2011-01-06

Predigt über Johannes 1,15-18 / Pfarrer Karl Baral, Seewald-Besenfeld

Wir hören Gottes Wort aus Johannes 1,15-18 ....

Liebe Gemeinde,
Erscheinungsfest ist heute! Denn: Jesus Christus ist erschienen, – und damit gilt: Die Gnade ist erschienen, der lebendige Gott wendet sich uns zu, und zwar allen Menschen! Nicht umsonst begehen wir diesen Tag auch als Tag der Mission. Wir denken daran, dass Gott selbst jene Magier aus der Gegend des heutigen Irak nicht vergessen, sondern auch sie zur Krippe des menschgewordenen Gottessohnes geführt hat. Keiner ist vergessen, wo er auch lebt auf dieser Erde. Alle sind eingeladen, mit einzustimmen in den Jubel »Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude!«


Und so jubelt auch das große Christuslied, zu dem unser Predigttext gehört. Es spricht von der Fülle, von der Gnade, von dem großen Wert dieser Gnade und schließlich, dass wir diese Gnade nehmen dürfen.
Es spricht also zunächst von der Fülle, dem Reichtum:


(I.) Von der Fülle, die Jesus hat.
Und zwar von seiner Fülle, die er für uns hat!
Jesus ist ein reicher Herr, der nicht geizt, wenn er an uns denkt. Mit »Sättigung« kann man dieses Wort Fülle auch übersetzen.
Manche unter uns kennen den Liederdichter Gerhard Tersteegen. Er war ein Handwerker. Er hatte ein schweres Leben. Er stammte aus ganz armen Verhältnissen. Seine Mutter war Witwe und hatte kein Geld, ihm eine höhere Ausbildung zuteil werden zu lassen. Er war körperlich so schwach, dass er auch das Handwerk eines Leinewebers, in dem er sich versuchte, nicht durchstand. Er wurde dann Seidenbandmacher. Es reichte nur zu einem einfachen Leben, kargen Mahlzeiten, und er blieb ledig.


Und trotz dieser Armut und Schwachheit war sein Leben reich, nicht äußerlich, aber geistlich. Er wurde einer der bekanntesten Liederdichter. Zu den 111 Liedern, die er dichtete, gehören solche wie »Gott ist gegenwärtig« und »Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart« (1).
Er hat in Jesus die Fülle und Sättigung gefunden, von der unser heutiger Predigttext redet. In einem seiner Lieder sagt Tersteegen zu dem lebendigen Gott und Herrn:
»Allgenugsam Wesen, / das ich hab erlesen / mir zum höchsten Gut... / Wer Dich hat, / ist still und satt; / wer Dir kann im Geist anhangen, / darf nichts mehr verlangen.
Wem Du Dich gegeben, / kann in Frieden leben, / er hat, was er will; / wer im Herzensgrunde / lebt mit Dir im Bunde, / liebet und ist still.«


Tersteegen hat erlebt, wie dieser, unser Herr, ihn sogar in ganz schweren Wegen tröstet und durchträgt und ihn innerlich zur Ruhe bringt. So dichtete er in diesem Gebetslied:
»Höchstes Gut der Güter, / Ruhe der Gemüter, / Trost in aller Pein! / Was Geschöpfe haben, / kann den Geist nicht laben: / Du vergnügst allein...
Was genannt mag werden / droben und auf Erden, / alles reicht nicht zu. / Einer kann mir geben / Freude, Ruh und Leben; / Eins ist not: nur Du! / Hab ich Dich / nur wesent-lich, / so mag Leib und Seel verschmachten, / ich will’s doch nicht achten.«


Und er durfte wissen, dass dies sein Leben, sein Trost, seine Hoffnung und sein Reichtum auch im Tod nicht zerbricht. So heißt es im letzten Vers dieses Liedes:
»Bleib nur Du / mein Gut und Ruh, / bis Du wirst in jenem Leben / Dich mir völlig geben« (2).
Von Gottes Fülle dürfen wir reden nicht nur in schönen Tagen, sondern selbst dann, wenn wir am Ende sind. Von ihr dürfen wir auch dann froh und dankbar reden, weil diese seine Fülle für uns da ist.


Schon im Alten Testament hat der lebendige Gott uns das mit einem schönen Bild gezeigt. Es heißt dort in einem Psalmwort: (3) »Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle.«
Das heißt ja: Auch wenn wir innerlich ganz ausgetrocknet sind vor Kummer, Leid, Trauer und was es sei: Zu ihm dürfen wir kommen, zu Gottes Brünnlein, und Lebenswasser trinken. Jesus selber lädt ja dazu ein (4) mit den Worten: »Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!«
Ja, Jesus hat die Fülle, auch für uns!


(II.) Alles, was wir aus der Fülle Jesu bekommen, ist Gnade.
Das heißt: Wir haben es nicht verdient. Jesus schenkt es uns gratis. Das ist erst recht ein großer Trost.
Wäre es anders, müssten wir uns das also verdienen, dann würden wir nie gewiss und froh. Wie sollten wir dem gerechten und heiligen Gott, der sogar unsere Gedanken kennt und unsere Herzen prüft, wie sollten wir diesem Gott gerecht werden können?
Aber nun sagt dieses Bibelwort: Es ist alles Gnade, alles Geschenk. Jesus kommt zu uns als der Heiland, der grad das Verlorene sucht. Für uns hat er sein Blut und Leben gegeben, weil wir sonst weder im Leben noch im Sterben und im letzten Gericht mit Gott verbunden sein und vor ihm bestehen könnten.
Nur so haben wir den einzigen Trost im Leben und im Sterben, von dem der Heidelberger Katechismus spricht:
»Dass ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines treuen Heilandes Jesu Christi eigen bin« (5).


Dass ich ihm gehöre, was auch kommt. Dass nichts mich aus seiner Hand reißt.
Wie vieles haben auch wir in unserem persönlichen Leben an Gutem erlebt, an Segen und Bewahrung und Führungen und was man nennen könnte. Alles haben wir nicht verdient, es ist alles Gnade.


Und zwar heißt es in diesem Bibelabschnitt, wir haben genommen »Gnade um Gnade«: Eine Gnade kommt aus der anderen. Wer die eine empfängt und annimmt, erlebt schon die nächste.
Und diese Kette von Gnade um Gnade soll nach dem Willen Jesu Christi nicht aufhören. Denn Gnade, die persönliche Zuwendung unseres Herrn und Gottes, ist möglich in diesem Leben, aber nicht nur hier, sondern selbst auch im Tod und nach dem Tod. Also selbst da, wo sonst alle Beziehungen abbrechen: Wir müssen einmal Abschied nehmen von unseren Lieben, von unserer irdischen Heimat, von Geld und Gut, ja sogar von unse-rem irdischen Leib. Aber wer in der Beziehung mit Jesus lebt, darf es erfahren: Er lässt mich auch im Tod nicht los. Seine Gnadenhand hält mich fest.


Der genannte Dichter Gerhard Tersteegen sagte einmal bei der Geburtstagsfeier eines Freundes: »Freunde, wenn ich heute sterben sollte, dann hätte ich euch nur drei Worte zu sagen:
1. Setzt euer ganzes Vertrauen auf die Gnade Gottes in Jesus Christus.
2. Liebt euch untereinander.
3. Wachet und betet!« (6)
Auch er wusste: Die Gnade lässt mich nie im Stich, selbst im Tode nicht; auch da ist sie vorhanden, auch da bleibt sie mir.
Wie schön ist es, wenn wir spüren, dass Menschen sich uns in Liebe zuwenden. Wie groß ist es dann erst recht, wenn sogar der große Gott sich uns zuwendet, sich zu uns herabbeugt und uns beisteht und seine Hilfe bringt: Das ist ja Gnade. Und das ist tatsächlich der Fall: In Jesus hat er sich herabgebeugt zu uns. Und alles, was wir von ihm bekommen, ist Gnade.


(III.) Der Wert dieser Gnade.

Diese Gnade ist kein lumpiger Groschen, der einem Bettler hingeworfen wird; es heißt von ihr hier: Sie ist »durch Jesus Christus geworden.«
Ihretwegen hat er, der Ewige, den Himmel mit der Krippe vertauscht, ihretwegen hat er am Kreuz sein Blut und Leben gegeben. Diese Gottestat ist es, durch die die Gnade geworden ist!
Nehmen wir sie nicht billig, nehmen wir sie ernst! Spielen wir nicht mit ihr! Schon die Gabe des Gesetzes durch Mose, die Willensoffenbarung des ewigen Gottes, diese heilsame Weisung, war eine große Gabe Gottes. Aber sie hatte nicht die Kraft, unser Wesen zu verändern. Aber nun kommt in Jesus die Verwirklichung, das Heil und Leben selbst zu uns! – Wie groß ist diese Gabe, wie wertvoll dieses Angebot.


Und wie groß das ist, unterstreicht das zweite Wort, das bei der Gnade steht: »Die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.«
Wahrheit – das meint etwas Verlässliches, Treues und Beständiges (7). Es ist nicht nur ein Augenblicksgeschehen, sondern es bewährt sich im Leben und im Sterben, es trägt durch in Zeit und Ewigkeit. So wird hier die Gnade beschrieben, die uns das Heil und Leben gebracht hat!
Und nun sehen wir noch als Viertes und Letztes, wie wir diese Gnade erfahren, nämlich:


(IV.) Diese Gnade ist zum Nehmen.

Wenn ein Kind zu uns zu Besuch kommt und es liegen vielleicht allerlei leckere Dinge aus, dann sind die si-cherlich schön anzusehen. Aber entscheidend für ein Kind ist es: Ist das auch zum Nehmen?
Und so ist es mit der großen Gabe Gottes an uns, nämlich mit seiner Gnade, die uns alles bringt, nicht nur die äußere Versorgung, sondern den Heiland und Herrn Jesus Christus selber.
Er persönlich kommt ja zu uns. Davon ist im Zusammen-hang unseres Bibelwortes die Rede (8): »Das Wort – der ewige Sohn Gottes – wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit...«.


Johannes, der das schreibt, und die anderen Apostel sahen diese Herrlichkeit Jesu – weithin verborgen unter der Gestalt des Kreuzes – mit den Augen des Glaubens.
Aber sie ließen sich persönlich verbinden mit ihm und haben so erfahren: Da ist Leben und alles, worauf es ankommt.
Und sie ließen das Geschenk Gottes nicht stehen zum Bestaunen oder zum Vergessen, sondern sie lebten aus ihm. So konnten sie später mit vielen anderen bekennen: »von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.«


Auch für uns alle stehen diese Worte in der Bibel, damit sie in unserem Leben erfüllt werden: Dass wir hier finden, was uns wirklich tröstet und die Hilfe bringt, die sonst nirgends zu finden ist; und was uns Geborgenheit schenkt mitten im Sturm des Lebens; und was uns Hoffnung gibt selbst an Sarg und Grab.
Drum wollen wir uns rufen lassen, wie’s in dem Chris-tuslied von Philipp Friedrich Hiller heißt:
»Eil, es ist nicht Zeit zum Schämen! / Willst du Gnade? Du sollst nehmen. / Willst du leben? Das soll sein. / Willst du erben? Du wirst’s sehen. / Soll der Wunsch auf'’s Höchste gehen: / willst du Jesum? Er ist dein« (9).


Und wir wollen mit diesem Herrn Jesus Christus, dessen Gnade alle Morgen neu ist, unsere Tage beginnen, durchleben und vollenden. Dann ist unser Leben gesegnet. Denn wo Er, unser Herr und Gott, dabei ist, da ist Segen – in Zeit und Ewigkeit.   Amen.

       
(1) Obige Infos über Tersteegen aus: Wolfgang Heiner, Bekannte Lieder – wie sie entstanden, 3. Auflage Neuhausen-Stuttgart 1985,
Seite. 219ff.
(2) EKG 270
(3) Psalm 65, 10
(4) Johannes 7, 37
(5) Heidelberger Katechismus, Frage 1
(6) Heiner, aaO. Seite 221
(7) siehe Gese aaO. Seite 187
(8) Johannes 1, 14
(9) EKG (Württ.) 96, 7a

 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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