2010-08-29

Predigt über 1. Joh 4,7-12 / Pfarrer Hartmut Heugel, Wildberg-Sulz a. E. 

Wir hören Gottes Wort für diesen Sonntag aus 1. Johannes 4,7-12:

7 Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. 8 Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. 9 Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. 10 Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. 11 Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. 12 Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“

Liebe Gemeinde!

(1.) Der wahre Gottesglaube wird aus der Liebe gezeugt

Gott ist Liebe, das ist die zentrale Aussage unseres heuti-gen Abschnitts. Aber warum gibt es dann soviel Elend auf dieser Welt – und auch in meinem Leben? Könnte Gott uns das nicht alles ersparen?

Schon die damaligen Leser haben diese Frage gestellt. Ist er nicht vielmehr ein grausamer Gott, vor dem wir Angst haben müssen, der uns mit alledem straft? 

Ich denke da an die Geschichte von Jona, als in Angst um ihr Leben ein jeder der Seeleute zu seinem Gott betet, nachdem sie alles über Bord geworfen haben, um gerettet zu werden. Und dann wird der Schuldige gesucht und gefunden: Jona. Und der wird als Opfer über Bord ins tiefe Meer geworfen. 

Angst ist nicht immer ein guter Ratgeber. Vor allem dann nicht, wenn es um Beziehungen geht, die für unser Leben wichtig sind. 

Wenn Freunde oder Eheleute aus Angst vor dem Verlust der Liebe des anderen sich verstellen oder verbiegen und nicht mehr echt und ehrlich sind. Dann nimmt die Bezie-hung eine unheilvolle Entwicklung.

Die meisten Religionen sind aus Angst geboren worden. Nur nicht den Neid oder den Zorn der Götter herausfordern, war eine große Angst in der griechischen und römischen Antike. In den Naturreligionen gibt es viel Angst vor der Rache oder dem bösen Fluch der Verstorbenen. Darum nur nachts bloß kein Fenster auflassen, durch den ein böser Geist ins Haus kommen kann!  

Wie ist das mit unserem christlichen Glauben, mit meinem persönlichen Glauben – ist der auch aus Angst geboren? Aus Angst vor dem Tod? Aus Angst, sonst von Gott 

abgestraft zu werden? Angst, wie Martin Luther sie hatte: vor Gott im Gericht nicht bestehen zu können? 

Der Apostel Johannes schreibt in seinem Brief, dass in der Angst sich Gott nicht erkennen lässt. Ein aus Angst geborener Glaube ist kein Glaube, der die Wahrheit über Gott erkannt hätte. Und hätte einer vieles von Gottes Größe und Macht durchschaut, er hätte von Gott nichts begriffen, wenn er ihn nicht in seiner Liebe erkannt hätte.

Gott erkennen heißt immer zugleich, die Liebe erkennen, die sein Wesen ausmacht – und die auch die Menschen, schließlich auch mich selber und meine Nächsten umschließt – trotz allem, was wir erleiden. 

Gott erkennen heißt, zu erkennen, dass er aus Liebe seinen geliebten einzigartigen Sohn in unsere Welt gesandt hat, »damit wir durch ihn leben sollen«. Wenn einer sein Liebstes hergibt, dann doch aus Liebe.

Die Liebe bestimmt das innere Verhältnis zwischen dem Vater und dem einzigartigen Sohn. Aus dieser Liebe heraus geschieht die Sendung von Gottes Sohn in die Welt. Gott erkennen heißt also, sein Wesen als Liebe zu erkennen. 

Genau dies sagt der Apostel Johannes hier: Gott ist Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigartigen Sohn gesandt hat in die Welt zur Sühne, zur Versöhnung für unsere Sünden. Damit ausgeräumt wird, was dem Liebesstrom im Wege steht. 

Glauben heißt also: Gott in seiner Liebe zu mir, zu den Menschen erkennen – und das betrifft und verändert mich. Es geht nicht um einen analytischen Glauben des reinen Verstandes, der die Elemente dieser Welt zer-pflückt und dann logisch zurückschließt: es muss einen Gott geben mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit. 

Glauben ist etwas Ganzheitliches, etwas, das mich ganz betrifft und mich verändert. Wenn ich von jemand weiß, dass er mich liebt, dann weiß ich auch, dass er mit mir zusammen sein will. Dann muss ich mich entscheiden: lass ich es zu oder nicht. Ist das für mich die Chance oder ist das für mich bedrohlich? Und genauso fordert Gottes Liebe, mit der er uns liebt, mit der er mich und Sie liebt, zu einer Antwort heraus: »Ja, ich finde deine Liebe groß-artig und ich möchte mit dir Gemeinschaft haben und die Beziehung pflegen« – oder zu sagen: »Alles das ist mir zu viel, bleib mir vom Hals. Ich möchte ohne dich durchs Leben ziehen.«

Wichtig ist mir daran: Gott möchte uns in unserer Frei-heit allein mit seiner Liebe gewinnen. Echter Gottesglau-be wird aus der Liebe gezeugt, mit der Gott uns liebt und die wir in Freiheit für uns gelten lassen. Gott zu erkennen bedeutet, immer auch zu wissen, dass Gott mich liebt und er natürlich auch auf die Erwiderung seiner Liebe wartet.

2. Gottes Liebe verlangt von uns eine Antwort

Die Bewegung der Liebe, die von Gott ausgeht, verlangt nach einer Antwort, die auch ganz praktische Konsequenzen hat. 

Auf drei Dimensionen schwingt die Bewegung der Liebe durch.Vielleicht kennen Sie das Gedicht vom »Römi-schen Brunnen« von Conrad Ferdinand Meyer mit seinen drei Schalen. 

In die oberste Schale strömt das Wasser ein, sie wird zu voll und lässt das Wasser in die zweite Schale überflie-ßen, die es dann an die dritte Schale wieder weitergibt. Jede Schale nimmt und gibt zugleich. So ist das auch mit der Liebe, die wir von Gott her empfangen. 

Die Liebe hat ihren Ursprung bei Gott und ist in ihrem Wesen von diesem Ursprung geprägt. So füllt sie die erste Schale, die unsere Gottesbeziehung bezeichnet. Es ist wichtig, dass wir uns diese Schale zuerst füllen lassen, sonst wird das Weitergeben sehr mühsam. 

Sich täglich ein paar Minuten stille Zeit verschaffen zum Lesen von wenigen Bibelversen, zum Beten, zum Medi-tieren. Jeder hat da mit sich seine eigenen Erfahrungen, wo einer ungestört ist, wie er oder sie mit Gott am besten ins Gespräch kommt. Jede Beziehung lebt davon, dass sie belebt wird, dass sie Zeit bekommt für den Austausch, dass sie vertieft wird mit weiteren Erfahrungen. Erst recht die Beziehung zu Gott, die uns, wie Johannes schreibt, belebt, Leben schenkt. 

Die zweite Schale ist die Nächstenliebe. Im Alltag haben wir direkten Umgang mit unseren Lieben, mit unseren Kollegen oder Mitschülern, Nachbarn oder Zeitgenossen. Sich hier nicht vom Zeitgeist leiten lassen, sondern von der Kraft, die von Gott ausgeht, weitergeben, was wir von Gott her empfangen haben: seine Liebe, seinen Segen, dazu möchte uns Gott bewegen. Welche Antwort geben wir auf Gottes Liebe in der Praxis des Alltags? Wieviel Eis können wir schon mit ein wenig mehr Freundlichkeit, Rücksichtnahme und Barmherzigkeit brechen?  

Haben Sie nicht schon längst selbst gemerkt, wie wohltuend ein Mensch in einem Team, einer Gruppe ist, der nicht zuerst an sich selber denkt, sondern sich für das Ganze einsetzt? Wie viel Segen schenkt Gott durch solche Menschen in unserem Miteinander!

Mit der zweiten Schale ist auch die Gemeinschaft von Glaubensgeschwistern angesprochen. Die geschwister-liche Liebe ist ein Geschenk, nicht lediglich ein Postulat.  Wo wir miteinander als Gemeinschaft geschwisterliche Liebe üben, da findet Gottes Liebe ein beständiges Zu-hause. Die Gemeinschaft unter den Christen war in der Zeit, als Johannes seinen Brief schrieb, in Gefahr. Es gab Streit darüber, ob die noch als Geschwister gelten kön-nen, die gesündigt haben. Johannes sagt dazu deutliche Worte am Anfang des zweiten Kapitels: »Wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der geeicht ist. Er ist die Versöhnung für unsere Sünden.« Und in dieser Bewegung kommt zum wiederholten Male die Aufforderung an die Geschwister: »Von Gott Geliebte, liebt einander!« Denn Gott hat mit euch besonderes vor. Gott liebt diese Welt und rettet sie. Aber nur in der Gemeinde der Glaubenden kommt seine Liebe an ihr Ziel. Nur dort schafft sie neues Leben. 

Und die dritte Schale ist die Fortsetzung der Wellenbe-wegung der Liebe von Gott her an die Ränder unserer Gesellschaft. Wo wir uns als Gemeinde oder als Einzelne aufmachen zu denen, die Hunger und Durst leiden, die in Armut leben, die krank oder traurig oder isoliert sind. 

Aus der Liebe erwuchs ja die Sendung von Gottes Sohn in die Welt – und die Sendung schloss das Kreuz von Anfang an mit ein, wenn Johannes hier schon an die Sühne und Versöhnung in V. 10 erinnert. Wir denken an das Wort aus dem Johannes-Evangelium, das die Konfirmanden als die Zusammenfassung der frohen Botschaft lernen: »Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigartigen Sohn dahingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben« (1). Gottes Liebe kommt mit der Sendung des geliebten Sohnes und seiner Lebenshingabe dort an ihr Ziel, wo wir uns in die Bewegung mit hinein nehmen lassen bis zum Einsatz des eigenen Lebens für andere. In einem neueren Lied wird diese Bewegung wunderbar nachgezeichnet: »Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort, in Tat und Wort, hinaus in unsre Welt (2).« Zusammen-fassend nochmal der zweite Punkt: 

Die Bewegung der Liebe, die von Gott ausgeht, verlangt nach einer Antwort, die auch ganz praktische Konsequenzen hat.

3. Die Liebe lässt sich nicht alles gefallen, aber sie erduldet alles.

Auch Sie haben sicher schon schmerzliche Erfahrungen mit Ihrer Liebe gemacht: dass jemand Sie darin hat aus-nutzen wollen. So ist zu sagen: 

Die Liebe lässt sich nicht alles gefallen, aber sie erduldet alles. 

Es ist wichtig, dies zu unterscheiden, damit wir in unserer Liebe nicht scheitern oder verbittert werden, sondern in der Liebe bleiben. 

Es ist wichtig, für unser Zusammenleben klare Abspra-chen zu treffen, die auch manche Grenzen beinhalten, bei deren Verletzung festgelegte Konsequenzen folgen müs-sen.  Nicht nur für heranwachsende Kinder ist dies nötig, auch für unser Miteinander in unserem Sozialstaat ist das sehr wichtig, soll er uns noch lange erhalten bleiben. Die Liebe lässt sich nicht alles gefallen, aber sie erduldet alles, um zum Ziel zu kommen. Liebe ist also durchaus zielbestimmt – schließlich verheißt uns Paulus, dass Glaube, Hoffnung und Liebe bleiben. 

Eine Geschichte soll dies zum Schluss verdeutlichen.

In einem Gefängnis saß ein Schwerverbrecher seine lebenslange Strafe ab. Er war voller Hass und Bitterkeit, verschlossen und grob. Immer wieder versuchte der Gefängnisseelsorger, mit ihm zu sprechen und ihm nahezukommen. Er wurde getreten, angespuckt, bekam das Essen ins Gesicht geschüttet und Flüche an den Kopf geworfen. Siebzehn lange Jahre bemühte sich der Seel-sorger mit außerordentlicher Liebe um den Mann. Eines Tages, als er in die Zelle kam, brach der Häftling weinend vor dem Pfarrer zusammen und sagte: »Seit siebzehn Jahren bin ich nun zu Ihnen wie ein Teufel, und Sie 

haben mich immer als Menschen behandelt. Nun will ich auch ein Mensch werden!«

Das war der Anfang einer langen und grundlegenden Verwandlung eines Menschen. Die Liebe des Seelsor-gers, die in dem hasserfüllten Verbrecher das sah, was noch werden könnte, verwandelte den Mann (3).

Die Augen der Wahrheit sehen, was ein Mensch ist und nicht ist. Aber die Augen der Liebe sehen das, was ein Mensch noch werden kann, wenn er geliebt wird. Das war das Geheimnis der Liebe Jesu. 

Er sah … schon die Verwandlung: ein Zöllner wird ein Apostel, ein Blinder sehend, eine Ehebrecherin geheiligt, ein Besessener frei. 

Lassen Sie sich in diese Bewegung der Liebe, deren 

Ursprung Gott selber ist, hineinnehmen. Sie muss erst Sie selber ganz erfassen, bevor sie Sie hinträgt zu Ihren Nächsten und zu Ihren Fernsten. 

Wichtig ist mir: die Liebe ist keine Forderung, sie ist 

ein Geschenk. Darum lassen Sie sich jeden Tag neu von Gottes Liebe beschenken.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der halte unseren Verstand wach und unsere Hoffnung groß und stärke unsere Liebe.   Amen.

Anmerkungen:

(1)  Johannes 3, 16

(2)  EG Württ. 637, 1 *

(3)  Axel Kühner: Überlebensgeschichten (Seite 131 / 21. Mai)




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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