2012-02-05

Predigt über Jeremia 9,22-23 / Pfarrer Friedhelm Bühner

Wir hören auf den Predigttext für diesen Sonntag aus dem
Buch des Propheten Jeremia, Kapitel 9, die Verse 22+23:

"So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern: Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er
klug sei und mich kenne, dass ICH der Herr bin, der
Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden;
denn solches gefällt mir, spricht der Herr!“



Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden,
das menschliche „Rühmen“ gehört irgendwie zum Leben
wie das Essen und Trinken.
Jeder von uns hört es doch gerne, wenn er gelobt
und seine Leistungen heraus gestellt werden.
Und selbst die, die nicht öffentlich gelobt werden,
sorgen oft selber dafür, dann eben im kleineren Kreis.

Sind wir nicht alle stolz auf unsere Leistungen?!
Weisheit ist zwar nicht das Gleiche wie Wissen,
aber in einer Wissensgesellschaft gilt der „Rat der Weisen“:
Bundesregierung, Industrie und Gewerkschaften fragen dort an.
Es gibt Ethik- und Wirtschaftskommissionen,
die die klügsten Köpfe des Landes vereinen (sollen).
Und gerade deshalb gelten sie ja auch was!

Mit den Starken und Reichen ist es genau so:
Durchsetzen kann sich doch nur, wer Stärke beweist,
Schwache haben da schlechte Karten.
Nicht anders beim Reichtum:
Wer Vermögen hat, kann strahlen.
Und selbst wenn der Euro in die Knie gehen sollte.
Happy kann sich nennen, wer dann Sachwerte hat, ein Haus,
eine Wohnung, „Betongeld“ ...
Wer hat, der hat - und gilt als „cleverle“.

Egal wo, im Beruf, im Sportverein, beim Hobby und im Ehrenamt,
in Gemeinde oder Familie,
es geht immer irgendwie offen oder versteckt um Einfluss,
Macht, Ruhm ...

Und sagt auch der Volksmund „Eigenlob stinkt“,
so leben wir doch alle am liebsten mit viel Lob!
Kriegen wir es nicht durch andere,
dann holen wir es uns eben selbst ...

Es ist so ur-menschlich, dass man es letztlich nicht verurteilen kann.
Und auch Christen sind nicht abgeneigt, ganz gern heraus zu
stellen, gewürdigt zu sehen, was sie so an „geistlichen“ Taten
vollbringen.

Aber was will dann Jeremia?

Sehen Sie, dieser Prophet hält uns im Namen Gottes heute
einen Spiegel vor: „Seht her! So seht ihr euch doch gerne,
als tolle Kerle, als Schaffer, als cleverle, nicht wahr?!“

Die „Weisen“ sagen: „Wir blicken durch, schließlich haben wir
studiert ...!“
Die „Reichen“ leben nach dem Werbeslogan: „Hier, mein Haus,
meine Bank, mein Vermögen! Ich bin sicher!“
Und die „Starken“, die im Konfettiregen stehen: „Schaut alle her,
wir sind die Champions!“

Jeder Mensch will sich von Natur aus gerne gut darstellen,
will anerkannt werden, aalt sich gerne in seinen Leistungen.
Und das ist es, was die Jeremia, was die Bibel, als „sich rühmen“
bezeichnet, das „sich selber gut Finden“ von uns Menschen.

Das kennt Paulus, das kennen
die Leute, die die 150 Psalmen geschrieben haben und
Jeremia hat es davon.

Aber worum geht es?
Stellt er ein breites Verbotsschild auf nach dem Motto:
»Sich loben, das ist für Christen tabu!«?

Es sieht zunächst so aus, das sagt er aber nicht,
sondern:
    - Ein Weiser rühme sich nicht damit, dass er weise ist,
    - ein Reicher rühme sich nicht mit seinem Reichtum und
    - ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke.
Sondern ganz anders: Wer sich rühmt, der soll sich dessen rühmen,
dass er Gott kennt - oder wie Paulus es sagt -,
dass er „den HERRN“ kennt,
dass „Jesus Christus für seine Sünden gestorben und auferstanden ist“!
O-Ton Paulus: »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn« (1. Kor 1, 31).

Wenn das so ist, dann muss sich da also etwas ändern,
im Sich-Rühmen des Menschen,
eine kopernikanische Wende!

Kopernikus hat ja endeckt, dass die Erde sich um die Sonne dreht
und nicht umgekehrt!

Und Jeremia: Unser Rühmen soll sich nicht um uns selber drehen,
sondern um Gott!

Warum?
Weil alle, die sich nur um sich selber drehen, ein Leben ohne Gott
führen:
ihre Hoffnungen sind ganz auf Materielles gerichtet
ihre Sorgen nehmen sie gefangen.
Das Kreisen um die eigene Ehre, um den Selbstruhm, ist Ausdruck
eines Lebens ohne Gott. 

Dem setzt Jeremia entgegen: »Wer sich rühmen will,
der rühme sich [doch bitte] dessen, dass er Gott kenne« – und
»Gott kennen« – das meint in der Bibel immer mehr
als nur ein bisschen was von ihm wissen, aus dem Reli oder Konfi ...

Gott kennen heißt:
    - Ihn lieben,
    - mit ihm vertraut sein,
    - ihn zum Mittelpunkt des Lebens haben,
    - zum Drehpunkt der Gedanken,
    - zum Angelpunkt der Motive,
    - zum Zentrum des eigenen Selbstwerts.

»Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn« – in diesem Satz des Paulus,
liebe Gemeinde, liebe Konfis,  
verbirgt sich eine total befreiende Wende,
keine kopernikanische, sondern eine »christianische«,
eine Veränderung, die Jesus Christus anstößt:
    - Wo ER der Herr ist,
    - wo er die Mitte in meinem und Deinem Leben wird,
da verändert er unser „Rühmen“:
Da werde ich frei vom ständigen Kreisen um mich!
Da erlöst er dich vom ständigen Sorgen um Deine Ehre,
um das gut-ankommen-Müssen.

Jeder Mensch, in dessen Leben Christus der HERR wird,
der weiß damit: Ich bin jetzt ein Kind Gottes,
erlöst, geliebt, befreit - ganz egal, was ich noch an Verkrampftem
mitbringe.
Jeder Mensch, in dessen Leben Christus in der Mitte steht,
der darf hören: Ich bin gewürdigt, Gottes Kind zu sein – ganz egal,
was ich an Klugheit oder Einfältigkeit, an Reichtum oder Hartz IV,
an Stärke oder Schwäche vorzuzeigen habe ...
Jeder Mensch, der Christus im Zentrum seines Lebens hat -,
bei dem lebt in der Mitte (wie Paulus es sagt),
„nicht mehr (mein) Ich, sondern Christus lebt in ihm“ (Gal 2,20).

Und so ein erlöstes, befreitet Sich-Rühmen meint der Prophet Jeremia.
Ihr Weisen, ihr Reichen und Starken, ja rühmt euch,
aber wenn, dann bitte richtig, nämlich dessen,
    - dass ihr Gott kennt und
    - mit ihm rechnet und
    - aus seiner Liebe lebt.
Denn: Gott kennen – das ist echte Weisheit.
Und mit Gott rechnen – das ist bleibender Reichtum.
Und aus Gottes Liebe leben – das ist wahre Stärke.


1. Gott kennen – das ist echte Weisheit
Dass Weise sich ihrer Weisheit rühmten, das hat Jeremia gesehen.
Paulus hat es bei den Gelehrten seiner Zeit erfahren.
In Korinth haben sie über seine Botschaft von Christus gegrinst,
das Evangelium verächtlich auf die Seite geschoben.
Christus, den Gekreuzigten, haben sie als eine Dummheit (eine naive
Kiste) bezeichnet.

Aber Paulus, selbst ein gebildeter Mensch, hält dagegen: Christus ist
uns von Gott gemacht zur Weisheit (1. Kor 1, 30).
Und ihn zu kennen, das engt nicht ein,
sondern reißt für die Weisheit den Horizont erst richtig auf!

So wie in der Parabel vom Küken:
Da schlüpft ein Küken aus dem Ei, wächst, lernt laufen in dem
alten Hühnerstall; und eines Tages trippelt es der Mutterhenne
hinterher durch‘s Schlupfloch auf die große Wiese.
Da sagt das Küken staunend zur Mutterhenne: »Ich hab ja gar nicht
gewusst, was es alles gibt. Ich hab immer gemeint, die Welt sei
an den Bretterwänden des Stalles zu Ende.
Aber jetzt sehe ich, dass die Welt so weit bis dahinten zum Zaun geht.
Jetzt weiß ich es!«

Weisheit?
wie viele meinen auch heute, die Wirklichkeit sei an den Bretterwänden
unserer Vernunft zu Ende. Aber wie eng ist so ein Denken!
Wie schmal so ein Horizont!

Jeremia wendet sich nicht gegen das Denken und gegen die
Wissenschaft.
Aber er warnt vor einer Wissenschaft, die Gott abschafft ...
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, sondern dessen,
dass er klug ist - und Gott kennt.

Denn wer Gott ausklammert, zentriert sein Denken verkehrt.
Wir können biologisch erklären, wie ein Kind gezeugt wird und
wie eine Körperzelle aufgebaut ist – aber dass ein Kind
    - gesund ist
    - und glücklich wird
    - und ein erfülltes Leben hat,
das lässt sich weder simulieren noch machen.

Oder, dass sich Mann und Frau lieben trotz mancher Gegensätze
und dass sie sich vergeben können, wenn sie aneinander
schuldig wurden, das lässt sich psychologisch zwar in Worte
fassen, aber das Geheimnis der Liebe geht über unsere
nüchterne Vernunft hinaus.

Und wenn jemand auf dem Sterbebett sagen kann: »Ich weiß,
dass mein Erlöser lebt«, dann ist das ein Wissen mit weitem
Horizont, dann ist da jemand von Christus ergriffen worden in seinem
Leben ... ein weiser Mensch.

Gott kennen, ist Weisheit, stellt Jeremia klar.
Und vom Neuen Testament her wissen wir, wie das möglich ist:
durch Jesus Jesus Christus, wenn er der HERR unseres Lebens ist.
„Wer auf Christus schaut der schaut in die Weisheit Gottes“,
das hat Paulus den Korinthern geschrieben.

Das eigene auf ihn zentrieren, das ist deshalb echte Weisheit!


2. Mit Gott rechnen – das ist bleibender Reichtum
Nein, Jeremia hat nichts gegen Geld,
auch nichts grundsätzlich gegen reiche Leute.
Aber er sieht die Gefahr, wenn sich alles nur noch ums Geld dreht ...

»Ich bin der Herr, der Gerechtigkeit schafft. Das will ich« – das
lässt Gott den Propheten ausrichten.
Und wenn sich also jemand rühmt, dass er reich ist,
wenn sich alles ums Haben dreht und
dabei Gerechtigkeit und Ehrlichkeit auf der Strecke bleiben,
dann kommt alles ins Trudeln und Schwanken.

Gerade auch die deutsche Gesellschaft leidet darunter immer mehr ...
Es ein Zeichen dafür, dass wir höchstens noch eine
nach-christliche Gesellschaft sind ...

Geld und Ehrlichkeit sind ein Thema der Bibel, denn sie haben
mit Gott zu tun:
Die Apostelgeschichte erzählt eine Szene aus der Urgemeinde
in Jerusalem, die eine gerechte Gütergemeinschaft versucht hat.
Da gab es ein Ehepaar, Hananias und Saphira, die verkauften
ein Äckerle; einen Teil vom Erlös haben sie der gemeinsamen
Kasse gegeben, aber nur einen Teil, einen anderen Teil haben sie behalten;
sie legten also eine schwarze Kasse für sich an.
Reichtum und Ehrlichkeit – ein Problem.
Als Hananias darauf angesprochen wird, da ist es nicht nur zum
Rücktritt, sondern zum Tod gekommen:
Er ist umgefallen und gestorben - und seine Frau Saphira später genauso.

Jesus sagt einmal: Niemand lebt doch letztlich davon, dass er viele
Güter hat. Aber
wie oft hängen wir unser Herz so sehr an das,
    - was wir haben,
lassen es zu, dass sich unsere Gedanken nur noch darum drehen.
Wie schnell wird Reichtum zur Mitte im Leben.

Aber wenn wir einmal sterben müssen, können wir gar nichts mitnehmen.
Letztlich ist alles, was wir haben, uns nur geborgt.

Jeremia hat ähnlich wie wir eine Zeit des Wohlstands erlebt.
Aber er sieht auch die Gefahren.
Wo das Haben zur Mitte wird und sich alles nur darum dreht,
wird alles - ver-dreht.
Wirklich reich ist, wer Gott kennt und sich von ihm getragen weiß.


3. Aus Gottes Liebe leben – das ist wahre Stärke
Es war schon bei Jeremia so, dass Stärke gefragt ist.
Im Beruf werden Begabungen gefordert.
Und auch eine Familienfrau (Mutter) braucht viel Kraft.
Gute Lehrer können die Stärken junger Leute auch wirklich fördern ...

Aber der Prophet Jeremia weist auch hier auf eine ähnliche
Gefahr wie bei Weisheit und Reichtum hin:
    - dass nämlich die eigene Stärke zum Dreh- und Angelpunkt
 um das eigene ICH wird.
    - Dass ich meine Kraft nur für mich einsetze.
    - Dass mich mein Können und mein Erfolg egozentrisch machen.

Wo das so ist, da wird unser Hang groß,
nur die eigene Stärke im Blick zu haben, notfalls über die Ellenbogen
alles andere um mich herum nieder zu machen.
Da können selbst Christen schnell wieder in die alten Muster
vor ihrer Bekehrung zurück fallen ...

Jeremia hält uns deshalb einen großen Spiegel vor.
Erkenne ich mich, erkennen Sie sich darin nicht wieder?

Gott will uns aus dem Kreisen um uns selbst befreien.
 »Ich«, so spricht Gott, »ich bin der Herr, der Liebe, Recht und
Gerechtigkeit auf Erden schafft. An Menschen, die sich danach
richten, habe ich Freude,« (so die genaue Übersetzung von V23).

Ein Mensch, der nur sich selber rühmt,
wirkt auch unbarmherzig auf seine Mitmenschen.
Er sieht nur, was er selber schafft, und fordert Anerkennung.
Wer aber sieht, was Gott schafft, kann lieben.
»Ich schaffe Barmherzigkeit und Recht und Gerechtigkeit« lässt
Gott sagen – und nicht nur sagen.
Er hat sie geschaffen.
Er hat sie in Bethlehem in die Krippe gelegt.
Er hat sie für uns ans Kreuz gehängt.
In Jesus Christus hat Gottes Liebe und seine Gerechtigkeit
Hand und Fuß bekommen.
In Jesus sehen wir auch, wie Stärke und Liebe zusammengehören:
Gerade darin ist Jesus stark,
    - wie er liebt,
    - wie er vergibt,
    - wie er tröstet – und zuletzt
    - darin, wie er leidet.

Was uns als schwaches Bild scheint, das ist bei Gott das starke
Bild – wo einer nicht dagegen schlägt, wenn er geschlagen wird,
sondern dagegen segnet.

Diese starke Liebe aufzunehmen,
Gottes Gerechtigkeit ins Zentrum zu stellen,
Jesus in der Mitte zu wissen, dazu mahnt der Prophet.

Dazu lädt Paulus ein.

Amen.




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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