2016-09-25

Predigt über Markus 12,28-34 / Pfarrer Friedhelm Bühner

Wir hören den Predigttext aus dem Markus-Evangelium, 

Kapitel 12, die Verse 28-34:

„Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen 

zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, 

dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist

das höchste Gebot von allen?  

Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: „Höre

Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein und du sollst den 

Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, 

von ganzem Gemüt  und von allen deinen Kräften.“

Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich 

selbst“. Es ist kein anderes Gebot größer als dieses. 

Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahr-

haftig recht geredet! - Er ist nur einer und ist kein anderer 

außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem 

Gemüt und von allen Kräften und seinen Nächsten lieben wie

sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.

Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er

zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand 

wagte mehr, ihn zu fragen.“ 

 

 

 

Liebe Gemeinde, 

eine ehrliche Frage - und eine klare Antwort! 

 

Ein Schriftgelehrter kommt mit einer Frage zu Jesus. 

Und das nicht, um ihn aufs Glatteis zu führen. 

Nein, er kommt hier in ehrlicher Absicht und stellt Jesus die

Frage: „Was ist das höchste Gebot von allen?“  

Ich weiß nicht, ob wir auf so eine Frage kämen!? 

 

Aber denken wir daran: Die Juden hatten nicht nur 10 Gebote, 

sondern beachteten insgesamt 613 Gebote und Ordnungen 

der Tora. Und zu den meisten von ihnen gab’s noch 

Ausführungsbestimmungen, 

die das tägliche Leben praktisch in jeder Hinsicht regelten. 

Machen wir uns das klar, 

dann können wir die Frage des Schriftgelehrten schon besser 

verstehen: Welches der Gebote hat denn unbedingten Vorrang? 

Gesetzt den Fall, ich gerate in einen Gewissenskonflikt: 

Nach welchem Maßstab soll ich mich dann entscheiden? 

 

Jesus gibt auf die Frage des Schriftgelehrten eine klare Antwort. 

Kurz und bündig heißt sie: „Liebe Gott und liebe deinen Nächsten

wie dich selbst, das ist das wichtigste Gebot!“ 

Für jüdische Ohren war diese Antwort durchaus vertraut. 

Denn es ist ein Teil ihres Glaubensbekenntnisses, 

des sogenannten „Sch‘ma Jisrael“ („Höre Israel!“), 

das sie jeden Morgen und jeden Abend beten. 

Also sagt Jesus eigentlich nichts Neues - oder?  

 

Seine Antwort jedenfalls findet allgemeinen Beifall, 

und auch die Zustimmung des Fragestellers. 

Und auch wir könnten Jesus doch voll und ganz zustimmen:

Liebe zu Gott und Liebe zu den Menschen, 

darauf kommt‘s doch an! 

Nicht wahr!?

 

Einwand: Hier liegt eine totale Überforderung! 

Denn:

Was uns so spontan einleuchtet, ist deswegen noch lange nicht

selbstverständliche Praxis!

Fragen wir uns ehrlich: 

Lieben wir Gott wirklich von ganzem Herzen,

von ganzer Seele, von ganzem Gemüt 

und von allen unseren Kräften,

wie Jesus es hier fordert? 

Und lieben wir unseren Nächsten wie uns selbst, das heißt:

Gönnen wir unserem Nächten all das Schöne, 

das wir in unserem Leben für uns genießen 

und sind wir genauso besorgt um sein Leben 

wie um unser eigenes? 

 

Ich glaube kaum, dass wir auf diese Frage genau so 

mit dem Brustton der  Überzeugung antworten würden: „Kein Problem! 

Gottes- und Nächstenliebe, das praktiziere ich von Kindesbeinen an!“ 

 

Nein, so anmaßend wird wohl keiner sein, 

zumal Jesus diesem jungen Mann sehr schnell vor Augen führt, 

dass sein Herz doch mehr am Wohlstand hängt als an Gott. 

Er, der meint, alle Gebote von Jugend an gehalten zu haben, 

scheitert bereits am ersten: „Ich bin der Herr, deine Gott! Du sollst

keine anderen Götter neben mir haben!“ 

 

Geben wir es doch einfach zu: Gott über alles zu lieben und 

unseren Nächsten wie uns selbst, das können wir gar nicht, 

das ist eine glatte Überforderung! 

 

Jetzt hat diese Einsicht oft zur Schlussfolgerung geführt: 

Wenn ich Gott sowieso nicht über alles lieben kann, 

dann soll er wenigstens etwas von meiner Zeit und Liebe, 

von meinem Geld und meiner Kraft bekommen. 

Sozusagen als Zeichen guten Willens. 

Wenn ich sonntags anderes eben wichtiger ist, 

dann tue ich ersatzweise mal was ganz „Spezielles“ für ihn!?

 

Auch mit unserem Nächsten (den Mitchristen) halten wir es gern ähnlich: 

Sobald ich ausreichend für mich gesorgt habe,

gehe ich durchaus auch auf ihn zu. 

 

Wir versuchen also mit einer „verbilligten Ausgabe“ des Doppel-

gebots der Liebe pragmatisch über die Runden zu kommen.

 

Und trotzdem glaube ich nicht, dass Jesus damit einverstanden ist. 

Er hat mit der Konzentration auf das Doppelgebot der Liebe das 

jüdische Gesetzt gerade deshalb zugespitzt und verschärft, 

weil er nicht wollte, 

dass wir uns mit Ersatz-Frömmigkeitsübungen vom 

Totalanspruch (erstrangigen Anspruch) Gottes auf unser Leben 

freizukaufen versuchen! 

 

Ich will deshalb einen anderen, ehrlicheren Weg vorschlagen: 

Lassen Sie uns Jesus gegenüber ohne Umschweife zugeben: 

Wir können das gar nicht, was du hier von uns erwartest! 

Wir sind damit total überfordert. 

So viel Hingabe und Liebe - Gott und den Nächsten gegenüber - 

bringt niemand von uns auf. 

 

Ja, mit einem solchen ehrlichen Eingeständnis fängt es an! 

 

Und zum Glück müssen wir dabei nicht stehenbleiben. 

Es muss nicht bei unserer Unfähigkeit zu ganzer, ungeteilter Liebe 

bleiben!

In unserem Predigttext steckt nämlich auch das ganze Evangelium!  

Es ist ein bisschen versteckt, zugegeben!  

Genau gesagt steckt es in dem einen Wörtchen „unser“: 

Jesus redet am Anfang seiner Antwort an den Pharisäer davon, 

dass Gott, der Herr, unser Gott ist. 

Und in diesem einen Wort ist alles reingepackt, was an Liebe und 

Zuwendung überhaupt nur denkbar ist:

 

Der Gott, der erwartet, dass wir ihn lieben, hat mit seiner Liebe 

längst den Anfang gemacht!

Ja, er hat uns bis zum Äußersten, bis zur Hingabe seines Sohnes 

geliebt! 

Er läuft uns nach, auch, wo wir ihn längst aus unserem Leben 

verdrängt haben. 

Wie ein enttäuschter Liebhaber, der nicht aufgibt, 

so wirbt Gott um unsere Zuwendung und verspricht uns, 

dass mit seiner Hilfe unser Leben gelingen wird. 

 

Jetzt weiß ich natürlich nicht, 

welche Vorstellungen und Bilder von Gott Du mit Dir herum trägst. 

Manche verbinden mit Gott immer noch Vorstellungen eines allmäch-

tigen Diktators, der den Menschen Druck macht und sie

in Angst und Schrecken hält. 

Für andere ist er mehr der ferne Gott, 

der inzwischen als alter Herr nicht mehr so ganz mitkriegt, 

was auf dieser Welt so abgeht 

oder einfach sein Interesse daran verloren hat. 

 

Aber alle diese Bilder und Vorstellungen sind falsch, 

weil sie am entscheidenden Wesenszug Gottes vorbeigehen: 

    - seinem brennenden Herzen, 

    - seiner leidenschaftlichen Liebe zu uns Menschen, 

        mit der er uns retten will, nach Hause zum Vater. 

Unser Gott ist ein Mitläufer, nicht aus Feigheit oder Bequemlichkeit, 

sondern weil er herzliches Erbarmen hat mit uns 

und ihn Dein und mein Schicksal wirklich interessiert! 

Er läuft neben uns her, manches Mal auch hinter uns her, 

und gelegentlich läuft er uns auch entgegen, 

so, wie der Vater dem verlorenen Sohn im Gleichnis. 

 

Deshalb steckt in unserem Bibelwort heute eine große

Ermutigung: Eine Befreiung zur Liebe! 

„Lasst uns lieben, denn er - Gott - hat uns zuerst geliebt!“, 

wie es im 1. Johannesbrief heißt. 

 

Ja, nur so herum ist es möglich!

Nur - unter der Voraussetzung, dass wir uns seiner Liebe öffnen, 

uns von seiner Liebe helfen und heilen lassen,

werden wir befreit zu ehrlicher Liebe Gott und Menschen gegenüber.

 

Ich sage bewusst „ehrliche“ Liebe und meine damit eine Liebe, 

die nicht berechnend und auf ihren Vorteil aus ist. 

(Wie oft schleicht sich auch in meine Beziehung zu Gott - trotz aller

Vertrautheit - dieses berechnende Element hinein: 

„Ich tue etwas für dich. Jetzt kann ich auch erwarten, dass du mir 

hilfst und mich nicht im Stich lässt!“

Oder: „Ich habe wieder mal versagt. Und muss das jetzt unbedingt

wieder gutmachen, damit Gott mich wieder akzeptieren kann ...“)

 

Aber das ist keine echte Liebe! 

Unter echter Liebe hat Jesus das kindlich-vertrauende Gespräch 

mit Gott als meinem Vater verstanden.  

Wobei wir ihn allen Ernstes sogar mit „Abba“ (also „Papa“) 

ansprechen dürfen. 

Weil Liebe sich aussprechen will 

und deshalb gar nicht anders kann 

als das Gespräch mit dem himmlischen Vater zu suchen. 

Auch in der Anbetung äußert sie sich, im Lobpreis seines Namens

und im Rühmen seiner Taten und Werke. 

 

Und das auch vor der Gemeinde. 

Weil jede echte Liebe auch nach außen will, 

Zeugnis geben will vor anderen Menschen,
weil sie nicht verschweigen kann, 

was Gott im eigenen Leben Gutes getan hat. 

Und so wie es unterschiedliche Liebhaber gibt, 

hält es der eine vielleicht mit einem Schuss Enthusiasmus, 

während der andere dabei stocknüchtern bleibt. 

Aber darauf kommt es nicht an

wenn es um die Echtheit von Liebe geht. 

 

„Und das andere Gebot ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie

dich selbst“, sagt Jesus. 

Gottesliebe und Nächstenliebe sind nicht identisch.

Aber sie gehören absolut zusammen! 

„(Denn) wie kann jemand sagen, er liebe Gott und hasst doch seinen Bruder?“ 

Auch das steht im 1. Johannes-Brief. 

Das geht nicht!

Gott lieben und seinen Bruder hassen (der verachten oder links liegen lassen). 

 

Und doch passiert es immer wieder: 

Wie oft hat religiöser Eifer und Fanatismus dazu verführt, 

Liebe und Hass nach eigenem Gusto 

unter den Menschen zu verteilen!?

Jesus aber sagt, dass wir sogar unsere Feinde lieben 

und denen Gutes tun sollen, die uns nur Böses wollen! 

Spätestens da merken wir: 

Da ist es nicht mit ein bisschen Nettigkeit getan!

 

Ohne uns - durch Jesus selbst - zu solcher Liebe befreien zu lassen, 

kommen wir über das altbekannte Freund-Feind-Schema nie hinaus. 

 

Oft wird ja geklagt, unsere Zeit sei von sozialer Kälte geprägt,

der Ellenbogen sei zum wichtigsten Körperteil geworden. 

 

Aber das in der Kirche zu beklagen, hilft ja keinem!

 

Sind nicht gerade wir - angesichts der unter uns ausgebrochenen

Eiszeit in den Herzen umso mehr gefragt zu zeigen, 

wie es denn unter den Christen mit der Praxis der Nächstenliebe 

aussieht!? 

Ob wir zur Lage der Nation nur mahnende Worte 

oder auch glaubwürdige Taten beitragen können? 

 

Es wäre doch schlimm, wenn gerade unter den Kältezuständen 

unserer Zeit die Christen sich als Endverbraucher der Liebe 

Gottes verstehen! 

 

Wo ist der „unter die Räuber Gefallene“, 

den Gott mir vor die Füße gelegt hat? 

Wo ist die Not in unserer Nachbarschaft, 

wo Gott mein Hinsehen, meine Anteilnahme erwartet? 

Wo ist der Menschen in Dennach, 

der darauf wartet, dass ich ihm Jesus verkündige

und ausschere aus dem, was sich das Dort so erzählt?

 

Wirkliche Liebe spekuliert da nicht auf Dankbarkeit, 

zählt nicht auf allgemeine Anerkennung und 

rechnet nicht mit vorzeigbarem Erfolg! 

Das alles gehört zur berechnenden „Liebe“ (die nach Jesus

keine Liebe ist). 

 

Und so sage ich es mir zunächst selber: 

Ich will es lernen, den anderen zu lieben, 

einfach, weil er da ist und weil Jesus auch mit ihm etwas vorhat. 

Ich will es lernen, den anderen zu lieben,

und weil es die Antwort ist auf jene rettende Liebe, 

mit der Jesus mir begegnet ist, 

die ich angenommen habe und die mich zum Christen gemacht hat. 

 

Diese knochen-ehrliche Liebe lässt dem anderen 

auch noch ausreichend Freiraum 

zu seiner eigenen Entwicklung. 

Von Fjodor Dostojewski stammt das schöne Wort: 

    „Einen Menschen lieben heißt: ihn so zu sehen, 

    wie Gott ihn gemeint hat.“

Also nicht: wie ich ihn gern gehabt hätte!  (2x)

 

Menschen mit den Augen Gottes sehen heißt: 

sie liebend über-schätzen. 

Darauf vertrauen und dafür beten, 

dass Gott auch in ihrem Leben noch zum Zuge kommen

und sie umgestalten soll -, auch, 

wenn sie ihm jetzt noch ablehnend und desinteressiert 

gegenüber stehen. 

 

Die Liebe lässt sich auch durch Enttäuschungen nicht abbringen

davon, dass Gott unser aller Bestes (die Rettung jedes Menschen) will 

und uns solange Zeit lässt sie anzunehmen 

solange wir leben. 

 

Und darüber hinaus, 

wünscht er uns schon im Hier und Jetzt

ein wirklich gelingendes Leben!

Amen

 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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