2011-07-17

Predigt über 1. Mose 50,15-21 / Pfarrer Friedhelm Bühner

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden, 

eine der spannendsten Geschichten der Bibel für Kinder und für 

Erwachsene ist die Geschichte von Josef und seinen Brüdern.

Spannend wie ein Roman – und doch kein Roman – sondern echt passiert

Und mit einer ungeheuren Aussagekraft bis heute. 

Alle Vorlagen für Romane finden sich hier: Neid und Intrigen, 

Höhen und Tiefen, Glück und Leid gehören zum Weg des Josef vom 

„Vatersöhnchen zum Landesvater“. 

Und in all dem, was Menschen einfädeln, hält Gott doch letztlich die 

Fäden in der Hand ... Ein unglaublich tröstliches Wissen, das auch in 

dem Lied zum Ausdruck kommt, das wir gerade gesungen haben: 

„Es mag sein, dass alles fällt, 

dass die Burgen dieser Welt um dich her in Trümmer brechen. 

Halte du im Glauben fest, dass dich Gott nicht fallen lässt: 

er hält sein Versprechen!“ (EG 378,1) 

 

Auch wenn es noch so dick kommt (unschuldig im Gefängnis, Leid, Krieg, 

vielleicht sogar Tod), nichts entgleitet Gottes Händen.

Weil Josef das weiß und gegen allen Augenschein festhält, 

kann er am Ende seinen Brüdern sagen: 

„Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es 

gut zu machen!“ 

Er hat erkannt: Gottes Erbarmen ist größer als alles.

 

Ich mache Ihnen Mut, heute Nachmittag einmal die ganze Josefsgeschichte

In aller Ruhe daheim zu lesen (1. Mose 37-50 – es regnet heute ohnehin)

 

Der Schluss dieser Josefsgeschichte ist heute unser Predigttext

und den lese ich jetzt vor (1. Mose 50,15-21):

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, 

und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, 

die wir an ihm getan haben. 16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater 

befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Josef sagen: 

Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so 

übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den 

Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches 

zu ihm sagten. 18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder 

und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19 Josef aber sprach 

zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 

20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut 

zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten 

ein großes Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder 

versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“

 

 

Jahrzehnte ist es schon her, dass die Söhne Jakobs ihren Bruder, 

Vaters Liebling am liebsten umbringen wollten.

Einen bunten Rock hat ihm der Vater geschenkt, 

und dann erzählt er auch noch Träume, 

in denen die Brüder sich vor ihm verbeugen – die bringen das Fass 

zum Überlaufen. 

Was bildet der sich eigentlich ein, will der etwas Besseres sein? 

 

Bei nächster Gelegenheit bekommt Josef den Hass der Brüder zu spüren – 

sie verkaufen ihn als Sklaven nach Ägypten und schaffen ihn so aus 

dem Weg. 

Dass der Vater fast stirbt vor Trauer, das macht ihnen zu schaffen. 

Aber mit der Zeit wächst Gras über die Sache.

Von Josef redet keiner mehr.

Bis eine Hungersnot die Brüder nach Ägypten treibt. 

Dort soll es Vorräte an Getreide geben – das haben sie gehört

und dort in Ägypten begegnen sie ihrem Bruder, der inzwischen 

aufgestiegen ist zum 2. Mann im Staat. 

Als Verwalter des Pharao verteilt er das Getreide an Bedürftige.

 

Die ganze Vergangenheit, was längst verdrängt und vergessen war, 

steht wieder auf: vor Josef und seinen Brüdern. 

Doch schließlich, nachdem er die Brüder inkognito geprüft hat, 

gibt es ein Happy End, ein gutes Ende:

Ein Wiedersehen mit dem kleinen Bruder Benjamin 

und dem alt gewordenen Vater Jakob!

Die ganze Großfamilie ist glücklich vereint bei Josef in Ägypten. 

Ende gut, alles gut! – Nein, eben nicht!

 

Es gibt ein noch ein Nachspiel. Noch einmal bricht alles auf. 

Der Vater ist gestorben. 

Damit hat sich für die Brüder Josefs die Lage verändert. 

Der Vater war es, so meinten sie wohl, der alle zusammen gehalten hat, 

der Ruhe und friedliches Miteinander – Auskommen garantiert hat.

 

Kennen wir das nicht auch, vielleicht sogar in der eigenen Familie: 

solange noch ein Eltern- oder Großelternteil lebt, 

hält es die Familie zusammen. 

Wenn dieser Halt aber nicht mehr da ist, dann ist es aus mit dem 

Familienfrieden.

Dann kommen alte Rechnungen, Empfindlichkeiten und Vorwürfe 

auf den Tisch. Und wie oft heißt es dann: sie haben sich zerstritten, 

sie reden nicht mehr miteinander (oder nur noch über den Anwalt)!?

 

Der Tod des Vaters lässt bei den Brüdern Josefs die alte Schuld wieder 

aufbrechen und mit ihr die Angst: Josef könnte sich jetzt doch noch rächen 

für das, was sie ihm angetan haben. 

„Jetzt hat er uns in der Hand, jetzt kommt die Abrechnung – so denken sie.“

 

Obwohl Josef ihnen längst schon versichert hat:

„Denkt nicht, dass ich euch böse bin, dass ihr mich hierher verkauft habt –

sondern um euer Leben zu erhalten, hat mich Gott hierher gesandt“ – 

haben die Brüder die Vergangenheit nicht bewältigt. 

Sie empfinden sie die Altlast der Vergangenheit drückender als je. 

 

Das kennen wir doch auch: Schuld, die nicht angesprochen und aus-

gesprochen wird, über die einfach nur geschwiegen wird,

ist nicht erledigt. 

Sie ist zwar in den Hintergrund gedrängt, aber nicht bereinigt. 

Schon bei kleinsten Anlässen kann sie wieder hoch kommen.

Wie bei Josefs Brüdern. 

 

Nach so langer Zeit steht ihnen die alte Geschichte wieder vor Augen 

und drückt auf ihr Gewissen: Sie sehen Josef wieder vor sich, wie er geweint 

hat und gebettelt hat („Lasst mich am Leben!“ – „Verkauft mich doch nicht

als Sklaven nach Ägypten!“ – „Das könnt Ihr doch nicht machen!“)
Aber sie sind hart geblieben, haben ihn verkauft 

und sie waren froh darüber, ihn los zu sein, 

haben dem Vater noch eine herzzerreißende, natürlich verlogene 

Geschichte, aufgetischt ...

 

Doch es bleibt: Das schlechte Gewissen (oft eine Stimme Gottes, 

die zur Umkehr ruft) und erzeugt, solange wir Gottes Stimme ignorieren, 

Angst und Misstrauen.

Auch dem anderen unterstellt das schlechte Gewissen schlechte 

Gedanken und Absichten.

Diese Angst und das Misstrauen reden uns ein: am besten ist schweigen, 

ja nichts aufrühren, einfach abwarten.

 

Angst und Misstrauen aber sind schlechte Ratgeber, 

denn mit Schweigen und Abwarten wird die Last weiter geschleppt 

und immer neue dazu gepackt.

Die Brüder Josefs gehen zum Glück den besseren Weg: 

Sie stellen sich der Situation, 

sie bekennen ihre Schuld und bitten um Vergebung.

 

Nur so kann Schuld bereinigt werden, 

so nur können wir befreit werden von der Last, 

indem wir nicht ausweichen, sondern standhalten, bekennen und um 

Vergebung bitten.

 

Allerdings ist das unter uns Menschen immer auch ein Risiko 

und deshalb ist es auch so schwer: Weiß ich denn, wie der andere 

reagieren wird?

Auch die Brüder Josefs sind sich nicht sicher, 

deshalb schieben sie noch einmal den Vater vor, so zu sagen als 

Schutzschild: V 16f „Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 

17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern ...“

 

Und sie erinnern Josef, dass sie alle doch dem gleichen Gott dienen. 

Und Josef? ( - ) 

„Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten“. 

 

Weint er darüber, dass die Brüder so wenig Vertrauen zu ihm haben, 

oder weint er aus Bewegung, dass sie zu ihrer Schuld stehen? 

 

Jedenfalls bewegt es ihn und es liegt ihm alles daran, 

diese Altlasten zu klären, die Brüder zu entlasten. 

Das Erste, was er sagt: „Fürchtet euch nicht!“

 

Nicht Angst soll zwischen ihnen stehen, sondern Vertrauen 

und Offenheit. 

Und dann sagt er ihnen offen und ehrlich, wie er die Dinge sieht. 

Nicht so, dass er, Josef, Herr der Lage und der Dinge wäre, 

Herr ist allein Gott!

Ihm allein steht das Urteil zu. 

Und er hat vergeben, das seht ihr daran, wie die Dinge ihren Lauf 

genommen haben, ihren Lauf nehmen mussten! 

 

Er sagt Josef seinen Brüdern: 

„Stehe ich denn an Gottes Statt?

Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut 

zu machen.“

 

Darin drückt sich zunächst einmal Josefs ganz persönliches 

Gottvertrauen aus! Wer so etwas sagen kann, für den ist Gott viel mehr

als ein einfacher Wünsche-Erfüller, als ein schneller Glücklichmacher –

und an dem man dann sofort zweifeln müsste, 

wenn es im Leben so richtig hart kommt.
Josefs Glaube gilt einem Gott, dem er sich ganz ausliefert und

von dem er weiß, dass er damit – aufs Ganze gesehen – einfach nur 

gewinnen kann. Selbst wenn es jetzt überhaupt nicht danach aussieht. 

 

Er ist damit zum Vorbild geworden für den Apostel Paulus und für 

alle Christen, wenn sie bekennen (Röm 8,28):

„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, 

alle Dinge zum Besten dienen ...“

  

Und dann ist da das Zweite: Josef steht damit trotzdem nicht über den

Dingen, so dass er die Schuld seiner Brüder einfach verharmlost. 

Nein, es war schrecklich, was sie mit ihm angestellt haben!

Eine riesen Sauerei!

Da führt kein Weg daran vorbei, dass die Brüder das vor Gott (vor 

Ihm haben sie es ja schon bekannt), bereinigen müssen. 

 

Aber für uns alle gilt, was im 1. Johannesbrief, Kapitel 1, Vers 9 steht: 

„Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist Gott treu und gerecht, 

dass er uns die Sünden vergibt und uns von aller Ungerechtigkeit

reinigt ...“

 

Josef sieht nicht nur die Schuld seiner Brüder, 

sondern auch das ABER Gottes. 

Trotz aller unserer Schuld ist Gott ein treuer Gott. 

Er ist kein Gott, der uns fertig machen will. 

Wir dürfen umkehren. Und wenn wir es tun, dann nimmt er uns neu an, 

wischt alles weg, was war – macht, dass wir wieder so weiterleben können, 

als ob nie etwas gewesen wäre!

 

Wer und was hat Josef wohl so tief in das Wesen Gottes schauen lassen?

So dass er jetzt zu seinen Brüdern sagen kann:

„Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut 

zu machen.“

 

Immer wieder begegnet uns dieses hoffnungsvolle ABER in der Bibel.

Im Ps 68 heißt es: “Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.“ 

Oder Jesus sagt uns (in Joh 16,33): 

„In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

 

Dieses kleine Wort Aber hat eine große Bedeutung, 

es hebt nämlich das zuerst gesagte auf. 

In unserem Gebrauch hat das ja meistens eine negative Tendenz,

zum Beispiel so: „Ihre Bewerbung haben wir wohlwollend geprüft, 

aber wir mussten leider einen anderen Bewerber vorziehen.“ 

Oder bei einem Schüler: „Das Bemühen war sichtbar, aber für die Ver-

setzung hat es leider nicht gereicht!“

 

Bei Gott dagegen ist ein Aber für uns die Wende zum Guten:

„Ihr gedachtet es böse zu machen, aber Gott …!

Oder Jesus: „Ihr habt Angst, aber seid getrost …!“

Es ist das ABER der Barmherzigkeit und Güte Gottes und das hat 

Josef erfahren. Aus dieser Glaubenserfahrung heraus konnte er auch 

seinen Brüdern vergeben und sie trösten:

“So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. 

Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“ 

 

Nicht aufrechnen und abrechnen, sondern vergeben und versöhnen – 

das ist Gottes Art.

Das hat er in Jesus für alle Zeit bestätigt.

Gott will es gut machen, trotz und gegen all unsere Schuld!

Josef und seine Brüder zeigen uns den Weg, wie auch wir frei werden 

von den Altlasten und der Schuld in unserem Lebens: 

Bekennen und um Vergebung bitten ist der Weg,

auch in unserem Miteinander! 

 

Nicht im Nachtragen und Vergelten, sondern im Vergeben liegt 

unsere Freiheit. Jesus zeigt uns den Weg, ja er ist der Weg dazu. 

Wo wir selber aus Gottes Barmherzigkeit leben

und wie Josef zur Versöhnung bereit sind, können wir so gewiss

wie Josef sein: 

Gott hat die Fäden in der Hand.

IHM kann ich mich getrost überlassen und wissen:

ER - wird es wohl machen. Amen




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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