2010-06-27

Predigt über Römer 14,10-13 / Prädikantin Eva Schittenhelm, Neuffen (Die Predigt von Entwicklungshelfer Bernd Lutz / "Hilfe für Brüder" ist leider nicht in digitaler Form verfügbar)

Liebe Gemeinde,

als die junge christliche Gemeinde in Karthago wegen angeblicher staatsfeindlicher Tendenzen angegriffen wurde, verteidigte sie der Schriftsteller Tertullian mit dem Hinweis: »Sieh, wie haben sie einander so lieb!« Ihm war aufgefallen, wie offen und herzlich es unter den Christen zuging. Und vielleicht war es diese Erfahrung, die ihn bewog, (um das Jahr 190) selber Christ zu werden.

»Sieh, wie haben sie einander so lieb« – das konnte Paulus von der Gemeinde in Rom nicht sagen. Hören Sie, was er in seinem Brief an die Römer schreibt (Römer 14,10-13):

10 Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. 11 Denn es steht geschrieben (Jesaja 45,23): »So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.« 12 So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben. 13 Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.“

Das sind scharfe Worte! Warum muss Paulus den Römern so hart ins Gewissen reden? Offenbar gab es in der Gemeinde Streitigkeiten, die das Zusammenleben vergifteten und die Einheit der Gemeinde gefährdeten. Aber was für ein Konflikt konnte die Gemeinde so erschüttern, dass sie daran auseinanderzubrechen drohte?

Sie werden sich wundern: es ging ums Essen und Trinken. Da meinten die einen, als Christ könne man nur vegetarisch leben. Denn das Fleisch, das in Rom verkauft werde, stamme vermutlich von Opfertieren aus dem heidnischen Götzenkult. Und ebenso zweifelhaft sei die Herkunft des Weines. Darum sei Enthaltsamkeit die einzige Möglichkeit, als Christ zu leben.

Wenn nun bei einem Gastmahl Fleisch und Wein aufgetischt wurden, fühlten sich diese Leute in ihrem Gewis-sen bedrängt. Denn die anderen begegneten ihnen mit Verständnislosigkeit und Spott:

»Was seid denn ihr für Christen. – Als ob davon unser Heil abhinge! Habt ihr noch nie was von christlicher Freiheit vom Gesetz gehört? Christsein zeigt sich ja ge-rade in der Freiheit von solchen Zwängen. Was habt ihr eigentlich begriffen?«

Wir können uns denken, wie es weiterging: Misstrauen, Verdächtigungen, spitze Bemerkungen hin und her. Men-schen gehen sich plötzlich aus dem Weg und sprechen einander den Glauben ab.

In Rom endete das damit, dass sich zwei Gruppen bildeten, die ihr Christsein davon abhängig machten, wie man’s mit dem Essen und Trinken hielt. Und sie waren ständig damit beschäftigt, sich voneinander abzugrenzen, sich gegeneinander zu behaupten und sich voreinander zu rechtfertigen. Ein Miteinander schien nicht mehr möglich.

In diese heillose Situation hinein schreibt der Apostel seinen Brief. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass beide Gruppen im Unrecht sind. Denn im Grunde tun beide das Gleiche: sie richten. Die »Schwachen« urteilen über die »Starken«, sie nähmen ihren Glauben nicht ernst. Und die »Starken« urteilen über die »Schwachen«, ihrem Christsein fehle die Freiheit. Und jede Gruppe glaubt, im Recht zu sein und schließt die andere innerlich aus der Gemeinschaft aus.

Paulus ruft die Römer zur Verantwortung. Und mir fällt auf, dass er sie nicht als Gruppe anspricht. Er sagt nicht: »Wie kommt ihr dazu, einander zu verachten und zu richten?« Ich denke, als guter Pädagoge weiß er, wie leicht es in der Gruppe ist, andere zu verurteilen. Deshalb zeigt er gleichsam mit dem Finger auf jeden Einzelnen und ruft ihn auf, holt ihn heraus aus der Anonymität der Gruppe und sagt: »Du!« und »Du!« Zuerst ist der »Star-ke« dran: »Du aber, was verachtest du deinen Bruder?« Und dann der »Schwache«: »Du aber, was richtest du deinen 

Bruder?« – Und für beide gilt: »Seid ihr nicht Kinder desselben Vaters? – Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Und jeder wird für sich selbst Gott Rechenschaft geben. – Was werdet ihr antworten, wenn er euch nach eurem Bruder fragt?«

Liebe Gemeinde, was würde wohl geschehen, wenn sie sich nun tatsächlich gegenüber stünden, Auge in Auge? Zum erstenmal sind sie sich so nah. Und noch scheint eine unsichtbare Wand zwischen ihnen zu sein.

Zunächst halten wohl beide ängstlich Ausschau nach ihren Gruppen. Aber die haben sich stillschweigend zu-rückgezogen. Und Paulus? Wird er sie verurteilen und strafen? Nein – er stellt beiden einen Stuhl hin und lässt sie allein. Da sitzen sie nun einander gegenüber, der Starke und der Schwache, und wissen lange nicht, 

was sie sagen sollen. So fremd sind sie sich.

Plötzlich fragt der Eine: »Warum nennst du mich schwach? Du kennst mich doch gar nicht!« Und dann beginnt er zu erzählen: vom Vater, der seine ganze Hoff-nung auf ihn setzte, weil der Bruder in der Schule ver-sagte. Von den Opfern, die der Vater brachte, damit aus ihm etwas Rechtes werden konnte. – Musste er da nicht auch sein Bestes geben? Bis in die Nacht sei er über den 

Büchern gesessen, um den Vater nicht zu enttäuschen. Kameraden, die ihn zum Spielen holen wollten, habe er weggeschickt: »Ich kann nicht mit euch kommen, ich muss lernen!« – »Streber! Vatersöhnchen!« hätten sie ihm nachgerufen. Ja, es sei ein hartes Leben gewesen. Und manchmal habe er den Bruder beneidet, der mit seinen Freunden im Hof spielte. Aber es habe sich gelohnt: den Wunsch des Vaters habe er erfüllt.

Und nun wolle er auch Gott und seinem Herrn Jesus Christus mit der gleichen Treue und Gewissenhaftigkeit dienen. Deshalb beachte er die Speisegebote. Aber er könne nicht verstehen, wie manche so nachlässig damit umgingen und sich dann auch noch als die »Starken« bezeichneten.

Still hat der andere zugehört. Und nach und nach beginnt er zu verstehen. Was für ein Leben! – Nein, der Mann, der ihm da gegenübersitzt, ist kein Schwächling, und manches könnte er von seiner Zielstrebigkeit und seiner Treue lernen.

Doch als Gegengabe möchte er ihm etwas von der be-freienden Wirkung des Evangeliums vermitteln. Nicht überstülpen – das nicht! Aber er will ihn mit seiner Le-bensfreude anstecken. Und indem er ihm die Hand hin-streckt, sagt er: »Ich danke dir für dein Vertrauen, Bruder!« Der andere ergreift die Hand und lächelt zum ersten Mal: »Und ich danke dir für dein Zuhören! – Und morgen musst du mir von dir erzählen!«

Liebe Gemeinde, wieviel Missverständnis und Miss-trauen, wieviel Ablehnung und Ausgrenzung auch unter Christen kommt daher, dass wir uns nicht wirklich wahr-nehmen und deshalb auch nicht verstehen! Was wissen wir über das Leben der andern, über ihre Kindheit, über Personen und Ereignisse, die sie geprägt haben? Wo sind sie in ihrer Entwicklung gefördert oder gehindert worden? Wie hat man zu ihnen von Gott und von Jesus Christus gesprochen? Unter Drohungen oder so, dass Liebe und Vertrauen wachsen konnten? Wir alle sind zu einem großen Teil ein Produkt unserer Erziehung, vor allem in den ersten Lebensjahren. Und es ist nicht unser Verdienst, dass wir so oder so geworden sind.

Aber Gott, der Schöpfer, der uns das Leben geschenkt hat, will nicht, dass wir in unserer Entwicklung stehen bleiben. »Bleib so, wie du bist!«  ist kein guter Rat.

Wie der Gärtner einem Baum durch viele einzelne Hand-griffe zu seiner endgültigen Gestalt verhilft, damit er Frucht bringt, so wirkt Gott an uns. Und er tut es durch Ereignisse und durch Menschen.

Dazu sind wir in eine Gemeinschaft gestellt, wo wir anderen begegnen. Darum hat Gott die Ehe, die Familie, die Freundschaft und die Gemeinde gestiftet, dass Menschen miteinander zu tun bekommen.

Einander sollen wir Entwicklungshelfer sein. Wie geschieht das?

Ganz gewiss nicht, indem wir uns beim ersten Konflikt zurückziehen. Gerade Konflikte sind Entwicklungschancen. Da ist es wichtig, dass wir uns geduldig aufeinander einlassen, und uns viel Zeit nehmen, einander zuzuhören. Offenheit und Anteilnahme schaffen Vertrauen. Wer mir vertraut, dass ich es gut mit ihm meine, wird auch Kritik annehmen, ohne sich gleich wieder zu verschließen.

Paulus fordert die Christen in Rom auf, einander nicht zu richten und alles zu vermeiden, was für andere ein Anstoß oder ein Ärgernis werden könnte. Damit meint er nicht, dass wir einander immer loben und bestätigen sollen, sondern dass wir darauf achten, andere durch unser Reden und Handeln nicht zu verunsichern und im Glau-ben irre zu machen.

Das Urteil über einen Menschen zu fällen, steht uns nicht zu. Uns, die wir immer befangen sind, weil wir ja uns selbst nie ganz kennen. Jesus Christus allein ist der rechte und gerechte Richter, denn nur er kennt uns durch und durch und »weiß, was im Menschen ist«. Unsere Aufgabe ist es, »darauf bedacht zu sein, dass eines das andere mit sich in den Himmel bringe«.

Liebe Gemeinde, ich weiß nicht, wie die Römer damals auf den Brief ihres Apostels reagiert haben. Aber heute hat dieser Brief uns erreicht und wir sind gefragt, wie wir darauf reagieren. Ob wir ihn in den Papierkorb werfen, weil wir uns nicht betroffen fühlen. Ober ob wir bereit sind, neu über uns und unsere Beziehungen nachzudenken.

Auch uns will dieser Brief ermutigen, als Ehepartner, als Eltern und Kinder, als Nachbarn und Kollegen und als Gemeindeglieder wieder bewusst aufeinander zuzugehen und uns füreinander zu öffnen.

Im ehrlichen Gespräch und im geduldigen aktiven Zuhö-ren kann es geschehen, dass wir einander ganz neu wahr-nehmen, einander immer tiefer verstehen und voneinan-der lernen.

Wo Menschen so miteinander umgehen, da herrscht ein offener, herzlicher und lebendiger Geist, der auch Außenstehende überzeugt und anzieht, weil sie spüren: 

»Sieh, wie haben sie einander so lieb!«   Amen.




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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