2009-09-06

Predigt über Lukas 15, 25-37 / Bischof em. i. R. Volker Sailer, Stuttgart

Wir hören Gottes Wort für diesen Sonntag aus Lukas 10,25-37:
„25 Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt3, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). 28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. 29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? 30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. 31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. 32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; 34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. 35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? 37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!“



Liebe Gemeinde!
»Wie bekomme ich das ewige Leben?« Das ist die Frage aller Fragen. Sie beschäftigte zur Zeit Jesu jeden Juden. Und nicht nur diese, auch wir wollen dieser Frage in drei Schritten nachgehen. Sollten Sie sich bis heute diese Frage noch nicht gestellt haben, dann wird es wohl Zeit dafür. Heute ist eine gute Gelegenheit.

1. Die Frage aller Fragen
Lukas berichtet im 1. Teil unseres Textes (V. 25–28), dass ein jüdischer Schriftgelehrter Jesus fragte: »Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?« Eigentlich hätte er das ja wissen müssen, denn schließlich war er ein Rabbi, ein Schriftgelehrter. Er hat auch ganz gewiss in seiner Synagoge oder gar im Tempel dar-über gesprochen: »Wie bekomme ich das ewige Leben?« 

Hat ihn das wirklich beschäftigt oder war es nur eine Fangfrage, mit der er Jesus aufs Kreuz legen wollte? Er hat Jesus mit »Meister« angesprochen, das sollte ihn ehren. Aber eigentlich nannte er sich selbst so, ein Meis-ter der Schrift, ein Schriftgelehrter. Lukas schreibt aber, dass er nur Jesus versuchen wollte. Das erklärt vielleicht auch, warum Jesus darauf mit den täglich gebrauchten Worten antwortete. Jeder Jude betete jeden Tag möglichst drei Mal das »Sch’ma Jisrael«. Alle kannten diese Worte, so wie wir heute alle das Vaterunser sprechen können oder den Psalm 23. Das »Sch’ma-Jisrael« ist das Bekenntnis der Juden bis auf den heutigen Tag. Seit Mo-se lautet es unverändert: Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.(5. Mose 6, 4.5).

Dieser Text befindet sich zum Beispiel in den Kapseln der Teffilim, der Gebetsriemen, die jüdische Männer beim Beten anziehen, und in der Mesusa. Die Mesusa hängt an jedem Rahmen einer jüdischen Wohnungs- oder Haustür. Der Kommende oder Gehende greift danach und übernimmt so die Worte und den Inhalt, das »Sch’ma Jisrael«.

Damit kommen diese Worte ständig im Alltag des Vol-kes Israel vor. Selbst liberale Juden halten sich oft daran. So viel Religion muss sein. Auf ein Bekenntnis zu Gott und dem Glauben an ihn kann man nichts Weiteres sa-gen! Das muss einfach stehen bleiben.

Vielleicht aber hat der Schriftgelehrte gemerkt, dass es nicht genügen kann, jeden Morgen umständlich oder auch mit etwas mehr Übung die Teffilim anzulegen und das »Sch’ma Jisrael« zu beten. Er spürte wahrscheinlich, dass Glaube mehr sein muss als nur formales Beten. Und wir können verstehen, dass sich die Frage auftat: »Aber was soll ich denn noch alles tun, damit ich das ewige Leben ererbe?«

Nach dem Bericht von Lukas zitiert Jesus das »Sch’ma Jisrael« nicht selbst, sondern lässt es den fragenden Schriftgelehrten selbst aufsagen. Das ist pädagogisch sehr klug. Und der kennt es natürlich ganz genau. Und er kennt auch das andere zentrale Gebot, das auch vielen von uns einleuchtet: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR. (3. Mose 19, 18).

Jesus sagt zu ihm: »Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du ewig leben!« Aber damit fängt die Misere erst richtig an: »Wer ist denn mein Nächster?«

Ich denke, dass selbst auch darauf der Schriftgelehrte eine Antwort hatte. Er wäre kein Rabbi, wenn er nicht auch darauf eine Antwort wüsste. Aber nun ist Jesus am Zug. Weil der Rabbi nach dem Tun des Glaubens fragt, will ihm Jesus nicht die Antwort schuldig bleiben.
Er legt ihm das Gleichnis von dem Barmherzigen Samariter vor.


2. Die Bildgeschichte des »Barmherzigen Samariters«
Diese Erzählung spricht so deutlich und beantwortet die Frage so anschaulich, dass es nicht extra ausgelegt werden muss. Man darf diese Geschichte nur nicht anders deuten wollen, als es Jesus selbst getan hat. Die Versuchung ist groß, daraus ein Stück »Weltliteratur« zu machen und zu vergessen, dass es doch eigentlich ein Anschauungsbeispiel für den Glauben ist, der zur Tat wird.
Wer durch seine Werke gerecht sein will, der muss diese dann auch tun. Das ist der Haken bei dieser Geschichte. Der Priester und der Levit jedenfalls haben versagt. Sie taten nicht, was sie wahrscheinlich immer predigten und lehrten. Aber gerade dazu waren sie ordiniert und von der Gemeinde eingesetzt worden. Sie sollten von Erwerbsarbeit und vom Wehrdienst freigestellt sein, damit sie den Glauben lehren und leben.
Der Samariter dagegen ließ einfach sein Herz sprechen. Er achtete nicht auf die Gefahr für sein eigenes Leben. Und er ließ es sich etwas kosten, den Geschundenen zu versorgen. Er finanzierte sogar noch die Reha-Maßnahme. Das ist weit mehr als zu erwarten gewesen wäre. Warum nur tat er das? Er war doch nur ein »Samaritaner«.
Solchen hat man in Israel keinen »richtigen Glauben« zugetraut. Die Leute aus Samarien waren allgemein verachtet und man sah sie als unwürdig und unter jüdischem Niveau an.

Wir kennen Jesus als den Barmherzigen.
Damit beginnt der 2. Teil des Textes: (V. 29–37) Der barmherzige Samariter ist uns sicher wohl bekannt. In jeder Kinderbibel wird er illustriert, im Religionsunterricht ist er Stoff, in der Kinderkirche wird er erzählt und in der Kunst wurde er oft behandelt. Selbst der Schlager-star Rex Gildo hat diese Geschichte auf dem Deutschen Kirchentag gesungen. Es ist das Lied von dem badischen Kantor Martin G. Schneider aus Freiburg (1):

1. Zwischen Jericho und Jerusalem liegt der Weg der Barmherzigkeit. Er ist steil und mühsam und unbe-quem, dieser Weg der Barmherzigkeit. Da hat eine Räuberbande einen Mann umstellt und bedroht. Bald lag er am Straßenrande, geschlagen, beraubt und halbtot. Hört, wie er schreit auf dem Weg der Barmherzigkeit!

2. Da kam ein Priester geschritten auf dem Weg der Barmherzigkeit, danach einer von den Leviten. Sie konnten nicht länger verweilen, der Mann tat ihnen zwar leid, doch sie mussten zum Tempeldienst eilen und der Tempel, der Tempel war weit. Keiner hatte Zeit auf dem Weg der Barmherzigkeit.

3. Doch die Hilfe war gar nicht ferne auf dem Weg der Barmherzigkeit. Denn einer kam der half gerne auf dem Weg der Barmherzigkeit. Ob die anderen ihn auch verlachten, weil er ein Samariter war, ihn kümmerte nicht was sie dachten. Er machte Barmherzigkeit wahr. Er war schon weit auf dem Weg der Barmherzigkeit.

4. Zwischen Lebensanfang und -ende liegt der Weg der Barmherzigkeit. Und man braucht bereite Hände auf dem Weg der Barmherzigkeit. Sag, willst du vorübergehen? Sag, lässt du den andern allein? Sag, willst du die Not nicht sehen? Wem kannst du der Nächste sein? Komm, sei bereit, geh den Weg der Barmherzigkeit.

»Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten« wurden ange-sprochen oder doch wenigstens die »Barmherzigkeit«. Was heißt das? Wer barmherzig ist, der denkt nicht lange darüber nach. Er kalkuliert nicht umständlich und sichert sich nicht erst ab. Er fühlt mit und hilft dem anderen, grundlos, nur weil er eben unter die Räuber gefallen war und im Augenblick schlecht dran ist.
Der Pharisäer hat an Jesus die Frage so gestellt: (Ich spitze es zu!) »Wer ist mein Nächster? Wem muss ich hel-fen?« Also der Starke fragt nach dem Schwachen, fragt, ob und wie er ihm helfen soll.

Von der Position der Stärke aus wird so gefragt: Wir haben Geld. Wir können und wollen helfen. Wir suchen nach jenen, an denen wir Barmherzigkeit üben können. Dahinter steht vielleicht der heimliche Gedanke: »Dann sind wir ja gut, dann haben wir unsere Schuldigkeit getan und alles ist o.k..«

Jesus beantwortet die Frage nach dem Nächsten aber gerade umgekehrt. Er fragt den Pharisäer: »Wer von den drei Männern im Gleichnis wurde dem armen, überfalle-nen Menschen zum Nächsten? Von welchem bekam er Hilfe? Wer hat sich um ihn gekümmert? Wer handelte an ihm wie sein Nächster?«  Und damit lautet die Frage nicht mehr: »Wer ist mein Nächster? Wem muss ich hel-fen?« Sondern: »Wem kann ich ein Nächster sein? Wem kann ich helfen?«

Wenn einer in Not ist, ist nur der für ihn der Nächste, der ihm hilft. Wer ist für einen Ertrinkenden der Nächste? Der in der Nähe steht und die Hände in den Taschen lässt? Doch wohl der, der ihn herauszieht! Wer ist für einen ewig Verlorenen der Nächste? Doch wohl der, der ihn vor dem ewigen Tod rettet!

Wenn es um das ewige Leben geht, dann gibt es nur ei-nen einzigen Retter. Dann zählt nur ein einziger rettender Name: Jesus. Denn nur er ist der Weg zum Heil. Nie-mand kommt anders zum Vater als nur durch ihn (2). Dieser Name muss den Gestrauchelten und Gestrandeten gesagt werden: »Dein Retter, dein Nächster, dein Helfer – das ist Jesus Christus. Der hat für dich wirklich alles getan, damit du das ewige Leben haben kannst. Er gießt Öl und Alkohol in deine Wunden, verbindet sie und lässt dich gesund werden.«


3. Von den Gedanken ins Leben hinein

Das ist der 3. Abschnitt mit den Versen 36 und 37. Du sollst dich erbarmen, wenn dir einer vor die Füße gelegt wird. Es gibt genug Möglichkeiten, bei denen du ein hilfreicher Nächster sein kannst. Du willst doch auch das ewige Leben ererben. Dazu ist es nötig, dass du deinen Gott liebst, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit allen deinen Kräften und deinen Nächsten wie dich selbst.

Wie kann das konkret aussehen?
Vielleicht sollst du mehr beten, aber du darfst darüber das Tun nicht vergessen. »Ora et labora«, zu Deutsch: Bete und arbeite.
Vielleicht sollst du mehr Bibel lesen, aber dass soll kein Hinderungsgrund sein, einem anderen Menschen zu helfen, eher eine Dienstanweisung. 
Vielleicht sollst du über deinen Glauben mehr Zeugnis ablegen, aber dein Alltag darf deinen Worten nicht ent-gegenlaufen.
Vielleicht sollst du mehr in der Gemeinde mitarbeiten, aber deshalb musst du ja nicht deine Familie vernachlässigen.
Vielleicht sollst du Mut haben, das Evangelium zu predi-gen und mit anderen den Glauben praktisch einzuüben.
Vielleicht sollst du dich mehr einsetzen für Gerechtigkeit und Strukturwandel, aber nicht auf Kosten der Schwachen.
Vielleicht sollst du dir ein christliches Zeichen anstecken, aber trotzdem soll dein Glaube vor allem an der Liebe erkennbar sein.

Es ist schwer, Gutes zu tun. Zu schnell demütigen wir nicht uns, sondern den anderen. Zur Schau gestellte Hilfe ist keine Barmherzigkeit. Es ist schwer, nur still und ohne Aufsehen den Dienst der Nächstenliebe zu tun. Es ist aber auch schwer, sich den Dienst der Nächstenliebe gefallen zu lassen. Nicht nur der Schriftgelehrte hatte seine Probleme mit der Nächstenliebe.
Mit welchem Satz hat Jesus alles zusammengefasst?
»Tu das und du wirst leben!« Darum beten wir: 

Herr, hilf von den Gedanken ins Leben hinein, ohn’ alles Wanken dein eigen zu sein.   Amen.


(1)  Bitte das Lied ganz zitieren. Es erzählt das Gleichnis nach.
(2)  Johannes 14, 6




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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