2013-10-13

Predigt über Markus 2,23-28 / Pfarrer Friedhelm Bühner (Die Predigt zum Erntedankfest in Schwann liegt nicht in digitaler Form vor)

Wir hören den Predigttext für diesen Sonntag aus dem Markus-Evangelium, Kapitel 2, die Verse 23 bis 28:

„Und es begab sich, dass Jesus am Sabbat durch ein Kornfeld

ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren 

auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch!

Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?

Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als 

er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie 

er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters

und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester

und gab sie auch denen, die bei ihm waren? 

Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen 

gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. 

So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat. 

 

 

 

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden,
an einer englischen Uni ist nachgewiesen worden:
Zum Lesen eines Wortes müssen der erste und der letzte
Buchstabe richtig geschrieben sein.
Die Buchstaben dazwischen können im Grund ganz willkürlich
angeordnet sein.
Das Gehirn schafft es trotzdem, das richtige Wort zu erkennen.
So ist das beim Lesen. Nicht immer wird das gelesen,
was wirklich da steht.  

(1. Viele Fragen) 

»Habt ihr nie gelesen?« fragt Jesus die Pharisäer.
Sie haben sich bei ihm beschwert, weil seine Jünger anscheinend
mehr Ähren als Bibel gelesen haben.

Natürlich hatten sie gelesen.
Sie sind ja keine Analphabeten.
»Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebenten Tage sollst du ruhen,
auch in der Zeit des Pflügens und des Erntens«.
So steht es in der Thora, im zweiten Buch Mose, Kapitel 34, 21.
Da haben wir es schwarz auf weiß: 
Ernten am Sabbat ist verboten.
Vielleicht müsste Jesus seine Jünger besser einweisen!?
Hat er nicht gelesen, dass jeder, der am Sabbat eine Arbeit tut,
des Todes sterben soll (das steht in 2. Mose 31, 15)?

Für Euch Konfirmanden: Was ist der Sabbat?
Das ist der Samstag - für Juden ist der Samstag der 7. Tag der Woche, 

so wie für uns heute der Sonntag.
Und weil der Sonntag für uns der geläufigere Begriff ist,
habe ich überlegt: Tun wir heute mal so, als ob Sabbat und Sonntag
das Gleiche ist. Es meint auf jeden Fall dasselbe ...

Dann hören sich die Pharisäer für uns so an:
»Warum tun deine Jünger am Sonntag, was nicht erlaubt ist«?

Die Pharisäer haben die Jünger nämlich auf frischer Tat ertappt.
Tja, wenn man wüsste, wo die Radarkontrollen stehen,
dann würde man vorsichtiger sein.
Aber jetzt sind sie geblitzt worden
und die Pharisäer verstehen sich als Ordnungshüter.

Ihr Ergebnis: Jesus muss aus dem Verkehr gezogen werden.
So einer darf nicht länger andere verführen.
Warum lässt Jesus seine Jünger etwas tun,
was am Sonntag doch wohl verboten ist? 

Alle Augen sind auf Jesus gerichtet.
Wie löst er die Spannung auf?
Gibt er den Pharisäern recht, dann räumt er ein,
dass die Jünger einen großen Fehler machten.
Dann hätte er allerdings auch seine Autorität verspielt bei allen, 

die um ihn herum waren. 

Schlägt er sich aber auf die Seite seiner Jünger,
dann schlagen ihm die Pharisäer das Alte Testament um die Ohren. 

 

»Habt ihr nie gelesen?«
Jesus stellt eine Gegenfrage.

Dann greift er eine Geschichte aus dem 1. Buch Samuel auf und
nimmt die Frager mit in die Zeit Davids aus der Bibel.
Als junger Mann war der auf der Flucht vor König Saul,
der ihn umbringen wollte, 

weil er in David seinen politischen Gegner gesehen hat.
 
David muss darauf hin fliehen nach Nob,
wo damals das Heiligtum Gottes stand.
Und der Dienst habende Priester gibt ihm dort von den Schaubroten
zu essen, die im Haus Gottes ausgelegt waren.
Das Brot ist an jedem Sonntag ausgetauscht worden,
die Priester haben das alte gegessen ...
Nur sie hatten die Berechtigung dazu.

David und seine Leute haben also gegen eine klare Gottesdienst-
ordnung verstoßen, als sie vom Heiligen Brot gegessen haben.
Die Ordnung haben sie gebrochen,
aber sie haben das Leben erhalten. 

Verstehen die Pharisäer, was Jesus damit sagen will?
Verstehen wir heute Jesus?

Manche lesen aus den Worten von Jesus heraus:
»Ausnahmen bestätigen die Regel.
Wir sollten nicht päpstlicher sein als der Papst«.

Andere sind davon überzeugt:
Für Leute, die Jesus nachfolgen - also für die Christen - hat sich
der Sonntag erledigt.
Schließlich hat Jesus das Gesetz abgeschafft.
Sie sind frei vom Gesetz. 

Aber:
Habt ihr nie gelesen, dass Jesus sagt: Ich bin nicht gekommen,
um das Gesetz und die Propheten aufzulösen,
sondern zu erfüllen (Matthäus 5, 17ff)?
Habt ihr nie gelesen, dass Paulus an die Römer schreibt:
Die Tora, das Gesetz Gottes ist heilig und gut (Römer 7, 12)?
Aber was soll das dann hier in diesem Weizenfeld am See Genezareth?
Kehrt Jesus dem Gesetz des Mose den Rücken zu?
Kündigt er dem Sonntag die Treue?
Oder richtet er den Sonntag erst recht auf und stellt ihn ins rechte Licht? 

»Der Sonntag ist für den Menschen gemacht und nicht der
Mensch für den Sonntag,« sagt Jesus.
»Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sonntag.«
Der Sonntag gehört also Dir - und – der Sonntag gehört Jesus.

(Die 2. Antwort von Jesus:
Der Sonntag gehört dir)  

Im chassidischen Judentum, das ist eine Richtung unter den Juden,
die die Regeln des Gesetzes ganz streng befolgen will,
erzählt man die folgende Geschichte:

Ari Lev glaubte, dass er gegen den Sabbat verstoßen habe.
Seine chassidischen Freunde konnten ihn nicht trösten.
Da wandte er sich an Rabbi Raphael:
»Du bist ein wahrer Freund, und du wirst mich nicht täuschen.
Was muss ich tun, wenn ich gegen den Sabbat verstoßen habe?«
Rabbi Raphael antwortete ihm:
»Wenn jemand gegen den Sabbat verstoßen hat,
muss er dafür büßen.
Der erste Schritt der Buße ist den Sabbat zu ehren,
indem man sich an ihm erfreut.
Gott hat den Sabbat gesegnet und hat uns diesen wunderbaren
Tag aus Liebe gegeben. Wenn wir uns an ihm erfreuen,
zeigen wir Gott, dass wir sein Geschenk schätzen.
Erfreue dich also an ihm! Das wird deine Buße sein!«
»Du bist ein treuer Freund«, lächelte Ari Lev.
»Danke. Du hast mich getröstet.«

Der Sabbat (Sonntag) ist ein Geschenk Gottes an dich!

Rabbi Raphael, Rabbi Jesus und viele andere
rufen uns in Erinnerung: 
Der Sonntag ist ein kostbares Geschenk.
Du bist kein Hamster, der sich endlos im Rad drehen muss.
Du bist auch keine Maschine,
die am besten dadurch ausgenutzt wird, wenn sie Tag und Nacht läuft.
Du bist Mensch.
Und deine Würde besteht darin, dass du einen Tag in der Woche
deine gewohnte Arbeit sein lässt,
aussteigst aus dem Hamsterrad des Lebens. 

Nicht alle können das von Berufs wegen:
Krankenschwestern, Pfleger, Polizisten, Soldaten ... und Pfarrer.
Aber alle brauchen diesen siebten Tag.
Die Kommunisten in der Sowjetunion haben in den 30-er Jahren
mal die 10-Tage-Woche eingeführt und wollten damit die
Produktion steigern. Aber die Menschen haben eine eingebaute
„Uhr“, die nach sechs Tagen eine Pause braucht ...
Nachdem die Produktivität nicht gestiegen ist,
dafür aber viele Leute krank geworden sind,
sind die Kommunisten wieder zur 6-Tage-Arbeitswoche zurück
gegangen ...

Heute lassen sich viele den Ruhetag nehmen,
weil sie mit vielem - scheinbar Wichtigem - beschäftigt sind.
Aber auch die Bibelkenner und gläubigen Juden zur Zeit von Jesus
haben sich den Sonntag nehmen lassen.

Sie lebten unter dem Zwang des Sabbats.
Sie waren beschäftigt, ihre 2.000 Schritte zu zählen,
um ja nicht die Länge des Sabbatwegs zu überschreiten.
Hoffentlich hatten sie noch genug Schritte,
um vom Kornfeld wieder heim zu kommen!
Sie hatten alle Hände voll zu tun,
um ja nicht ein Sonntagsgebot zu übertreten.
Weil sie ständig bei anderen für Ruhe sorgen mussten,
sind sie selber gar nicht zur Ruhe gekommen.  

Der Sonntag gehört Dir!
Freu Dich darauf und leb‘ auf, will Jesus sagen!
Dabei ist der Sonntag nicht nur auf einen Tag in der Woche beschränkt.

Wer sich den Sonntag zu eigen macht, der kann ihn an jedem Tag erleben.
Nehmen wir nämlich den Sonntag ein,
dann kommen wir nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich zur Ruhe.

Studien zeigen, dass der durchschnittliche Mensch
oder eine durchschnittliche Gruppe nur fünfzehn Sekunden Stille
aushalten kann.
Haben Sie schon mal im Gottesdienst ein Stilles Gebet erlebt,
das erst nach zwei Minuten abgeschlossen worden ist?

Unser Innerstes sehnt sich nach Stille und Ruhe.
Und doch ist es so schwer,
den Lärm hinter sich zu lassen und zur Ruhe zu kommen.  

Da kommt einer von einer Besprechung oder Sitzung nach Hause.
Die Themen haben ihn ganz schön aufgewühlt.
Um abzuschalten setzt er sich vor den Fernseher oder PC.
Als ob man die innere Unruhe durch weitere Unterhaltung
zum Schweigen bringen kann.

Da hat jemand einen großen Frust in der Schule oder im Beruf erlebt
oder den persönlichen Verlust eines lieben Menschen hinter sich.
Wie viele stürzen sich in „Action“,
weil sie die Stille nicht aushalten können.
Sie brauchen Ablenkung, sonst kommen ständig die unangenehmen
Gedanken oder Gefühle hoch.
 

Wie können wir uns den Sonntag aneignen?
Wann können wir im Tagesablauf unterbrechen,
die Arbeit Arbeit sein lassen,
damit Körper und Geist zur Ruhe kommen?

Vielleicht morgens, mittags oder abends sich an einen
bestimmten Ort in der Wohnung begeben.
Um dann vor Gott zur Ruhe zu kommen.
„Wenn Du aber betest, dann geh in dein Kämmerlein
und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater,
der im Verborgenen ist ...“ (Mt 6,6)
Die Kraft dieser Anweisung von Jesus wird mir immer wichtiger
und wertvoller. Wenn ich ohne diese stille Zeit mit Gott in und
durch den Tag gehe, dann geht es mir viel schlechter ...
und vieles läuft auch schlechter!
Gott ist doch nicht nur am Ruhetag auf Begegnung eingestellt.
Er ist da, um in meinen Alltag Licht zu bringen.
Er will auch den Montag, den Dienstag oder den Mittwoch
zum Sonnentag machen.   

 

 

(3. Der Anspruch von Jesus:
Der Sonntag gehört mir) 

Der Sonntag gehört Dir, sagt Jesus und
er geht noch einen Schritt weiter. 
Er behauptet: »So ist der Menschensohn ein Herr auch über
den Sonntag«. Also gehört der Sonntag IHM. 

Nach einer alten jüdischen Legende hat Gott mit den Israeliten gesprochen
und gesagt: »Kinder, wenn ihr die Thora annehmt und ihre Vorschriften
befolgt, mache ich euch ein kostbares Geschenk.«
»Und was wäre das für ein Geschenk?« fragten die Israeliten.
»Die kommende Welt!«
»Sag uns, wie die kommende Welt sein wird!«, forderten die Israeliten.
Und Gott erwiderte: »Ich habe euch schon den Sabbat (Sonntag) gegeben.
Der Sonntag schmeckt wie die kommende Welt.«

Das hat sich im Judentum gehalten:
Am Sabbat kann man schmecken, wie der Himmel ist.
Ein Tag in der Woche kann man den Himmel auf Erden erahnen.
„Was für ein heiliger, ein göttlicher Tag.
Ach, wenn es doch schon wieder Sabbat wäre!“
(Erinnerung an das Anzünden des Sabbatlichts bei Sonnenuntergang
am Tag davor im Hotel ... bei unserer Israelreise 2012 ... Stille nach
allem Trubel ... für strenge Juden sogar spezielle Aufzüge, die ohne
dass man einen Finger rühren muss, auf jedem Stock anhalten ...)
„Was für ein heiliger, ein göttlicher Tag.
Ach, wenn es doch schon wieder Sabbat wäre!“

Die Sehnsucht nach dem großen Sabbat, nach dem großen Ruhetag,
hat sich auch bei uns gehalten.
Wir sehnen uns nach Frieden, nach Erlösung, nach dem Himmel.
Und wie weit scheint er weg zu sein.
Da ist so viel Hass. So viel Streit. So viel Unfertiges. 

Habt ihr nie gelesen?
Jesus sagt: »Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und
beladen seid; ich will euch erquicken« (Matthäus 11, 28).
Bei Jesus ist Sonntag.
Du musst nicht länger auf den Sonntag warten.
Der Sonntag ist da.

Du musst nicht erst sechs Tage arbeiten,
um als Belohnung einen Sonntag zu bekommen.
Du kannst dir den himmlischen Sonntag auch nicht verdienen.
Aber du kannst ihn von Jesus entgegen nehmen.

Eleonore Gräfin Reuß es in Verse gepackt
:
Es ist eine Ruh vorhanden für das arme, müde Herz,
sagt es laut in allen Landen: Hier ist gestillet der Schmerz.
Es ist eine Ruh gefunden für alle, fern und nah:
In des Gottes Lammes Wunden, am Kreuze auf Golgatha:
Das gilt. Heute und in alle Ewigkeit.
Sonntag.
Schabbat Schalom!  

Amen 

 

(Ich danke meinem Kollegen Johannes Luithle für seine Vorarbeiten zu dieser Predigt)

 

 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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