2010-08-01

Predigt über Philipper 3,7-14 / Dipl.-Theol. Elisabeth Bahret, Haiterbach

Wir hören Gottes Wort für diesen Sonntag aus Philipper 3,7-14:

7 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für 

Schaden erachtet. 8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden 

gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, 

meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden 

geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus 

gewinne 9 und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe 

meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die 

durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, 

die von Gott dem Glauben zugerechnet wird.1 10 Ihn möchte ich 

erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft 

seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, 11 

damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.

12 Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen 

sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil 

ich von Christus Jesus ergriffen bin. 13 Meine Brüder, ich schätze 

mich selbst noch nicht so ein, dass ich's ergriffen habe. Eins aber 

sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus 

nach dem, was da vorne ist, 14 und jage nach dem vorgesteckten 

Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in 

Christus Jesus.“

Liebe Gemeinde,

unser Predigttext heute beginnt mit einer anstößigen Ausdrucksweise. Paulus spricht im Urtext derb von »Dreck« oder »Kot«, Luther hat es etwas anständiger mit »Schaden« übersetzt. Aber auch inhaltlich kann man sich an so manchem stoßen, was Paulus da von sich gibt. 

Es passt vieles nicht in unser gewohntes Denkmuster. 

Ich möchte einige dieser Anstöße aufgreifen. Denn 

»Reifen durch Reibung«, – wie der christliche Therapeut Ulrich Giesekus das lebenslange Lernen in einer Ehe beschreibt, gilt auch für den Umgang mit dem Wort 

Gottes: Am meisten reifen wir durch Reibung, in dem wir den Anstößen, vor die uns das Wort Gottes stellt, nicht ausweichen.

(1.) Ein erster Anstoß: Das Ziel ist noch nicht erreicht.

Paulus sagt: Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich’s ergriffen hätte...

Wenn selbst der größte christliche Missionar aller Zeiten, der Apostel Paulus, von sich sagen muss: Ich bin noch nicht am Ziel, ich bin noch auf halbem Wege – so ist das auch für uns ernüchternd.

Es gelten zwar auch die Worte desselben Apostels in Römer 8, 39: »Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn«. Aber ich selber kann dem Licht der Liebe in den Weg treten und mich abwenden. So habe ich nichts mehr von der Liebe Gottes, wie die Erde auf ihrer der Sonne abge-wandten Nachtseite nichts vom Sonnenlicht hat.

Die Eltern eines Konfirmanden erzählen dem Pfarrer: »Ja, wir beide haben uns auf einer Freizeit kennengelernt: In der Gemeinschaft, den Bibelarbeiten, dem Sin-gen haben wir sehr viel mit Gott erlebt«. Als der Pfarrer nachfragt, was daraus geworden sei, werden sie verlegen: »Es  kam die Ausbildung, der Beruf, die Kinder, ich wurde sehr krank. Man hat einfach viel um die Ohren. Da waren die intensiven Eindrücke irgendwann weg.« 

Merken wir, wie es schleichend gehen kann, dass man sich vom Licht der Liebe Gottes abwenden und sich selbst im Weg sein kann?

Deshalb legt der Apostel Paulus den Finger drauf: Wir sind noch nicht am Ziel. Er macht sich selbst zum Bei-spiel, um die Philipper zu warnen. Sie hatten einen super Start im Glauben mit dem Kerkermeister und Lydia, die ihr Herz und ihr Haus aufgemacht hat für die ersten christlichen Missionare auf europäischem Boden. Die Philipper sollen nicht in die einzige Falle tappen, die noch bleibt, nämlich dass sie selber das Licht der Liebe Gottes unterbrechen. Dies ist der erste Anstoß – auch für uns.

Und es gilt: Wer sich reibt, der reift. So war es übrigens auch bei diesen Konfirmandeneltern. Von diesem Ge-spräch an suchten sie wieder verstärkt den Kontakt zur Gemeinde und arbeiteten mit. 

(2.) Ein zweiter Anstoß: Leiden eröffnet Chancen.

Paulus formuliert als Ziel, was für uns zum Davonlaufen ist: »Ihn möchte ich erkennen und die Gemeinschaft sei-ner Leiden.«

Wir Menschen möchten Leiden – wo es geht – vermeiden. Und wo Leiden unvermeidlich ist, da halten wir das unter Umständen für einen nicht mehr lebenswerten Zustand: 

Eine 30-jährige Patientin, die nach einem schweren Schädel-Hirntrauma nach drei Jahren Wachkoma wieder aufwachte, wurde in einem Interview befragt. Die Methode war einzigartig. Da die junge Frau weder sehen noch sprechen konnte, wurde ihr immer wieder das Alphabet aufgesagt. Wenn der gewünschte Buchstabe kam, nickte sie mit dem Kopf. So entstand Wort für Wort, Satz für Satz. Doch erstaunlicher noch als die Interviewform war das Ergebnis: 

Frage: »Was denkst du, warum bist du aus dem Koma erwacht?« – Antwort: »Weil ich die Hilfe von meinen Eltern erfahren habe.«

Frage: »Was denkst du, wenn du dein Leben vor und nach dem Koma vergleichst?« – Antwort: »Ich möchte niemals wieder zurück. Ich denke, dass ich mehr sehen kann, wie ich heute lebe, intensiver. Wegen meiner Blindheit habe ich lernen müssen, mit meinem Herzen zu sehen...«

Ganz bestimmt können Menschen auch mit Verbitterung auf ein so schweres Leiden reagieren. Und trotzdem ist es oftmals das Leiden, das uns intensiver mit den Augen des Herzens sehen lässt, gerade auch den, der mit uns wie kein anderer das Leiden teilt: Jesus Christus.

Auf einer Skifreizeit haben Jugendliche darüber nachge-dacht und sich ausgetauscht, was schwere Erfahrungen in ihrer noch kurzen Lebensgeschichte bewirkt haben. Immer wieder stand am Ende das gleiche Ergebnis: 

Die Schwierigkeiten haben mich näher zu Gott, zu Jesus gebracht. 

Genau über diese Erfahrung schreibt der Apostel Paulus aus der Gefängniszelle, in der er schon seinen eigenen, gewaltsamen Tod vor Augen hat.

Genau damit gibt er uns den Anstoß, vielleicht über eine Leidenserfahrung neu nachzudenken: Vielleicht ist sie über uns gekommen, um uns in die Lebens- und Lei-densgemeinschaft mit Jesus Christus hineinzuführen, so dass wir nicht mehr hadern müssten über einen schweren Weg, sondern auch den Segen dieses Weges wenigstens ahnen könnten.

(3.) Einen dritten Anstoß gibt uns Paulus: 

In der Auferstehung steckt bis heute Kraft.

Er möchte auch Jesu Auferstehungskraft erkennen. Paulus geht davon aus, dass Jesus uns an der Kraft, die ihn dem Tode entrissen hat, immer wieder neu teilhaben lässt. Paulus ist überzeugt, dass diese Kraft auch Jahre nach der Auferstehung immer noch dieselbe ist und dass sie durch den Heiligen Geist auch in seiner Gemeinde noch angetroffen wird. Diese Kraft kann immer wieder auch die Hilfe in körperlichen oder seelischen Nöten sein. Sie will uns aber vor allem aus dem alten Leben herausholen und in ein neues Leben, das ewige Leben hineinstellen, das hier schon beginnt und nie endet.

Eine Jugendliche erzählte folgende Erfahrung in ihrer Gemeinde: Sabine tauchte plötzlich in unserem Jugend-gottesdienst auf. Vorher hatte sie noch nie etwas mit Kirche zu tun gehabt. Sie war sogar stolz darauf, nicht so einem Unsinn wie dem Glauben an Gott »verfallen« zu sein. Eigentlich kam sie nur mit, weil Anna, ihre Freun-din, keine Ruhe gegeben hatte. Was da in der Predigt über Jesus gesagt wurde, bewegte sie. Beim nächsten Gottesdienst war sie wieder da und beim übernächsten sogar ohne Anna. Etwa ein Jahr später wollte sie getauft werden. Dazu lud sie ihre Eltern ein, die von dem Gan-zen nach wie vor nichts hielten und ihre Freundinnen, darunter Yvonne, die zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Kirche war. Yvonne kam wieder und fuhr auf eine Freizeit mit. Sie wurde Christin und lud Stefan ein...

Dass so etwas geschieht, kann nur die Auferstehungskraft bewirken, die stärker ist als die Gegenmächte, die uns zur Gottesferne und zum Tod hinführen wollen.

Aber es ist dazu auch wichtig, dass wir als Gemeinde darauf vertrauen, dass Gott zu seinem Wort steht, dass er ein zugesprochenes Wort, einen Segen auch einlöst, 

dass Gottes Wort eine Änderung in der Lebensführung bewirken kann. 

(4.) Noch ein Anstoß: 

Leben aus eigener Anstrengung ist nichts wert.

Paulus sagt: Ich vergesse, was dahinten ist...Was einmal sein ganzer Stolz war, seine Herkunft aus dem Judentum, seine Karriere als Pharisäer und als strenger Bewahrer des Gesetzes, das erkennt er jetzt, wo er die ganz um-sonst geschenkte Gnade erkannt hat, als Dreck, als Hindernis, als Schaden, zu dem er keinesfalls zurück möchte. Auch heute gibt es Menschen, deren Leben sich völlig verändert hat, nachdem sie Jesus Christus begegnet sind:

Jean Benoit stammt aus Haiti und ist jetzt als Missionar in seiner Heimat tätig. Er weiß aus eigener Erfahrung, was der weit verbreitete Voodookult (sprich: »Wudukult«) bedeutet: Es ist ein Geisterkult. Man muss diesen Geistern Opfer bringen, damit man nicht verflucht wird. Voodoo (sprich: »Wudu«) ist ein Geschäft mit der Angst und 

das eigene Tun ist dabei von entscheidender Bedeutung. So ist es in vielen Religionen.

In einem Glaubenskurs für Jugendliche sollen diese sich auch mit anderen Religionen auseinandersetzen. Die Jugendlichen halten als Ergebnis der Auseinandersetzung fest: In allen Religionen geht es vorangig darum, was der Mensch tut –auf Englisch: to do (sprich: »tu duh«) – Nur in einer Religion ist das anders: Da ist alles für uns getan. Das bedeutet, man muss im Englischen nur zwei ent-scheidende Buchstaben anhängen und aus »do« (sprich: »duh«) wird »done« (sprich: »dan«) – »getan«. Das gibt es aber nur bei Jesus Christus. Deshalb will Paulus das »to do« vergessen und das »done« ergreifen und ganz aus der Gnade leben. 

Das kann bei uns ganz konkret werden, wenn wir zum Beispiel mit unserem (schwäbischen) Perfektionismus aufhören, bei dem uns die letzten 10 % Perfektion 50 % der Kraft kosten; wenn wir auch aufhören mit dem ungnädigen Vergleichen. Gott hat doch mich als einzelnen nach seinem besonderen Gnaden-Maß mit Gaben und Grenzen bedacht. Leben aus der Gnade wird auch dann konkret, wenn wir aufhören mit unserer Scheinheiligkeit, weil wir nicht besser erscheinen müssen als wir sind und wenn wir aufhören, unseren Wert vor Gott und den Men-schen über unsere Leistung zu definieren. Denn wir sind doch Gott das Allerbeste wert, nämlich seinen Sohn, völlig ohne unsere Leistung.

Leistung und Perfektion waren auch für den Apostel Paulus einmal wichtig. Aber seit er Jesus kennt, will er das alles vergessen, weil es nicht zu seinem neuen Leben aus der Gnade passt.

Und diesen Anstoß möchte er auch uns weitergeben: Du bist doch schon längst befreit, nun realisiere es auch in deinem Alltag.

Mit einem Beispiel dazu möchte ich schließen: Ein Mann aus Chicago hatte aus irgend einem Grund, den nur er kannte, riesige Angst vor der Polizei. Ein anderer wollte sich mit ihm einen Spaß machen: Er riss aus einem Adressbuch der Stadt sämtliche Anschriften der Polizei-wachen heraus und wollte sie dem anderen in Zeitungs-papier eingewickelt zu Weihnachten schenken. Nichts ahnend machte sich der ans Auspacken: Plötzlich blieb sein Blick an einer Notiz auf dem Einwickelpapier hängen und der Mann begann zu strahlen, wie die Umstehenden noch nie jemand hatten stahlen sehen: Diesem alten Fetzen Zeitung hatte er so eben entnommen, dass er 

gerichtlich erwiesenermaßen unschuldig und kein poli-zeilich gesuchter Verbrecher mehr sei (1). 

Er war längst freigesprochen und hatte es nur nicht realisiert: Die alte Furcht war zu vergessen, ein Neues hatte angefangen: Ein von aufreibendem Druck befreites Leben.

Genau dazu, zu einem Leben aus der Gnade, möchte uns Paulus heute neu anstoßen.   Amen.




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Sonntag, 24.06.2018
9:15 Uhr:
Gottesdienst in Dennach (Pfarrer M.Gerlach)
10:00 Uhr in Schwann:
Kindergottesdienst
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (Pfarrer M.Gerlach)
Dienstag, 26.06.2018
17:45 Uhr:
Jungschar für alle Jungen und Mädchen im GH in Dennach
19:45 Uhr:
Chorprobe im GH in Schwann
Mittwoch, 27.06.2018
19:00 Uhr:
Teenkreis 13+ im GH Schwann
Donnerstag, 28.06.2018
18:30 Uhr:
Biblellesen und Austausch für Jugendliche im GH Schwann