2010-09-12

Predigt über 1. Petrus 5,5c-11 / Pfarrer Rainer Holweger

All eure Sorge werft auf ihn

Gemischte Gefühle können einen beschleichen, liebe Gemeinde, wenn wir sehen, was die Zukunft bringen könnte. Und wer macht sich keine Sorgen um das, was uns noch erwarten wird – als Familien, als Gemeinde?

In unserem heutigen Predigttext geht es darum, wie wir mit diesen gemischten Gefühlen, mit unseren Sorgen umgehen können. Wir hören als Predigttext für den heutigen Sonntag Worte aus dem fünften Kapitel des ersten Petrusbriefes (1. Petr 5,5c-11):

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. 7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.

10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. 11 Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

Gemischte Gefühle bewegen die verstreuten Gemeinden in Kleinasien, im heutigen Gebiet Griechenlands und der Türkei, an die der Apostel Petrus seinen Brief ungefähr im Jahre 60 nach Christus geschrieben hat. Da herrscht auf der einen Seite eine ungeheure Hochstimmung, weil immer mehr Menschen sich zu Jesus Christus als ihrem Herrn und Heiland bekennen. 

Auf der anderen Seite herrschte unter den Christen große Angst und Unruhe. Denn schon zur Zeit des Petrus kam es zu ersten Christenverfolgungen, weil die Christen sich weigerten, den römischen Kaiser wie einen Gott zu ver-ehren. Da ist es nur zu verständlich, dass viele Christen um sich und die Zukunft ihrer Familien besorgt waren. 

Von manchen in der Gemeinde wurden sie deswegen als Glaubensschwächlinge verspottet. »Wer richtig glaubt, hat keine Angst!« – so sagten sie. Man unterschied zwi-schen besseren und schlechteren Christen.

Gemischte Gefühle können vielleicht auch uns bewegen. Da ist zum einen die Freude darüber, dass wir unseren Glauben frei und offen leben können. Wir dürfen uns zum Gottesdienst versammeln, ohne dass wir Angst ha-ben müssten, dass uns daraus ein Nachtteil entsteht. Wir haben in fast jeder Gemeinde eine schöne Kirche und ein Gemeindehaus. 

Auf der anderen Seite sehen wir, wie es an vielen Orten bröckelt. Die Zahl der Austritte nimmt zu, in unserer Landeskirche wird diskutiert, welche Gebäude und Ein-richtungen wir in Zukunft noch unterhalten können und welche wir abgeben müssen.

Aber nicht nur die Frage nach der Zukunft unserer Kir-che bewegt uns. Wir mussten dieses Jahr nach mehr als sechzig Jahren Frieden erstmals wieder Soldaten betrau-ern, die gefallen sind – und für die Angehörigen spielt es keine Rolle, ob wir das nun Krieg oder einen bewaffne-ten Konflikt nennen.

Manche fragen sich: Werden die Spannungen zunehmen, werden Terror und Krieg einmal unser Leben prägen, wie es in anderen Ländern schon heute der Fall ist? 

Werden sich unsere Kinder behaupten können in einer Gesellschaft, die immer älter wird, und in der Kinder und Jugendliche zu einer Minderheit gehören? 

Oder sind das Fragen, die man sich als Christ gar nicht stellen darf? Sorgen verboten – Hauptsache, gerettet? Als christliche Gemeinde bewegt uns vielleicht auch die an-dere Frage: Wie leben wir unseren Glauben im Alltag so, dass er im wahrsten Sinne des Wortes »glaub-würdig« wird? Oder sind diese Fragen etwa auch überflüssig? Nachdenken verboten – Hauptsache, gerettet? Was macht einen tragfähigen Glauben aus, der sich auch in schweren Zeiten behaupten kann? 

Petrus weicht in unserem Predigttext diesen Problemen nicht aus. Dabei hat er selbst einmal zu denen gehört, die solche Fragen weit von sich gewiesen hatten. 

Selbstsicher hatte er damals gegenüber Jesus behauptet: »Auch wenn alle dich im Stich lassen – ich bleibe bei dir!« – Hatte Jesus ihm nicht selbst den Namen »Petrus« gegeben – zu deutsch: der Fels? 

Doch der Felsenmann hat sich als Wackelpeter erwiesen. Sie kennen die Geschichte: Noch bevor der Hahn krähte, hatte er Jesus dreimal verraten. »Jesus – wer soll das sein? Den kenne ich nicht.« Wir wissen, wie diese Ge-schichte weiterging: Jesus hatte ihm diese Schuld verzie-hen – er hat Petrus nicht als untauglich in die Wüste weggeschickt, sondern ihn dazu beauftragt, Verantwor-tung für andere Christen zu übernehmen und für sie zum Vorbild, zum Hirten zu werden. 

(a) Schaut nicht auf die herab, die sich Sorgen machen.

In unserem Predigttext, den Petrus als Mahnung an die Ältesten in der Gemeinde geschrieben hat, schärft er ein: Hochmütig, von oben herab kann diese Verantwortung jedenfalls nicht wahrgenommen werden. Und den Über-blick über die Lage zu behalten, ist etwas anderes, als auf die anderen, auf die »Kleinen« und Angefochtenen he-rabzusehen. Denn das hat Petrus bei Jesus erfahren: Wer meint, sein Glaube sei mehr wert, sei besser und stärker als der von anderen, der ist vor Gott auf dem Holzweg. 

»Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden« – so hatte schon Jesus die Pharisäer gewarnt. Und das Abend-gebet eines Kindes ist nicht weniger wert als das Gebet eines Pfarrers oder Bischofs.

(b) Bewahrt euch ein kindliches Vertrauen

Denn der Glaube ist nicht wie ein Geldschein, den man in der Tasche haben kann – der eine fünf, der andere zehn Euro – und der andere gar nichts. Sondern der Glaube an Gott ist wie eine Beziehung zu einem gelieb-ten Menschen – eine Beziehung, in der es Zeiten der Nähe und Ferne gibt, die Höhen und Tiefen kennt. Eine Beziehung, die sich im Laufe der Zeit verändert und die sich bei einem Erwachsenen sicher anders gestaltet als bei einem Kind. Manche wachsen in diese Beziehung zu Gott von klein auf hinein, andere können für sich einen klaren Neuanfang mit Gott in ihrem Leben festmachen.

Diese Beziehung zu Gott wird in der Bibel und besonders von Jesus selbst immer wieder mit dem Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern verglichen, weil sie nicht an Voraussetzungen gebunden ist. 

Kind zu sein – das kann man sich nicht verdienen oder erarbeiten, sondern das wird einem geschenkt. Mit die-sem Geschenk muss man freilich auch leben, ob man nun will oder nicht. Gerade, wenn wir in unserer Landeskir-che Säuglinge zur Taufe bringen, bezeugen wir damit auch: Dass Gott unser Leben geschaffen hat, dass Jesus Christus der Herr und Heiland unseres Lebens sein will, ist nichts, was wir uns aussuchen könnten – so wenig wir uns unsere Eltern aussuchen können, oder, ob wir gebo-ren werden wollen oder nicht. 

Dass wir ein Kind Gottes sein dürfen – dieser Ruf und dieser Anspruch gilt nach dem Zeugnis der Bibel jedem von uns, allerdings nicht wie ein Urteil oder ein Ver-hängnis, sondern als Bitte, als Frage, die Gott jeden Tag neu an unser Leben stellt. Die angemessene Antwort auf diese Frage zu finden, herauszubekommen und zu erfah-ren, was das nun heißt, ein Kind Gottes zu sein und da-nach auch zu leben – das ist die spannende Aufgabe, die uns unser ganzes Leben begleitet. 

Ein Kind Gottes zu sein und sein Christsein zu leben, ist keine leichte Aufgabe. Nur der, dem alles gleichgültig und egal ist, macht sich keine Sorgen. Nur, wer nichts liebt, kennt keine Sorgen. Sorgen gehören zum Leben wie der Schatten zum Licht. 

(c) Bringt eure Sorgen im Gebet vor Gott

Doch für die Sorgen gilt das, was ein paar findige Wer-betexter vor ein paar Jahren schon vom Beton gesagt haben: Es kommt darauf an, was man daraus macht. Sor-gen können einem zur Last werden, die uns lähmt und zu erdrücken droht. Petrus empfiehlt, die Sorgen wegzuwer-fen – und zwar zu Gott hin, hin zu Jesus Christus. Jesus hat besonders diejenigen zu sich eingeladen, die mit Sor-gen beladen sind: »Kommt her zu mir alle, die ihr müh-selig und beladen seid« – und dann geht es ja nicht wei-ter: »… und ich will noch eines draufpacken«, sondern »ich will euch erquicken«, erfrischen, entlasten, wieder aufrichten. 

»Alle eure Sorgen werft auf ihn« – Seine Sorgen zu wer-fen, das heißt ja nichts anderes, als sie vor Gott zu brin-gen, das heißt: zu beten. Wenn wir Petrus fragen würden, was es heißt, als Kind Gottes zu leben, so würde er sicher antworten: Vergesst nicht zu beten. Betet miteinander und füreinander. Denkt nicht zu gering davon, dass wir mit unserem Herrn an jedem Ort und zu jeder Zeit reden dürfen. Er hört uns, er ist kein toter Götze, kein totes Stück Holz, an dem unsere Sorgen abprallen. Sondern er ist der lebendige Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat und Tag für Tag erhält. Er ist der Auferstandene, der den Tod für uns besiegt hat, der den letzten Feind und die größte Sorge von uns genommen hat. Er will mit uns sein durch seinen Heiligen Geist, er erinnert uns selbst an die Verheißungen der Bibel, an das, was Jesus uns verspro-chen hat.

Wenn wir mit Kindern beten, können wir zusammen mit ihnen das Staunen über Gottes Größe neu entdecken. Und wir können von ihnen lernen, was es heißt, in kindlichem Vertrauen ganz ungeschminkt und unverblümt alles vor Gott zu bringen, was uns bewegt. Kinder haben sich oft viel mehr als wir Erwachsenen den Blick bewahrt für die kleinen und unscheinbaren Dinge, für die sie Gott danken.

(d) Lasst euch nicht abbringen vom Glauben

Petrus verschweigt aber auch nicht, dass es alles andere als eine harmlose Sache ist, ein Kind Gottes zu sein. Und wer einen Blick in die Berichte der Menschenrechtsorga-nisationen wirft, der sieht, dass nicht nur zur Zeit des Petrus Christen verfolgt wurden. Damals wie heute ist dabei immer kennzeichnend gewesen, dass die Christen nicht wegen irgendwelcher Verbrechen verfolgt werden, sondern alleine deshalb, weil und solange sie den Namen Jesu Christi tragen. Doch auch wenn bei uns niemand Angst zu haben braucht, wegen seines Glaubens vor die Löwen geworfen zu werden, gilt uns am Ende doch e-benso die Mahnung zur Wachsamkeit und Nüchternheit, von der Petrus schreibt. 

Denn nicht das Gebrüll von Löwen, aber doch ganz andere Furcht erregende, im wahrsten Sinne des Wortes teuflische, zerstörerische Stimmen und Stimmungen stürmen immer wieder auf uns ein. Sie sagen das Gegenteil von dem, was uns Gott in seinem Wort verspricht: Dass er am Ende selbst für uns sorgt. Dass er größer ist als alle unsere Sorgen. Dass er es am Ende gut mit unserem Leben meint und gut mit unserem Leben macht. 

Und die teuflischen Stimmen und Gedanken wollen uns davon abhalten, was doch die eigentliche Aufgabe von uns Kindern Gottes ist, der Sinn und das Ziel unseres Lebens: Den dreieinigen Gott zu loben, ihm zu danken

und ihm allein die Ehre zu geben. 

Aber wo wir nicht auf diese Stimmen hören, sondern 

auf die Zusagen, die Gott uns in seinem Wort schenkt, 

da dürfen wir auch mitten in allen Sorgen das erleben, dass er uns in allen Sorgen Hoffnung schenkt, dass er uns aufrichtet, stärkt, Kraft gibt und neuen Halt.

Und deshalb wünsche ich uns als christliche Gemeinde: Dass es uns mitten im Lärm dieser Zeit immer wieder gelingt, still zu werden und auf Gottes Wort zu hören, seinen Ruf zu vernehmen und ihm gegen den Lärm die-ser Zeit durch unser ganzes Leben, mit Gebet und Lobge-sang zu antworten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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