde!

Diese offene Rechnung kann allein GOTT „zahla“! 

 

Und das war‘s, was Martin Luther beim Studium der Heiligen Schrift

aufgegangen ist und wo Gottes Geist ihn darüber mit einer 

unglaublichen sonderbaren Freude gepackt hat: 

 

„Der Glaube blickt [sagt Luther ab dieser Tag, an dem ihm dieses Licht

aufging!] unverwandt auf Christus.

Er ist auf nichts anderes gerichtet als auf Christus allein, der

die Sünde und den Tod überwunden und Gerechtigkeit, Heil 

und ewiges Leben gebracht hat".

 

Was will Luther damit sagen? 

 

Ich darf mein Leben mit allem, was es in sich birgt
(an Überheblichkeit, Selbstgerechtigkeit, aber auch Versagen, Schuld), 

ob sie mir bekannt  sind oder nicht, 

vertrauensvoll Jesus in die Hand legen, 

der mir dafür "wie in einem seltsamen Tausch" alles schenkt: 

Nämlich eine "ewig-gültige Gerechtigkeit" vor Gott! 

Sein Heil … für Zeit und Ewigkeit!

Für jetzt … und immer!

Ohne Gegenleistung! 

 

Und auch das ist hier wichtig: 

Auch ohne, dass die Kirche da noch ihre Einschränkungen 

unterbringen dürfte ...

Im Mittelalter hat man da die Leute hier noch auf einen 

„Schatz der Kirche" verwiesen, 

der auch noch was abwerfen könnte …

wenn man ihn anzapft z. B. durch Gebete zu Heiligen oder

Wallfahrten oder anderes. 

 

Aber Paulus sagt: 

Allein im Evangelium - im befreienden Wort Gottes, 

liegt dieser Schatz! 

Nirgends sonst! 

Hier ist die Vergebung, die Menschen, froh und frei macht.

Die keine Einbildung ist, sondern echt. 

Wenn Dir Dein Sünder Sein zur Last wird und Du Dich an 

Jesus klammerst. Denn komm und nimm: 

Jesus macht Dich frei, 

er schenkt Dir aus dem Schatz der Gerechtigkeit Gottes!

 

Durch diese Neu-Entdeckung Luthers 

ist das "Gerecht allein aus Glauben" zum Schlüsselwort 

des evangelischen Bekenntnisses geworden.

"Evangelisch" ist dabei vom griechischen Wortsinn her verstanden: 

"froh und frei machend", 

also überhaupt nicht polemisch im Sinne von besser 

als katholisch … gemeint. 

 

Aber kann man das wirklich so verstehen: "Allein aus glauben ..." 

wird ein Mensch gerecht vor Gott?

 

Ja, genau so ist es. 

Das haben die Reformatoren aus der Bibel ganz neu 

ans Licht befördert. 

 

Nur wenn das gilt: „Allein aus glauben“, 

ist die Gnade nicht nur so was wie notwendige Ergänzung für das, 

was wir vor Gott trotz ehrlichen Bemühens eben doch nicht schaffen …

Nur „allein aus Glauben“ ist Gottes Gnade was ist sie ist!

Gnade. 

Nur dann verdanken wir Gott wirklich alles!

 

Dann sind auch Christen gerade solche Menschen, 

die im Glauben schlicht dankbar annehmen, 

was ihnen Gott geschenkt hat, 

nämlich Jesus Christus!

 

Zu erkennen, dass dieser Jesus auch wegen meiner Verlorenheit 

ans Kreuz gegangen ist, um mich zu retten, 

weil Gott auch mich gerecht sprechen will … 

und dazu einlädt, das anzunehmen … dankbar anzunehmen. 

Daran hängt alles!

Was könnte ich dazu noch beizusteuern?

 

Allein Jesus Christus … macht es aus

und indem ich ihm im Glauben antworte, 

kommt diese Gerechtigkeit Gottes zu ihrem Ziel.

 

Das war für Martin Luther der erlösende Schlüssel, 

mit dem sich ihm mit einem Schlag 

der ganze Himmel geöffnet hat.

 

Ist das für uns heute auch so? 

 

Darf ich Dich so direkt fragen:

Ist das für Dich eine Selbstverständlichkeit?

Und Du denkst: „Klar ist Gott gnädig … was denn sonst!?“

„Er ist doch ein Gott der Liebe!?“

 

So zu denken ist populär, 

enthält aber einen gefährlichen Kurzschluss: 

Nämlich dass Gott einfach nur lieb und nett sei

und immer wieder alle Augen zudrückt …

 

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Buch „Nachfolge“ über 

dieses allzu selbstverständliche Kalkulieren mit Gottes Gnade 

geschrieben und er hat sie als „billige“, 

weil folgenlose Gnade entzaubert. 

Billige Gnade, schreibt er, 

ist Predigt der Vergebung ohne Buße, 

Taufe ohne Konsequenzen, 

Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden.

 

Damit hält er gerade den evangelischen Kirchen 

einen scharfen Spiegel vor. 

Wir verlieren unsere Basis, wir verlieren Jesus, 

wenn wir anspruchsloser Freiheit das Wort werden, 

dem „niemand kann tiefer fallen als in Gottes Hand“ …

wenn wir kirchlich absegnen, was Gott nicht segnet, 

wenn wir dem Bekenntnis des 21. Jahrhunderts, 

dem „anything goes“ (alles ist ok) auch in der Kirche folgen …

 

Da wird Gottes teure Gnade (der Tod am Kreuz)

zur „billigen“ Gnade, zum Wegwerfartikel. 

 

Uns Evangelischen fällt es manchmal ziemlich schwer, 

zwei Sachen klar auseinander zu halten: 

    - dass es die Gnade Gottes wirklich nur umsonst gibt,
und

    - dass Gott dafür zugleich einen hohen Preis gezahlt hat, 

         nämlich das Leben seines Sohnes Jesus Christus!

 

Um uns alles zu schenken, hat er alles gegeben!

Gottes Gnade ist wirklich umsonst, 

aber niemals billig!

 

Sie provoziert regelrecht dazu, 

ihm dafür ein Leben lang dankbar zu sein, 

Gottes Gnade vor anderen zu rühmen … weil sie so teuer ist

und durch sie andere zum Heil einzuladen. 

 

John Newton, ein Engländer, Sklavenhändler und später Liederdichter, 

hat von Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts zehntausende Sklaven 

wie Vieh von Westafrika nach Nordamerika transportiert. 

 

Bis Jesus Christus und die Gnade, 

die sein Tod am Kreuz für uns Menschen bedeutet, 

in sein Leben gekommen ist

und er dadurch ein anderer Mensch wurde. 

Da hat er angefangen, Gottes unverdiente Gnade zu preisen, 

unter anderem mit dem bekannten Lied "Amazing grace ..."

das von der „wunderbaren Gnade“ Gottes singt. 

Er hat sie angenommen und ist ein anderer Mensch geworden. 

 

Die Gnade Gottes, die er erfahren hat, 

lässt ihm jetzt keine Ruhe mehr. 

Und so kämpft er an der Seite der Schwarzen gegen den 

Sklavenhandel, 

kann viele von ihnen aus ihrem unmenschlichen Los befreien. 

Wenige Jahre nach seinem Tod wird in England die Sklaverei 

abgeschafft ...

 

In seinem Leben kann man beispielhaft ablesen: 

Gottes Gnade ist immer umsonst, aber nie wirkungslos!

Sie führt immer in die Nachfolge!

Sie verändert einen Menschen von Grund auf 

und treibt ihn ins Fragen nach dem Willen Gottes. 

 

Die Gnade Gottes kann gar nicht anders 

als so nah wie möglich an Gott dran bleiben! 

Sie will tun was Gott will. 

Sie will mithelfen, dass noch viele Gottes Gnade erfahren, 

Christen werden und Christus rühmen! 

 

Auch im 499. Jahr ruft uns das Reformationsfest 

zur Quelle zurück!

Zum Ausgangspunkt der Gerechtigkeit Gottes in Jesus Christus, 

die unsere Selbstgerechtigkeit beendet

zum Lob seines Tuns … und 

zur Umkehr dort, wo wir das Kostbare billig gemacht haben. 

Amen

 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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