2009-12-20

Predigt über Philipper 4,4-7 / Pfarrer Markus Weimer, Tübingen

Liebe Gemeinde,

freuen Sie sich auf Weihnachten? Ein paar Tage vor Weihnachten geht ein kleiner Knirps in eine große Kirche. Er wird dabei beobachtet, wie er sich den Mittelgang nach vorne schleicht und sich der großen Krippe im Altarraum nähert. In dieser Krippe sind alle Personen der Weihnachtsgeschichte zu finden: Die Hirten, die Schafe, die Engel, Maria und Josef und das neugeborene Jesuskind. Der Junge schaut sich verstohlen um und nimmt dann blitzschnell den Josef und die Maria aus der Krippe heraus. Dann wendet sich der kleine Junge noch mal energisch dem Jesus-Kind in der Krippe zu und sagt: »Wenn du mir dieses Jahr wieder kein Mountainbike zu Weihnachten schenkst, dann siehst du deine Eltern nie wieder!« (1)

Manchmal müssen wir der Freude ein wenig nachhelfen – so scheint es zumindest. So lustig diese Geschichte auch ist, sie hat einen wahren Kern. In vier Tagen ist Weihnachten. Und es ist abzusehen, dass es nicht in allen Familien ein Fest der Harmonie, der Liebe und der Freude wird. In vielen Wohnungen gibt es auch kurz vor Weihnachten nichts zu Lachen. Der heutige Predigttext ist eine Herausforderung an uns, dass wir uns neu mit der Weihnachtsfreude beschenken lassen. 

Wir hören das Wort Gottes für diesen 4. Adventssonntag: 

4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! 5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! 7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“

1. Freu dich vor! Auf die Perspektive kommt es an 

Was steckt denn hinter diesem Aufruf zur Freude? Wie kann der Apostel Paulus in diesem Brief an die Gemein-de in Philippi so überschwänglich von der Freude spre-chen, wenn er doch selbst in Gefangenschaft ist? Dennoch ruft er fast euphorisch zur Freude und Sorglosigkeit auf. Das will nicht so recht in unser Denken passen. In wenigen Tagen feiern wir Weihnachten. 

Blicken wir einmal in die Zeitungen, so gibt es jedoch viel zu beklagen (evtl. aktuelle Bezüge herstellen). Manche Entwicklungen lösen bei uns eher Sorge und Mutlosig-keit aus. Wo ist sie denn, unsere Weihnachtsvorfreude? 

Haben wir sie im Laufe der Jahre verloren? 

Als junger Mensch hat man sein Leben noch vor sich. Solange die Zukunft noch offen ist, sind wir getragen von Hoffnungen und Träumen. Ja, wir freuen uns auf die vielen Möglichkeiten, die das Leben zu bieten hat. So-lange unsere Träume noch nicht von der Realität widerlegt sind, können wir uns auch freuen. Aber wie sieht es aus, wenn wir uns mit Niederlagen und Verlusten auseinandersetzen müssen? In solchen Zeiten werden wir schnell von der Mutlosigkeit überrollt. Beim Apostel Paulus scheint das anders zu sein. Deshalb lohnt es sich, darüber nachzudenken, warum er eine andere Perspektive auf sein Leben hat; warum er sich freut, obwohl er in großer Not ist. 

 

2. Die Freude steckt an 

»Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!« Paulus spricht in diesem kurzen Brief an die Philipper davon, dass die Gemeinde allen Grund dazu hat sich zu freuen. Und was er sagt, das klingt nicht nach stumpfen Durchhalteparolen. Um den Apostel besser zu verstehen, müssen wir uns an einen Vers aus Philipper 1, 21 erinnern. Dort schreibt er: »Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.« Paulus ist angetrie-ben von einer Hoffnung, die nicht in dieser Welt aufgeht. Er sehnt sich nach dem Wiederkommen Jesu und ist voller Vorfreude auf dieses Ereignis. »Der Herr ist nahe!« Dahinter steckt nicht der Wunsch, hier alles hinzuwerfen und die Probleme den anderen zu überlassen. Im Gegenteil: Der Apostel freut sich über die Gemeinde in Philippi und hofft sogar auf ein Wiedersehen mit ihnen. Die Freude an der Gegenwart gibt ihm Kraft, in der eigenen Bedrängnis durchzuhalten. Hans-Joachim Eckstein hat es einmal so formuliert: »Im Gegensatz zu manchem Vorurteil macht eine echte und lebendige Hoffnung nämlich weder diesseitsflüchtig noch todessüchtig, sondern gerade lebenstüchtig« (2).

Die ersten Gemeinden beteten damals jeden Sonntag: »Maranatha«. Das bedeutet: »Unser Herr, komm!« Man lebte im Jetzt. Und dennoch war da eine große Vorfreude auf die Ankunft und Wiederkunft ihres Herrn. Vielleicht lässt sich diese Art der Vorfreude am besten an einem Beispiel verdeutlichen.

Ob ich mich auf die Begegnung mit einer Person freue, hängt nicht so sehr davon ab, wann ich sie erwarte. Mei-ne Freude hängt im Wesentlichen an der Beziehung, die ich zu dieser Person habe. Kündigt sich eine Person an, für die ich wenig Sympathien hege, wird sich auch die Freude in Grenzen halten – egal wie nah die Ankunft heranrückt. Erwarte ich aber eine Person, die ich sehr gerne habe, so kann ich meine Freude kaum zügeln… 

Man spürt Paulus ab, dass er voller Vorfreude auf die Wiederkunft Jesu hinlebt. Freuet euch in dem Herrn 

allewege und abermals sage ich: Freuet euch! Das ist ansteckend auch heute noch! Gerade vier Tage vor Weihnachten!


3. Freude motiviert zum sorglosen Handeln  

Diese große Freude ist aber kein Selbstzweck. Sie sorgt nicht einfach dafür, dass wir uns besser fühlen. Nein! Sie motiviert zum Handeln. Weihnachten bietet uns die großartige Möglichkeit, diese Vorfreude auf Jesu Kommen lebendig werden zu lassen. Der Apostel erinnert auch die Gemeinde in Philippi daran, dass es ihre Aufga-be ist, in ihrer Umgebung großzügig zu sein. Er schreibt: Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! 

Da gibt es also keine besondere Zielgruppe innerhalb der Gemeinde. Es ist schön, wenn wir uns in der Gemeinde oder der Familie beschenken. Aber das ist nichts Besonderes! 

Haben Sie schon einmal den Blick in Ihre Umgebung getan? Wissen Sie, wie Ihre Banknachbarn Weihnachten feiern werden? Kennen Sie Leute, die regelrecht Angst vor Weihnachten haben, weil sie an dem Fest der Freude allein sein werden? Oder andersherum gefragt: Hatten Sie schon einmal Gelegenheit, mit Obdachlosen Weih-nachten zu feiern? Haben Sie schon einmal die leuchtenden Augen von Kindern in Moldawien gesehen, wenn sie ein Geschenk bekommen – vielleicht eines aus der Akti-on »Weihnachten im Schukarton«? (3) 

Diese Fragen sollen Ihnen kein schlechtes Gewissen machen. Aber wahre Freude bleibt nicht bei uns stehen, sie motiviert zum Handeln. Paulus fordert die Philipper auf, ihre Freude weiterzugeben. Nicht nur den engeren Freunden und im Bekanntenkreis. Er sagt: Eure Freude soll allen Menschen zuteil werden. So wie Christus für alle Menschen in die Welt kam, so soll auch unsere Freude darüber allen zuteil werden.

Bei solchen Aussagen zeichnen sich auf unseren Gesichtern große Sorgenfalten ab. Wie soll das denn gehen? 

Ich kann doch unmöglich alle Menschen im Blick haben. Das stimmt! Deshalb kommt Paulus uns zuvor, wenn er schreibt: Sorgt euch um nichts. Zerbrecht euch doch nicht den Kopf darüber, wie das klappen kann. Sprecht doch besser mit Gott darüber. Er weiß, wie der nächste Schritt aussehen kann. Alle Veränderung beginnt mit kleinen Schritten.  

Auch die Weihnachtsbotschaft hat in einem kleinen Stall ihren Ausgangspunkt genommen. Das ist doch ermuti-gend. Wir können mit ganz kleinen Schritten beginnen, unsere Freude mit anderen zu teilen.

4. Freude schenkt tiefen Frieden 

Die Adventszeit ist eine hektische Zeit. Bis kurz vor Weihnachten hetzen wir uns ab, um dann punktgenau am 24. 12. in himmlischer Ruhe und Frieden unterm Weihnachtsbaum zu sitzen. Ich habe mich schon oft gefragt, wie das klappen soll: Bei so viel Hektik und Stress im Vorfeld. Wie soll man da so plötzlich zur Ruhe kommen?

Wie wäre es, wenn wir uns heute richtig herausfordern lassen? Wie wäre es, wenn der 4. Advent in diesem Jahr zu einer heilsamen Unterbrechung würde? Als würde Paulus unsere Zeit kennen, schreibt er: Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. 

Das ist es doch, was wir so dringend brauchen. Den Frie-den Gottes in einer so zerstrittenen Welt. Bewahrung vor Stress und Streit. Mit der Ankunft Jesu in dieser Welt bleibt dieser Wunsch keine Illusion. Wir können darauf vertrauen, dass es wirklich Frieden werden kann. Und wir sind dazu aufgefordert, mit Bitten und Flehen zu Gott zu kommen. Er lenkt die Herzen der Mächtigen wie Wasserbäche (vgl. Sprüche 21, 1). 

Ich möchte Sie herausfordern, Gott um Frieden zu bitten: Um Frieden in Afghanistan, um Frieden in den vielen zerstrittenen Familien, um Frieden in meinem eigenen Herzen. Die Weihnachtsfreude schenkt tiefen Frieden. Lassen Sie uns Gott darum anflehen.

5. Freude kann warten 

Freuen Sie sich auf Weihnachten? So habe ich Sie ein-gangs gefragt. Mit der Vorfreude ist das so eine Sache. Wir haben gemeinsam entdeckt, mit welcher großen Freude sich der Apostel Paulus auf die Ankunft seines Herrn freut. Er sehnt sich zwar nach dieser Wiederkunft – aber: er kann warten. Paulus ist nicht ungeduldig, son-dern sieht die Zeit des Wartens als etwas sehr Wertvolles an. Warten ist keine Zeitverschwendung. Warten ist wertvoll!

Ich möchte diese Haltung durch ein Beispiel verdeutlichen: 

»Auf einer Halbinsel des Comer Sees träumt die Villa Acronati einsam vor sich hin. Nur der Gärtner lebt da, und führt auch die Besucher.

›Wie lange sind Sie schon hier?‹

›24 Jahre.‹

›Und wie oft war die Herrschaft hier in dieser Zeit?‹

›Viermal.‹

›Wann war das letzte Mal?‹

›Vor 12 Jahren‹, sagte der Gärtner. ›Ich bin fast immer allein. Sehr selten, dass Besuch kommt.‹

›Aber Sie haben den Garten so gut instand, so herrlich gepflegt, dass ihre Herrschaft morgen kommen könnte.‹

Der Gärtner lächelte: ›Oggi, Signore, oggi!‹ (Heute, Herr, heute!)« (4).

Warten ist wertvoll! Nehmen Sie sich in den vier Tagen bis Weihnachten Zeit. Zeit, um sich persönlich auf die Ankunft Jesu in dieser Welt vorzubereiten. Dass Sie am Heiligen Abend in Freude empfangen können, worauf Sie sich schon so lange freuen.   Amen.

(1) Quelle unbekannt.

(2) Eckstein H.J.: Zur Wiederentdeckung der Hoffnung. Grundlagen des Glaubens, Holzgerlingen, 2002, 19.

(3) http://www.geschenke-der-hoffnung.org/weihnachten-im-schuhkarton (20. 07. 2009)

(4) Sättler, R.: Heute kann er kommen, in: Rupp, H./Lauer, M.-L./ Rentmeister, K.-O. (Hg.): Schenk dir Zeit 2. Texte – Bilder – Lieder, Karlsruhe, 2000, 33.




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Sonntag, 19.08.2018
9:15 Uhr:
Gottesdienst in Dennach (Pfarrer Schüssler)
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (Pfarrer Schüssler)
Sonntag, 26.08.2018
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (Dr. Difäm)
Sonntag, 02.09.2018
9:15 Uhr:
Gottesdienst in Dennach (W.Dölker)
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (W.Dölker)
Sonntag, 09.09.2018
9:15 Uhr:
Vorstellungs-Gottesdienst in Dennach (Pfarrer Held)
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (Prädikantin Donath)