2009-10-11

Predigt über Markus 12,28-34 / Pfarrer Friedhelm Bühner

Wir hören den Predigttext aus dem Markus-Evangelium, 

Kapitel 12, die Verse 28-34:

„Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen 

zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, 

dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist

das höchste Gebot von allen?  

Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: „Höre

Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein und du sollst den 

Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, 

von ganzem Gemüt  und von allen deinen Kräften.“

Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich 

selbst“. Es ist kein anderes Gebot größer als dieses. 

Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahr-

haftig recht geredet! Er ist nur einer und ist kein anderer 

außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem 

Gemüt und von allen Kräften und seinen Nächsten lieben wie

sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.

Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er

zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand 

wagte mehr, ihn zu fragen.“ 

Liebe Gemeinde, 

eine ehrliche Frage - und eine klare Antwort! 

Ein Schriftgelehrter kommt mit einer Frage zu Jesus. 

Und das nicht, um ihn aufs Glatteis zu führen. 

Nein, er kommt hier in ehrlicher Absicht und stellt Jesus die

Frage: „Welches ist das höchste Gebot von allen?“  

Ich weiß nicht, ob wir auf so eine Frage kämen!? 

Aber denken wir daran: Die Juden hatten nicht nur 10 Gebote, 

sondern beachteten insgesamt 613 Gebote und Ordnungen 

der Tora. Und zu den meisten von ihnen gab es noch 

Ausführungsbestimmungen, die das tägliche Leben praktisch

in jeder Hinsicht regelten. 

Machen wir uns das klar, dann können wir die Frage des 

Schriftgelehrten schon besser verstehen: Welches der Gebote

hat denn unbedingten Vorrang? 

Gesetzt den Fall, ich gerate in einen Gewissenskonflikt: Nach

welchem Maßstab soll ich mich dann entscheiden? 

Jesus gibt auf die Frage des Schriftgelehrten eine klare Antwort. 

Kurz und bündig lautet sie: „Liebe Gott und liebe deinen Nächsten

wie dich selbst, das ist das wichtigste Gebot!“ 

Für jüdische Ohren war diese Antwort durchaus vertraut. 

Denn ist ein Teil ihres Glaubensbekenntnisses, des sogenannten 

„Sch‘ma Jisrael“ („Höre Israel!“), das sie jeden Morgen 

und jeden Abend beten. 

Also sagt Jesus eigentlich nichts Neues - oder?  

Seine Antwort jedenfalls findet allgemeinen Beifeil, 

und auch die Zustimmung des Fragestellers. 

Und auch wir könnten Jesus doch aus vollem Herzen zustimmen:

Liebe zu Gott und Liebe zu den Menschen, 

darauf kommt‘s doch an! 

Damals wie heute! 

Einwand: Hier liegt eine totale Überforderung! 

Denn:

Was uns so spontan einleuchtet, ist deswegen noch längst nicht

die selbstverständliche Praxis!

Fragen wir uns ehrlich: Lieben wir Gott wirklich von ganzem Herzen,

von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen unseren Kräften,

wie Jesus es hier fordert? 

Und lieben wir unseren Nächsten wie uns selbst, das heißt:

Gönnen wir unserem Nächten all das Schöne, das wir in unserem 

Leben für uns genießen und sind wir ebenso besorgt um sein 

Leben wie um unser eigenes? 

Ich glaube kaum, dass wir auf diese Frage ebenso mit dem Brustton 

der  Überzeugung antworten würden: „Kein Problem! 

Gottes- und Nächstenliebe praktiziere ich von Kindesbeinen an!“ 

Nein, so anmaßend wird wohl keiner sein, 

zumal Jesus diesem jungen Mann sehr schnell vor Augen führt, dass

sein Herz doch mehr am Wohlstand hängt als an Gott. 

Er, der meint, alle Gebote von Jugend an gehalten zu haben, 

scheitert bereits am ersten: „Ich bin der Herr, deine Gott! Du sollst

keine anderen Götter neben mir haben!“ 

Geben wir es doch unumwunden zu: Gott über alles zu lieben und 

unseren Nächsten wie uns selbst, das können wir gar nicht, 

das ist eine glatte Überforderung! 

Jetzt hat diese Einsicht oft zur Schlussfolgerung geführt: Wenn ich 

Gott sowieso nicht über alles lieben kann, dann soll er wenigstens

etwas von meiner Zeit und Liebe, von meinem Geld und meiner

Kraft bekommen. Sozusagen als Zeichen guten Willens. 

Und auch mit unserem Nächsten halten wir es ähnlich: Sobald ich 

ausreichend für mich gesorgt habe, gehe ich durchaus auch auf

ihn zu. 

Wir versuchen also mit einer „verbilligten Ausgabe“ des Doppel-

gebots der Liebe - pragmatisch - über die Runden zu kommen.

Und trotzdem glaube ich nicht, dass Jesus damit einverstanden ist. 

Er hat mit der Konzentration auf das Doppelgebot der Liebe das 

jüdische Gesetzt gerade radikalisiert und verschärft, weil er nicht

wollte, dass wir uns mit ein paar Frömmigkeitsübungen vom 

Totalanspruch Gottes auf unser Leben frei kaufen! 

Ich will deshalb einen anderen, ehrlicheren Weg vorschlagen: 

Lassen Sie uns Jesus gegenüber ohne Umschweife zugeben: 

Wir können das gar nicht, was du hier von uns erwartest! 

Wir sind damit total überfordert. 

So viel Hingabe und Liebe - Gott und den Menschen gegenüber - 

bringt niemand von uns auf. 

Ja, mit einem solchen ehrlichen Eingeständnis fängt es an! (

Und zum Glück müssen wir dabei nicht stehenbleiben. 

Es muss nicht bei unserer Unfähigkeit zu ganzer, ungeteilter Liebe 

bleiben!

In unserem Predigttext steckt nämlich auch as ganze Evangelium!  

Es ist ein bischen versteckt, zugegeben!  

Genau gesagt steckt es in dem einen Wörtchen „unser“: 

Jesus redet am Anfang seiner Antwort an den Pharisäer davon, 

dass Gott, der Herr, unser Gott ist. 

Und in diesem einen Wort ist alles eingepackt, was an Liebe und 

Zuwendung überhaupt nur denkbar ist. 

Der Gott, der erwartet, dass wir ihn lieben, hat mit seiner Liebe 

längst den Anfang gemacht!

Ja, er hat uns bis zum Äußersten, bis zur Hingabe seines Sohnes 

geliebt! 

Er läuft uns nach, auch, wo wir ihn längst aus unserem Leben 

verdrängt haben. Wie ein enttäuschter Liebhaber, der nicht 

aufgibt, so wirbt Gott um unsere Zuwendung und verspricht

uns, dass mit seiner Hilfe unser Leben gelingen wird. 

Jetzt weiß ich allerdings nicht, welche Vorstellungen und Bilder von 

Gott Sie mit sich herum tragen. 

Manche verbinden mit Gott immer noch Vorstellungen eines allmäch-

tigen Diktators, der den Menschen Druck macht und sie

in Angst und Schrecken hält. 

Für andere ist er mehr der ferne Gott, der inzwischen als alter Herr

nicht mehr so ganz mitkriegt, was auf dieser Welt abgeht oder einfach

sein Interesse daran verloren hat. 

Aber alle diese Bilder und Vorstellungen sind falsch, 

weil sie am entscheidenden Wesenszug Gottes vorbeigehen: 

- seinem brennenden Herzen, 

- seiner leidenschaftlichen Liebe zu uns Menschen.

Unser Gott ist ein Mitläufer, nicht aus Feigheit oder Bequemlichkeit, 

sondern weil er herzliches Erbarmen hat mit uns und ihn Dein und

mein Schicksal wirklich interessiert! 

Er läuft neben uns her, manches Mal auch hinter uns her, 

und gelegentlich läuft er uns auch entgegen, 

so, wie der Vater dem verlorenen Sohn im Gleichnis. 

Deshalb steckt in unserem Bibelwort heute eine große

Ermutigung: Eine Befreiung zur Liebe! 

„Lasst uns lieben, denn er - Gott - hat uns zuerst geliebt!“, 

so lesen wir im 1. Johannesbrief. 

Ja, nur so herum ist es möglich!

Nur - unter der Voraussetzung, dass wir uns seiner Liebe öffnen, 

uns von seiner Liebe helfen und heilen lassen,

werden wir befreit zu ehrlicher Liebe Gott und Menschen gegenüber.

Ich sage bewusst „ehrliche“ Liebe und meine damit eine Liebe, 

die nicht berechnend und auf ihren Vorteil bedacht ist. 

(Wie oft schleicht sich auch in meine Beziehung zu Gott - trotz aller

Vertrautheit - dieses berechnende Element hinein: 

„Ich tue etwas für dich. Jetzt kann ich auch erwarten, dass du mir 

hilfst und mich nicht im Stich lässt!“

Oder: „Ich habe wieder einmal versagt. Und muss das jetzt unbedingt

wieder gutmachen, damit Gott mich wieder akzeptieren kann ...“)

Aber das ist keine echte Liebe! 

Unter echter Liebe hat Jesus das kindlich-vertrauende Gespräch 

mit Gott als unserem Vater verstanden.  Wobei wir ihn allen Ernstes

sogar mit „Abba“ (d. h. „Papa“) ansprechen dürfen. 

Weil Liebe sich ausspechen will und deshalb gar nicht anders kann 

als das Gespräch mit dem himmlischen Vater zu suchen. 

Auch in der Anbetung äußert sie sich, im Lobpreis seines Namens

und im Rühmen seiner Taten und Werke. 

Und das auch vor der Gemeinde. 

Weil jede echte Liebe auch nach außen drängt, 

Zeugnis geben will vor anderen Menschen, 

nicht verschweigen kann, was Gott im eigenen Leben Gutes getan hat. 

Und so wie es unterschiedliche Liebhaber gibt, 

tut es der eine vielleicht mit einem Schuss Enthusiasmus, 

während der andere dabei stocknüchtern bleibt. 

Aber das ist ja nicht entscheidend für die Echtheit der Liebe. 

„Und das andere Gebot ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie

dich selbst“, sagt Jesus. 

Gottesliebe und Nächstenliebe sind nicht identisch.

Aber sie gehören untrennbar zusammen! 

„(Denn) wie kann jemand sagen, er liebe Gott und hasst doch seinen Bruder?“ 

Diese Trennung ist auch für den Schreiber des 1. Johannesbriefes 

eine Unmöglichkeit. 

Und doch passiert es immer wieder: Wie oft hat religiöser Eifer und

Fanatismus dazu verführt, Liebe und Hass nach eigenem Gutdünken 

unter den Menschen zu verteilen!?

Jesus aber sagt, dass wir sogar unsere Feinde lieben und denen

Gutes tun sollen, die uns nur Böses wollen! 

Spätestens da merken wir: 

Da ist es nicht mit ein bischen Nettigkeit getan!

Ohne uns durch Jesus selbst zu solcher Liebe befreien zu lassen, 

kommen wir über das altbekannte Freund-Feind-Schema niemals

hinaus. 

Oft wird ja geklagt, unsere Zeit sei von sozialer Kälte geprägt,

der Ellenbogen ist womöglich zum wichtigsten Körperteil geworden. 

Aber das in der Kirche zu beklagen, hilft ja keinem!

Sind wir nicht gerade angesichts der unter uns ausgebrochenen

Eiszeit in den Herzen gefragt zu zeigen, wie es denn unter den 

Christen mit der Praxis der Nächstenliebe aussieht!? 

Ob sie zur Lage der Nation nur mahnende Worte oder auch 

glaubwürdige Taten beitragen können? 

Es wäre doch schlimm, wenn gerade unter den Kältezuständen 

unserer Zeit  die Christen sich als Endverbraucher der Liebe 

Gottes verstehen! 

Wo ist der „unter die Räuber Gefallene“, den Gott mir vor die 

Füße gelegt hat? 

Wo ist die Not in unserer Nachbarschaft, wo Gott mein Hinsehen,

meine Anteilnahme erwartet? 

Wirkliche Liebe spekuliert dann nicht auf Dankbarkeit oder 

rechnet mit nachweisbarem Erfolg! 

Dann wäre sie ja wieder berechnende Liebe!

Ich möchte es lernen, den anderen zu lieben, 

einfach, weil er da ist und weil es die Antwort ist auf jene rettende

Liebe ist, mit der Jesus mir begegnet ist. 

Diese ehrliche Liebe lässt dem anderen auch noch Freiraum 

zu einer eigenen Entwicklung. 

Von Fjodor Dostojewski stammt das schöne Wort: 

„Einen Menschen lieben heißt: ihn so zu sehen, 

wie Gott ihn gemeint hat.“

Also nicht: wie ich ihn gerne gehabt hätte!  (2x)

Menschen mit den Augen Gottes sehen heißt: sie liebend über-

schätzen. Darauf vertrauen und dafür beten, dass Gott in ihrem 

Leben zum Zuge kommt und sie umgestaltet, auch, 

wenn sie ihm jetzt noch ablehnend und desinteressiert gegen-

über stehen. 

Die Liebe lässt sich auch durch Enttäuschungen nicht abbringen,

davon, dass Gott unser aller Bestes will und uns ein gelingendes 

Leben gönnt. 

Amen




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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