2011-05-22

Predigt über Matthäus 21,14-22 / Pfarrer i. R. Werner Biss, Bisingen

Wir hören Gottes Wort für diesen Sonntag aus Matthäus 21,14-22:

14 Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie. 15 Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich 16 und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«? 17 Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht. 18 Als er aber am Morgen wieder in die Stadt ging, hungerte ihn. 19 Und er sah einen Feigenbaum an dem Wege, ging hin und fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir niemals mehr Frucht! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich. 20 Und als das die Jünger sahen, verwunderten sie sich und fragten: Wie ist der Feigenbaum so rasch verdorrt? 21 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr nicht allein Taten wie die mit dem Feigenbaum tun, sondern, wenn ihr zu diesem Berge sagt: Heb dich und wirf dich ins Meer!, so wird's geschehen. 22 Und alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, so werdet ihr's empfangen.“

 

Liebe Gemeinde,
dieser kurze Abschnitt aus dem Evangelium passt zu diesem Sonntag. Man nennt ihn ja Kantate, das bedeutet; Singet, und dieser Tag ist ein Aufruf an uns, mitzusingen mit diesen Blinden und Lahmen und Unmündigen. 

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! So heißt es jetzt auch draußen in der Natur, wo die Wiesen grünen und alle Kreatur sich aufs Neue des Lebens freut. Aber auch das, was Gott an uns tut, fordert uns zum Singen auf. Wir stehen jetzt mitten drin zwischen Ostern und Pfingsten. Fordern diese beiden frohen Feste uns nicht zum Lob Gottes auf, der Wunder tut – nicht nur draußen in der Natur, sondern auch an uns Menschen? Denken wir doch an die Freudenbotschaft des Osterfestes: Christus
ist auferstanden, und an all die Trostgedanken und Hoffnungen, die sich daran anknüpfen! Denken wir an das Pfingstfest, dem wir entgegengehen, an dem einst die Apostel in neuen Zungen die Taten Gottes verkündigten und das auch uns den Tröster verheißt, der uns die Zunge lösen will zum freudigen Lob-Preis des Herrn! 

Singet dem Herrn ein neues Lied – am schönsten wird das droben in Erfüllung gehen, in der Ewigkeit. Hier auf dieser Welt wechseln noch Leid mit Freude, hier liegt uns das Weinen oft näher als das Singen. Aber dort, wo der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid, noch Geschrei, dort wo Gott abwischen wird alle Tränen, dort wird erst der rechte Sonntag Kantate anbrechen. 

In der Erzählung, die wir eben gehört haben, wird auch gesungen. Was wir hier im Tempel sehen, ist sozusagen der Staatsempfang Jesu Christi. Wenn sonst ein Staatsempfang stattfindet, wird alles aufgeboten, was Rang und Namen hat, eine Kapelle spielt und ein Chor singt. Aber hier beim Staatsempfang Jesu kommen die, die keinen Rang und Namen haben. Jesus lässt sich von Kindern huldigen, die hinter ihm hergelaufen sind. Schön war ihr Gesang sicher nicht, er war unfeierlich und ungeordnet, und die Kinder verstehen vielleicht auch gar nicht so recht, was sie singen. 

Es ist gar kein Wunder, dass sich die Pharisäer und Schrift-gelehrten, die Hüter des Gesetzes über diese Kinder entrüsten, die da im Tempel herumspringen und ihren Gefühlen freien Lauf lassen, und dass sie diese nicht sehr würdige Gesellschaft aus dem Tempel hinausbefördern wollen. 

Und dann sind noch andere Leute da auf dem Tempelplatz: es sind die Kranken. Auch sie sind Jesus nachgelaufen. Auch sie waren damals ausgestoßen und verachtet. Sie wurden nicht für voll genommen und die Pharisäer wollen auch sie aus dem Tempel hinausweisen. Aber Jesus denkt anders über diese Menschen, die ihn da umringen. Er fragt nicht nach ihrem Rang und Namen, sondern er sieht, dass sie Menschen ohne Anwalt und Helfer und Hirten sind, unbehütet, ungeschützt, ihrem Elend preisgegeben. Doch wenn sie nun zu ihm kommen, sich ihm anvertrauen, nimmt er sie an, nimmt sie in seinen Schutz, erbarmt sich ihrer. Nicht, indem er ihnen ein kleines Almosen gibt, wie sie es seit Jahr und Tag empfangen hatten, sondern indem er ihnen ihre Gesundheit, ihr Leben, ihre Existenz neu schenkt. 

Welch ein Bild ist das: Jesus inmitten der Armen! Ach, dass wir uns an diesem Bild nie sattsehen könnten! Und wer heute zu diesem Heer der Elenden, der Vereinsamten, der unheilbar Kranken, der Zersorgten und von Lebensangst Umgetriebenen gehört, der soll wissen, dass der Heiland gerade bei ihm sein will, dass Gott keine ausschließen und abschreiben will. Vor Gott gelten nicht unsere menschlichen Maßstäbe: Ansehen, Rang, Einfluss, Macht, Leistung und Besitz, auch nicht Nation und Rasse. Gottes Liebe respektiert unsere Unterscheidungen nicht. Er teilt uns Menschen nicht ein in vollwertige und nur teilweise oder überhaupt nicht taugliche, in solche, die ihn loben und preisen dürfen und in solche, denen das verwehrt ist. Alle sind bei ihm willkommen, auch wenn sie mit leeren Händen zu ihm kommen und nichts vorzuweisen haben. Deshalb ruft Jesus die Mühseligen und Beladenen unter seine helfende Hand. Deshalb dürfen Unmündige ihm schon ihr Loblied singen.

Aber da waren auch noch die Schriftgelehrten und Pharisäer, die Hüter der Ordnung und Vertreter des Volkes. Sie sind in Grimm geraten über diese herum springenden Kinder und über diese einander drängenden Kranken im Tempel; sie fanden das alles als ungehörig. 

Nach den geltenden Regeln durften solche Leute damals das Heiligtum gar nicht betreten, nur Unversehrte und Erwachsene durften vor Gott erscheinen (1). Aber besonders richtete sich ihr Zorn gegen das, was diese Kinder sangen: »Hosianna dem Sohne Davids.« »Hosianna«, auf Deutsch: »Herr, hilf!« Das ist der uralte Huldigungsruf, mit dem nach prophetischem Geheiß das Volk Israel seinen Erlöser und Messias empfangen sollte. 

Jesus ließ sich diesen Ruf gerne gefallen, denn er ist der Davidssohn, er ist der Messias, auch wenn ihn die verblendeten Augen der Pharisäer nicht erkannten. Sie stießen sich an seiner armen Gestalt und an seinem Umgang mit den Kindern und Krüppeln. 

Die Kinder haben begriffen, wer Jesus ist. Kinder haben ja ein sehr feines Gespür für die Wirklichkeit, und was gebildeten und klugen Menschen oft verborgen ist, das vermögen sie in der Einfalt ihres Herzens zu erkennen. 

Ein dänischer Bildhauer soll, um festzustellen, welche Wirkung ein von ihm gefertigtes Standbild Jesu auf Menschen ausübt, ein Kind gefragt haben: »Was meinst du, wer das ist?« Das Kind meinte: »Irgendein bedeutender Mann.« Da wusste der Bildhauer, dass er nochmals anfangen musste. Sein Werk war nicht gelungen. Als er fertig war, fragte er das Kind wieder: »Was meinst du, wer das ist?« Und jetzt kam die Antwort: »Das ist Jesus, der gesagt hat, lasset die Kinder zu mir kommen.« Da wusste der Bildhauer, dass sein Werk gelungen war. 

Kinder haben auch ein feines Gefühl für die Wahrheit. Sie sagen die Wahrheit oft in einer verblüffend harten Weise, so dass es den Erwachsenen die Sprache verschlägt. 

Da kommt ein Kind von der Schule nach Hause und fragt die Mutter: Warum beten wir eigentlich nicht zu Tisch? Im Religionsunterricht haben wir heute dafür danken sollen. Die Mutter ist sprachlos. Sie weiß nicht, was sie sagen soll. 

Hier nun sagen die Kinder die Wahrheit aller Wahrheiten, die einzig rettende Wahrheit in dieser Welt: Jesus ist es, auf den alles ankommt, den alle brauchen. In ihm ist die Verheißung, die dem Davidshause gegeben war, von Gott eingelöst worden. Er ist der verheißene König Israels, der Retter der Welt.

Sollten wir uns von jenen singenden Kindern im Tempelhof beschämen lassen? Sie kannten jenen Davidssohn noch nicht so gut wie wir, nachdem wir von Jugend auf von ihm gehört und Erfahrungen mit ihm gemacht haben? 

Diese Welt ist ja voll von Hass-, Streit-, Blut- und Tränen- und Jammerliedern. Aber seit Christus gekommen ist, ertönt mitten durch dieses grauenvolle Konzert der gefallenen Welt hindurch ein Lied von ganz anderem Klang: Es ist das Lied vom Lamme, das herrlich neue Lied, das von dem Kreuzesstamme durch Ewigkeiten zieht, das neue Lied von Jesu Wunden, von Jesu Sieg und Macht, wie er ein Heil gefunden, das hier schon selig macht (2). Dieses Lied sangen jene Kinder im Tempel schon mit – zusammen mit allen Erlösten.

Ein Christ sein heißt, in diesen Gesang mit einstimmen und diesem Chor sich anschließen. Man braucht kein Gesangskünstler zu sein, um in dieses Lob mit einzustimmen, wenngleich wir zur Ehre Jesu so gut und so schön singen wollen, wie wir nur können. Aber auch eine heisere, alte Stimme kann der Ehre Gottes dienen. Keiner ist zu klein, keiner ist zu schwach, keiner zu unbegabt und zu unmusikalisch, als dass er seine Stimme nicht mit diesem Chor vereinigen könnte. Der, der sich von den schwachen, ungelernten Kinderstimmen huldigen ließ, der wird auch unser Lob nicht verschmähen, wenn es von Herzen kommt. 

Wichtig ist nur, dass unser Singen getragen ist von der staunenden und dankbaren Erfahrung, welch einen guten Herrn wir haben, der uns liebt und treu ist, obwohl wir dies eigentlich gar nicht verdient haben. 

Freilich, liebe Gemeinde, das Loblied, das wir unserem Herrn anstimmen, sollte das ganze Leben umfassen, es sollte also ein Lied nicht nur mit dem Herzen und dem Mund, sondern auch mit den Händen sein. Aus uns Christen will sich Jesus in dieser Welt ein Lob zurichten. Unser Leben, der Alltag wie Sonntag, soll zu einem Loblied der Treue Gottes werden. Es muss ein reiner Gesang werden, sodass Worte und Taten zusammen harmonieren, sonst werden unsere schönsten Lieder durch unseren Wandel Lügen gestraft. Wir Christen sollen zu lebendigen und leibhaftigen Lobliedern werden. Die Sehnsucht nach Gott wird wiedererwachen, wenn die Menschen an uns sehen und erleben und hören, was Christus aus uns gemacht hat, und wenn wir fröhlich darüber sind, dass wir uns Christen nennen dürfen, dann werden auch die anderen danach verlangen.

Und zum Schluss noch ein Wort über das rechte Lobsingen. Viele meinen, sie könnten Gott nur lobsingen, wenn sie einmal in guter Stimmung wären oder wenn es ihnen gerade einmal gut gehe. 

Aber unser Lobgesang braucht nicht abhängig zu sein von den Verhältnissen und Stimmungen, in die wir geraten. Unser Lobgesang gehört auch auf den Leidensweg, auch wenn uns da nicht immer zum Singen zumute ist. 

Denken wir an den Apostel Paulus, der ausgerechnet in der Dunkelhaft des Gefängnisses zu Philippi zur mitternächtlichen Stunde ein Loblied anstimmte. Er stimmte es nicht an, weil ihm so wohl war. Oh nein, sein Rücken war wund von Peitschenhieben, seine Füße waren in den Marterstock gespannt, alles war beklemmend um ihn her, sein Körper und seine Seele waren von allen Seiten von der Qual umgeben. Und doch, statt zu jammern oder statt die Zähne zusammen zu beißen, lobt er Gott. 

So merkwürdig es klingen mag, es ist wahr: Nichts hilft uns in den trostlosesten Augenblicken des Lebens mehr als das Lobe Gottes. Denn es weitet unseren Blick und lässt uns einen Ausweg sehen, einfach deswegen, weil Gott aus jeder Sackgasse heraushelfen kann und den Weg aller Wege hat. Und wenn einmal das große Weltgeschrei verklungen sein wird, dann wird man nur noch das Lob Gottes hören, gesungen von den Engeln und seinen Gerechten!   Amen. 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Sonntag, 24.06.2018
9:15 Uhr:
Gottesdienst in Dennach (Pfarrer M.Gerlach)
10:00 Uhr in Schwann:
Kindergottesdienst
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (Pfarrer M.Gerlach)
Dienstag, 26.06.2018
17:45 Uhr:
Jungschar für alle Jungen und Mädchen im GH in Dennach
19:45 Uhr:
Chorprobe im GH in Schwann
Mittwoch, 27.06.2018
19:00 Uhr:
Teenkreis 13+ im GH Schwann
Donnerstag, 28.06.2018
18:30 Uhr:
Biblellesen und Austausch für Jugendliche im GH Schwann