2015-09-06

Predigt über Lukas 17,11-19 / Vikar Simon Wandel

Müde sind sie, müde vom wochenlangen Umherirren, müde aufgrund der fehlenden Perspektive, der trüben Zukunftsaussichten. Eigentlich haben die Männer nichts miteinander zu tun: Sie sind nicht miteinander verwandt, sie stammen auch nicht alle aus demselben Dorf. Aber die Umstände haben sie zusammengeführt, das Leben, das ihnen so grausam mitgespielt hat. Gemeinsam ist ihnen die Ablehnung, die ihnen überall entgegenschlägt. Nirgendwo werden sie willkommen geheißen. Man sieht es ihnen ja schon von weitem an, dass sie anders sind, dass sie nicht dazugehören. Ihre abgerissenen Kleider, ihre hungrigen Gesichter machen es nicht besser. Hin und wieder erfahren sie ein wenig Hilfe; den einen Helfer motiviert das Mitleid, den anderen das schlechte Gewissen. Einen Bissen zu essen, einen Schluck zu trinken, vielleicht ein paar abgetragene Kleider – aber dann weiter, weiter ihr könnt hier nicht bleiben.

Den Männer haftet eine Makel an, ein menschlicher Makel, es könnte jeden treffen, wenn die Umstände dementsprechend schlecht sind. Sie hat es getroffen und so mussten sie ihre Häuser verlassen. Wohin sie auch gehen, sind sie ausgegrenzt, gehören sie nicht mehr dazu. Was sie brauchen ist mehr, als ein Bissen Brot, das nach schlechtem Gewissen schmeckt. Sie sehen sich nach einem Platz in der Gesellschaft, so wie früher, sie benötigen jemanden, der willens und in der Lage ist die unsichtbare Grenze zwischen ihnen und den anderen Menschen aufzulösen, der den Makel überwindet, der ihnen eine echte Perspektive eröffnet.

 

11Und es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog.

12Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne

13und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!

14Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.

So weit erst einmal unser Predigttext aus dem 17. Kapitel des LkEv.

 

„Zehn aussätzige Männer“ Was Martin Luther hier übersetzt ist weniger die Krankheit der Männer, als vielmehr ihr sozialer Status. Die Lepra ist, so beschreibt es der griechische Text, die Lepra ist es, die die Männer befallen hatte. Und wer die Lepra bekam, der war ihm wahrsten Sinne des Wortes ein Aus-Sätziger: Ausgestoßen aus der Dorfgemeinschaft, ohne Rücksicht auf Geld, Ansehen und Verdienst. Mit der Lepra war nicht zu spaßen und im Alten Testament finden sich im Buch Levitikus seitenlange Abhandlungen darüber, wie mit den Kranken zu verfahren ist und welche Hürden ein Geheilter überwinden muss, um wieder in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. „Wer nun aussätzig ist, soll zerrissene Kleider tragen und das Haar lose und den Bart verhüllt und soll rufen: Unrein, unrein! Und solange die Stelle an ihm ist, soll er unrein sein, allein wohnen, und seine Wohnung soll außerhalb des Lagers sein.“ Wer zu den Aussätzigen gehörte durfte nicht mehr an der Dorfgemeinschaft und auch nicht mehr an den Gottesdiensten teilhaben. Wer zu den Aussätzigen gehörte war fern von den Menschen und fern von Gott.

12 Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne

13und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!

 

Mit diesem Ruf ist alles, wirklich alles gesagt: „Jesus, erbarme dich unser!“ Alle Verzweiflung, aller Schmerz, alle Hilflosigkeit, die die Männer quälen und umtreiben, stecken in diesem Aufschrei. Da bricht sich die Sehnsucht nach Heilung Bahn und der sehnliche Wunsch, endlich, endlich wieder angenommen zu werden, nicht mehr ausgegrenzt zu sein. „Jesus, erbarme dich unser!“ Mit diesem Jesus, das spüren sie, das wissen sie, leuchtet die Hoffnung aus, endlich aus dem Jammertal herauszukommen, endlich die tiefe Not zu überwinden.

Dabei kommen die Männer mit leeren Händen, sie haben nichts anzubieten, da wird kein Handel abgeschlossen, kein Krankenkassenkärtchen zur Abrechnung überreicht, kein Familiensilber zur Bezahlung verscherbelt, nichts dergleichen. Die Männer haben nichts mehr, nur noch sich selbst und ihre Not. Und Jesus? Er lässt sich nicht lange bitten. Er prüft nicht, ob es auch tugendhafte Menschen sind, er fragt nicht nach ihrem gesellschaftlichen Wert, nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen. Er blickt allein auf das Leid der Männer, auf ihren Schmerz, auf ihre Verlorenheit. Angesichts des Elends entflammt seine Barmherzigkeit, sie ist es, die ihn motiviert, die ihn antreibt, den Männern zu helfen. Und er hilft ihnen, er kümmert sich um sie im Rahmen seiner unbegrenzten Möglichkeiten und heilt sie von dieser todbringenden, ausgrenzenden Krankheit.

Die Heilung der zehn Aussätzigen reiht sich ein in eine Kette von Erzählungen im LkEv, die allesamt die motivierende Kraft der Barmherzigkeit zum Inhalt haben. So finden wir die Barmherzigkeit Jesu gegenüber Kranken, Besessenen und Sündern, wir treffen den barmherzigen Samariter, den Vater des verlorenen Sohnes. Immer wieder wird das Mit-Leiden, wird die barmherzige Anteilnahme als Grundlage allen menschlichen Handelns beschrieben. Und über allem steht das Gebot Jesu aus Lk 6: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist!“ Dadurch wohnt der Perikope für uns eine motivierende Kraft inne, der Barmherzigkeit Jesu nachzueifern, ihn zum Vorbild zu nehmen, selbst zu Tätern des mitleidvollen Handelns zu werden.

Und da stehen wir also: Die Vollmacht Jesu wurde eindrucksvoll bewiesen, zehn Menschen wurden von der Lepra geheilt, aus der tragischsten Krise ihres Lebens gerettet. Sie wurden sogar durch die Priester wieder offiziell in die Gemeinschaft aufgenommen, sie haben nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre Zukunft wieder zurückbekommen. Es wäre ein schönes Ende für eine schöne Wundergeschichte und für neun von zehn Personen war es auch genau das: Das schöne Ende einer wunderbaren Begegnung. Wie so oft in den Jesusgeschichten des LkEv gibt es eine Wende, eine Verschärfung der Situation, die nochmals ganz neu nach Aufmerksamkeit verlangt.

Unser Predigttext erzählt weiter:

15 Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme

16 und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter.

17 Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun?

18 Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?

19 Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dich gerettet.

Einer von zehn, nur ein einziger macht sich nach der erfolgreichen Heilung nochmals auf die Suche nach Jesus. Ein einziger und ausgerechnet ein Bewohner aus Samaria. Einer von denen, die in den Augen der Israeliten eigentlich keinen richtigen Glauben hatten, da sie Gott nicht im Jerusalemer Tempel auf dem Berg Zion anbeteten, sondern in einem Heiligtum auf ihrem eigenen Berg, dem Garizim. Ausgerechnet so ein Samariter, einer von den Ketzern, von den Wüstgläubigen macht auf dem Absatz kehrt, kommt zurück zu Jesus und überschlägt sich fast vor lauter Freude und Dankbarkeit. Er ist nicht einfach losgestürmt in ein neues Leben, jenseits von Lepra und Ausgrenzung, alles vergessend was hinter ihm lag. Nein, der Samariter ist zurückgekommen, hat Jesus, die Quelle seiner Heilung gesucht, um ihm zu danken und gemeinsam mit ihm Gott zu loben. Der Geheilte weiß ganz genau, dass niemand solche Taten vollbringen kann als Gott allein. Und in seinem Jubel, in seiner Dankbarkeit wird „dieser Fremde“, der Samariter, der Ketzer zum leuchtenden Vorbild: „Steh auf, geh hin, dein Glaube hat dich gerettet!“

Zehn Stimmen haben lauthals um Barmherzigkeit gefleht, um Hilfe, um Heilung und nur eine Stimme war zu hören, als es um Dankbarkeit ging. Ich muss gestehen, ich fühle mich dabei irgendwie ertappt. Um wie viel eifriger, drängender und lautstarker ist mein Gebet, wenn ich von Gott etwas erhoffe, etwas erbitte, etwas verlange! Wenn ich, wie einer von den Aussätzigen, mit nichts dastehe und alles von der göttlichen Barmherzigkeit erwarte. Wenn ich nur noch rufen kann „Kyrie eleison“ „Herr, erbarme dich!“ Und wie leise kann ich sein, im Loben und Danken, wie schnell gehe ich im Gebet über Angenehmes, über Erfolgreiches hinweg. „Not lehrt beten!“ das weiß der Volksmund. Doch auch die Freude kann das Beten lehren; voller Jubel, voller Dankbarkeit.

Der geheilte Samariter ist dafür ein Vorbild im Glauben und es soll gewiss nicht darum gehen, dass er uns ein schlechtes Gewissen macht. Oh weh, da muss ich mich aber ranhalten und mich schön artig bedanken. Es geht hier nicht um ein schlechtes Gewissen, sondern vielmehr darum, Lust zu machen Gott zu danken und zu loben.

Wenn ich Gott für wichtig genug halte, dass ich ihm meine Sorgen und meine Nöte anvertraue, ja anbefehle, dann ist er auch der Richtige, um meine Freude zu teilen, um mit ihm meine Erfolge zu feiern. Freud und Leid, Höhenflüge und Tiefschläge, das ganze Leben in all seinen Facetten mit Gott zu teilen, mit Gott zu leben, das zeichnet den Glauben aus, den Jesus am Ende des Textes so sehr lobt. Es tut gut, dass uns der Samariter daran erinnert, dass wir nicht nur im Leid, sondern auch in der Freude nicht alleine, sondern gemeinsam mit Jesus auf dem Weg sind. Es ist richtig und wichtig, Gott zu danken und zu loben für große und kleine Glücksmomente. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass ich mit nichts in der Hand zu Gott kommen darf und später, aus lauter Liebe reich beschenkt, einen Grund zum Danken haben werde.

Und wenn ich diese Dinge vergesse, wenn ich es vergesse, dass Glaube mehr ist als Bitten und Betteln, wenn ich es vergesse, dass Glauben Vertrauen in Gott bedeutet, Barmherzigkeit gegenüber mir und gegenüber Fremden, wenn ich es vergesse, dass im Glauben der Mut zum Handeln steckt, wenn ich es vergesse, dass im Glauben das Fundament all meiner Freude, all meines Jubels zu finden ist, wenn ich all dies vergesse, dann wird mich der Samariter erinnern. Er wird mich daran erinnern, auf dem Absatz Kehrt zu machen und zu Jesus zu gehen, der Quelle unseres Heils. Er wird mich daran erinnern mit Jesus Gott zu loben, ihm zu danken und den Glauben zu leben, mit aller Freude und aller Kraft.

Amen.

 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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