2016-02-14

Predigt über Hebräer 4,14-16 / Vikar Simon Wandel

Liebe Gemeinde,

die Schriftlesung, die wir vorhin gehört haben, ist so bekannt wie sonderbar. Da wurde Jesus im Jordan, getauft, der Heilige Geist fuhr auf ihn herab, Gottes Stimme erscholl aus dem Himmel und eigentlich könnte es losgehen. Es könnte losgehen mit dem Wirken Jesu in Galiläa, es könnte losgehen mit seiner Lehre und seinen Wundern, es könnte losgehen mit der Einladung in das Königreich Gottes und doch wird Jesus erst einmal ausgebremst. Ausgerechnet der Heilige Geist ist es, der ihn in die Wüste führt. Ausgerechnet der Heilige Geist ist es, der ihn den Versuchungen aussetzt. Wie hieß es doch im ersten Vers der Schriftlesung: „Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.“ Hätte Jesus das nicht erspart bleiben können? 40 Tage in der Wüste, bei Hitze und Sand, Hunger und Durst. Und dann, als er müde war von den Strapazen der Wüste, die Augen entzündet von der grellen Sonne und dem allgegenwärtigen Staub, die Kehle ausgetrocknet, dann wurden seine Treue und seine Standhaftigkeit nochmals ganz neu herausgefordert. „Der Versucher trat zu ihm und sprach:…“

 

Liebe Gemeinde, die Versuchungen, von denen wir in der Schriftlesung gehört haben, sind von großer symbolischer Wucht. Sie sind nicht zufällig ausgewählt, sondern benennen die größten Schwachpunkte des Menschen. Die Steine, die zu Brot werden sollen, zielen auf die menschlichen, körperlichen Grundbedürfnisse. Was ist der Mensch bereit zu tun, wenn das biologische Programm des Körpers die Herrschaft übernimmt? Was ist er bereit zu tun, wenn der Hunger und der Durst nur schlimm genug werden.

 

Als zweites kommt etwas hinzu, das man als Gotteskomplex bezeichnen kann: Stürze dich vom Tempel, spricht der Versucher zu Jesus, und Gott wird dich retten. Anders ausgedrückt: Fordere Gott heraus, zwing ihm deinen Willen auf! Die menschliche Gier, nach dem Allerhöchsten zu streben, das Verlangen danach, wie Gott zu sein, ist ein mächtiger und ein gefährlicher Antrieb in uns. Ob in der Technik oder in der Medizin, die Abwägung der Folgen, die Frage, ob wir einmal in Gang Gesetztes eigentlich wieder aufhalten, oder wenigstens kontrollieren könnten, interessiert nicht so sehr, wie die Faszination, scheinbar Unmögliches möglich zu machen. Die dritte Schwachstelle in uns Menschen ist die Verlockung der Macht. Bete den Teufel an und er wird dir die Weltherrschaft übertragen! Wie viele allzu menschliche Teufel treiben ihr Unwesen, wenn es darum geht, Macht über andere Menschen zu erlangen.

 

Unsere Schriftlesung von heute hat davon berichtet, dass auch Jesus all diesen Anfechtungen ausgeliefert war. Dass er nicht davon verschont blieb, von den dunklen Seiten menschlicher Existenz. Und es wird davon erzählt, wie er standhaft bleiben konnte, gegen alle Verlockungen und Versuchungen. Die Bibelzitate, die der dem Satan ins Gesicht schleudert, sind natürlich keine Zaubersprüche gegen das Böse. Sie symbolisieren vielmehr die unverbrüchliche Treue zu Gottes Wort, die unauflösbare Gemeinschaft zwischen dem Gottessohn und seinem himmlischen Vater. In den Versuchungen ist Jesus wahrer Mensch, in der Überwindung der Versuchungen wahrer Gott. Und so schimmert dort in der Wüste zum ersten Mal die Natur des Gottessohnes durch.

 

Der Predigttext für heute greift diese Tradition von der Versuchung Jesu auf. Und der Text zeigt uns, wie der erfolgreiche Widerstand Jesu für uns zu einem Grund der Hoffnung wird. Ich lese aus dem 4. Kapitel des Hebräerbriefes (Vv14-16):

„Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.

Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“

 

Welch ein ermutigendes Bild, das der Hebräerbrief uns zeichnet. Trotz aller himmlischen Herrlichkeit, trotz allen Glanzes, der den auferstandenen Christus umgibt, ist er uns doch so nahe. Gerade in unseren Schwachheiten, unseren Anfechtungen, in den Versuchungen, die uns umtreiben, fühlt Christus mit uns, leidet er mit uns. Eben weil er alle Anfechtungen selbst erlebt hat, weiß er genau, wie es um uns bestellt hat. Er weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Versuchung nach uns greift, wenn sie uns fortreißen will. Fort von einem Verhalten, von dem wir wissen, dass es gut und angebracht wäre. Fort von einer Form der Lebensgestaltung, die auch den Menschen um uns herum Platz zum Leben und Atmen, zum Lachen und Lieben lässt. Fort von einer gelebten Verantwortung nicht nur gegenüber unserem Gewissen, sondern auch gegenüber Gott.

 

Sie merken, wenn ich hier über Versuchungen spreche, rede ich nicht von den Verlockungen einer Schokotorte oder einem guten Tropfen Rotwein. Ich rede über Versuchungen, die zu Brüchen führen, Brüchen in den Beziehungen zu den Mitmenschen und zu Gott. Die Schokotorte oder der Rotwein werden dann zum ernsten Problem, wenn sie wichtiger werden, als die Mitmenschen, wenn die Liebe zum Rotwein die Familie zerstört oder die Liebe zur Torte die Gesundheit kaputt macht. Aber lassen wir diese Klischees der Fastenzeit beiseite. Kehren wir zurück zu den Versuchungen, die unsere menschlichen Schwachstellen angreifen, die unsere Begierden wecken, die uns Macht in Aussicht stellen, die uns versprechen, dass wir sein würden wie Gott.

 

Das Perfide daran ist, dass uns all die Verlockungen, Versuchungen und Anfechtungen vorgaukeln, dass das Leben besser, schöner, genussvoller sein wird, wenn wir ihnen nur nachgeben. Dass die kleine Störung des Gewissens, dass die zeitweilige Abkehr von Gott, dass das kleine bisschen Ärger, das wir unserem Nachbarn einbrocken, dass all diese Dinge eben der Preis sind, denn wir zu zahlen haben, für ein besseres Leben. Ein Preis, der aber nicht wirklich ins Gewicht fällt.  Um es kurz zu sagen: Das ist eine Lüge! Denn es sind die Menschen, die wirklich zählen! Es ist Gott, der wirklich wichtig ist. Aller Reichtum, aller Einfluss, alle Bewunderung verblasst dahinter. Somit ist der Preis zu hoch, wenn ich meiner Familie den Rücken kehre, um frei von meinen Lieben,  aber abhängig von meinen Begierden ein Leben in Saus und Braus zu genießen. Der Preis ist zu hoch, wenn in meinen beruflichen Entscheidungen Kollegen und Mitarbeiter nur noch Mittel zum finanziellen Zweck sind. Der Preis ist zu hoch, wenn ich Gott immer weiter aus meinem Leben dränge, damit ich niemandem mehr verantwortlich sein muss. Der Preis ist zu hoch.

 

Begierde, Macht, Gotteskomplex: Versuchungen packen uns Menschen an unseren Schwachstellen. Gerade in den Wüstenzeiten des Lebens, wenn wir angeschlagen, müde, ausgelaugt sind, werden sie immer stärker. Und kommt dann noch die Furcht dazu, wird die Versuchung, eine Verlockung in die Tat umzusetzen, nahezu unwiderstehlich. Denn die Furcht ist für die Versuchung, wie Hefe für einen Teig: Die Furcht, im Leben zu kurz zu kommen; die Angst vor sozialem Abstieg; die Panik, von anderen verspottet zu werden, weil man nicht auf’s Ganze gegangen ist. Tritt die Furcht an die Seite der Versuchung, dann bedarf es großer Stärke, sich dem Sog zu widersetzen. Denken Sie beispielsweise an den Konkurrenzkampf in einer Firma, die von Personalabbau betroffen ist. Wie groß kann das Verlangen werden, mit einem schmutzigen Winkelzug den Kollegen auf der anderen Seite des Flures auszubooten, um die eigene Position zu sichern. Oder denken Sie an die Schule: Wie mächtig kann der Drang sein, sich auf die Seite der Coolen und der Angesehenen zu stellen und mitzumachen beim Mobbing des kleinen, dicken Außenseiters, um ja nicht selbst gemobbt zu werden.

 

Der Sog der Versuchung ist gewaltig. Und tritt dann noch die Furcht an die Seite der Versuchung, spätestens dann haben wir Hilfe bitter nötig, um bestehen zu können. Um die Wüstenzeiten durchzustehen. Wie hieß es doch gleich im Predigttext:

„Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.

 

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.

 

Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“

 

Der Hebräerbrief nimmt kein Blatt vor den Mund. Er weiß, dass wir alle in unserem Leben gegen die Versuchungen werden kämpfen müssen. Er weiß, dass Jesus allein der einzige ist, der jemals alle diese Kämpfe gewonnen hat. Und er weiß auch, dass wir in diesen Kämpfen Hilfe dringend benötigen werden, wenn wir nicht der Begierde, der Macht, dem Gottkomplex zum Opfer fallen wollen. Doch in all diesem Wissen ist der Brief erstaunlich zuversichtlich und heiter.

 

„Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“

Es überrascht nun nicht, dass wir diese Hilfe von Christus bekommen sollen. Alles andere wäre für das Neue Testament doch etwas seltsam gewesen. Doch stellt sich die Frage, wie wir den Zugang finden sollen, zu diesem Gnadenthron. Es stellt sich die Frage, wie das Mitleid Christi mit uns und unseren Schwachheiten zu einer Quelle der Hoffnung und der Hilfe werden soll. Denken wir noch einmal zurück, zur Schriftlesung. Da stand Jesus, erschöpft, hungrig und durstig in der Wüste und hielt in all seiner körperlichen Schwäche stand! Er hielt stand gegen die Versuchungen und Verlockungen, die davon raunten, wie besser das Leben doch wäre, wenn er nachgeben würde. Wie angenehmer alles sein könnte, wenn er sich nur von Gott abwenden würde. Jesus hielt stand, indem sich treu zu seinem himmlischen Vater stellte, indem er keinen Keil zwischen ihn und sich treiben ließ. In derselben Tonlage formuliert es auch der Hebräerbrief für uns: „So lasst uns festhalten an dem Bekenntnis!“ An dem Bekenntnis zu Jesus, dem Gottessohn. Anders ausgedrückt: Lasst uns den Glauben lebendig halten. Das ist ein echtes Lieblingsthema des Briefes.

 

Doch wie soll das denn bitte gehen? Mitten in der größten Anfechtung, mitten in der Versuchung, die uns gerade von Gott wegzerren will, an dem Glauben festhalten? Wenn dies möglich wäre, dann bräuchte ich Jesus gar nicht, dann wäre ich selbst in der Lage, genauso wie er in der Wüste, den Versuchungen in all ihren Formen zu widerstehen. Doch so weit geht die Forderung unseres Predigttextes gar nicht. Es ist nicht wichtig, ohne Fehl und Tadel perfekt im Glauben zu stehen. Es ist nicht wichtig, aus ganz eigener Kraft danach zu streben, die Versuchungen zu überwinden. Glaube ist kein Leistungssport und Jesus ist kein Punkterichter, der Medaillen verteilt.

 

Jesus ist der barmherzige Hohepriester, der mit uns mitleidet, in all unserer Schwäche. Jesus ist derjenige, der ganz genau weiß, wie schwer es ist, den Versuchungen zu widerstehen; wie schwer es ist, die Furcht zu besiegen, die Verlockungen nur noch größer werden lässt. Deswegen ist er die richtige Adresse, an die wir uns wenden können, wenn wir angefochten sind, wenn die Begierde, die Macht, der Gotteskomplex uns von Jesus wegreißen wollen. Es geht in diesen Situationen nicht darum, perfekt im Glauben zu stehen. Es geht vielmehr darum, überhaupt die Hände nach Jesus auszustrecken, ihn um Hilfe zu bitten. Es geht darum, dass wir seine Nähe suchen, dass wir nach seinem Rat und nach seinem Willen fragen, um die Orientierung zurückzugewinnen. Wenn wir ernsthaft versuchen, die Anfechtungen und Verlockungen allein mit uns selbst austragen, dann haben wir den Kampf schon verloren. Es geht konkret darum zu beten, auf Gottes Wort zu hören, sich in die Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi hineinzubegeben. Es geht konkret darum, das Vertrauen in Jesus zu setzen und das Leben mit ihm zu teilen. Auch und gerade das angefochtene, das von Versuchungen geschüttelte Leben. Jesus will auch die Wüstenzeiten mit uns durchstehen.

 

Ein kurzer Gedanke zum Schluss: Ist Ihnen die Sitzgelegenheit Jesu in unserem Predigttext aufgefallen? Er sitzt hier nicht auf dem Richterstuhl, um ein Urteil zu fällen, um die Gestrauchelten zu verdammen. Nein! Er sitzt auf dem Gnadenthron, um all denen Barmherzigkeit und Hilfe zu geben, die sich in ihren Versuchungen und Anfechtungen an ihn wenden, die verzweifelt ihre Hände nach ihm ausstrecken. Jesus sitzt auf dem Gnadenthron und hält uns fest. Er stärkt den erschütterten Glauben. Er weiß doch ganz genau, wie es um uns bestellt ist. Und er hat die Macht, alle Verlockungen, alle Versuchungen, alle Anfechtungen, die von uns ihm wegreißen wollen, zu überwinden. „Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“

Amen.




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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