2009-03-22

Predigt über Johannes 12,20-26 / Pfarrer i. R. Helmut Sigloch, Neuffen

I.

(1.) 

Liebe Gemeinde!

Im Vers vor unserem Predigttext heißt es von Jesus: »alle Welt läuft ihm nach« Die Auferweckung des Lazarus hat eine große Wirkung. Viele wollen ihn sehen, auch die  griechischstämmigen Proselyten, von denen in unserem Abschnitt die Rede ist.

Stellen wir uns einen Augenblick vor: welche Freude würde es auslösen, wenn in einer Umfrage für die Kirche dies herauskäme »alle Welt läuft ihr nach«. Was wäre das für ein Jubilieren, wenn die Kirche wieder attraktiv wäre und die Anziehungskraft der Gottesdienste über das wohlige Beharrungsvermögen im Bett siegen würde.

Jesus jubiliert nicht. Er macht sich nichts vor. Er weiß: wenn die Menschen begeistert sind und mir nachlaufen, damit ist ihnen nicht geholfen. Die Begeisterung für mei-ne Predigt, für Zeichen und Wunder rettet sie nicht.

(2.) 

Der Zusammenhang, in dem unser Abschnitt steht, macht deutlich: Jesus steht nicht mit dem Rücken zur Wand. Der Weg ans Kreuz ist nicht der einzige Weg, der ihm bleiben würde. Solange er unter der Menge wirkt, richtet der Todesbeschluss des Hohen Rates nichts aus. Und vielleicht wäre es auch noch eine ganz andere Möglich-keit, außerhalb Israels unter den Heiden zu wirken. Sig-nalisiert nicht das Kommen der Griechen, der Heiden, die Sehnsucht nach seinem Wirken?

Aber Jesus flieht nicht. Er bleibt seiner Sendung treu. Er geht den Passionsweg freiwillig, getrieben von der göttli-chen Liebe. Jesus versteht das Kommen der Griechen als Signal, dass die Zeit seiner »Verherrlichung« gekommen ist. Der Menschensohn soll verherrlicht werden durch den Tod hindurch. Die Heimkehr zu seinem Vater ge-schieht durch die äußerste Gottesferne hindurch.

»Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und er-stirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht«. In diesem Bild versteht Jesus seinen Weg. Christus muss ganz in die Tiefe, wenn er uns aus unserer Verlorenheit herausholen will. »Hinabgestiegen in das Reich des Todes«, bekennen wir im apostolischen Glau-bensbekenntnis. 

Mit Begeisterung ist es nicht getan. Die Erlösung muss dort geschehen, wo wir an Sünde, Tod und Hölle gebun-den sind.

Dies Wort hat sich erfüllt. Wieviele Menschen hat das Sterben und Auferstehen Jesu Christi zu neuen Menschen gemacht. Durch seine Liebe bis zum Äußersten hat er viele befreit von der Selbstliebe, von der Konzentration auf sich selbst zur Liebe zu Gott und den Nächsten. Seine Lebenshingabe hat die Kraft, Männer und Frauen, Alte und Junge zu neuen Menschen zu machen, die nicht mehr sich selbst leben.

Jesus kann diesen Weg nur gehen, weil er dem vertraut, »der die Toten lebendig macht, der dem, was nicht ist, ruft, dass es sei« (1).

(3.)

Jesus hat im Bild des Weizenkorns seinen Leidensweg erkannt. Aber nun, da dieser Weg unmittelbar vor ihm liegt, ist seine Seele betrübt, »mir ist jetzt sehr bange« heißt es in der Guten Nachricht. Jesus hat die Empfin-dungen, die Menschen haben, denen das Sterben vor Augen steht. Und er ist kein alter Mann. Die ganze Vita-lität der Jugend schreit nach Leben. Jesus kämpft sich – wir denken an Gethsemane – betend durch zur Gewiss-heit, dass er diese Stunde durchstehen muss.

Die Evangelien verschweigen nicht, dass Jesus darin wahrer Mensch ist, dass er sich nicht leichten Herzens ins Leiden fügt.

Dies kann für Menschen, die durch ihr Leiden angefoch-ten sind, ein tiefer Trost sein. Er versteht mich. Er ist den Weg des Leidens gegangen, unter der Last der Sünde. Er hat die Spannung ausgehalten, die den Menschen zerrei-ßen will: er will leben und sein Weg führt ins Sterben.

II.

(1.)

Jesus legt mit dem Bild vom Weizenkorn nicht nur sei-nen eigenen Weg aus. Es gilt auch für die, die Jesus nachfolgen wollen. »Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren«. Wer sich selbst über alles liebt, wer für sich bleiben, sich retten, sich schonen will, verfehlt das Le-ben. Dieses Wort kommt in allen vier Evangelien vor, es ist das am häufigsten bezeugte Jesuswort. Leicht variiert wird es überliefert; »wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet-willen und um des Evangeliums willen, der wird’s er-halten« (2).

In allen Evangelien folgt auf die Leidensansage Jesu der Ruf in die Nachfolge. Die Hingabe Jesu will seine 

Jünger mitnehmen auf diesen Weg. Sein Leiden bereitet den Weg. Er hat die Spur gezogen. Den Weg durch das Dickicht hat er freigemacht.

(2.) 

Jesus ruft mit diesem Wort zur Entscheidung. Die Nach-folge braucht unser Ja, dass wir die Wahrheit dieses Wortes für unser Leben erkennen und uns entscheiden mit der gesammelten Kraft unseres Willens. Jesus will keine Bewunderer. Er will Jünger, die seiner Spur folgen, die in seine Fußstapfen treten.

Sage ich es nicht zu selbstverständlich: ich will ihm die-nen; ich will dort sein, wo Jesus ist, bei den Leidenden? Hat das Leben mit seinen Gewohnheiten nicht längst 

die Konturen abgeschliffen, dass ich lebe wie alle leben: selbstverliebt, beschäftigt mit der Sorge um mich: 

meine Gesundheit, meine Familie, mein Sach’, meine Geldanlage?

Ich will dieser Frage nicht ausweichen, auch nicht der Erkenntnis, wo es bei mir fehlt. In der Not meines Her-zens kann ich nur mit Petrus sagen: »Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe« (3).

Ein Wort zu der anstößigen Formulierung: »wer sein Leben auf dieser Welt hasst.« Hassen meint nicht das Gefühl, dass der Jünger sich selber schaden will, sich selber nicht annehmen kann. Es meint: wenn es um die Wahl geht: Gottes Wille oder mein Wohlergehen, dass dann der Wille Gottes den Ausschlag gibt, wie im Gebet Jesu im Ölgarten.

(3.) 

Das Wort von der Nachfolge im Leiden gilt zuerst denen, die um ihrer Zugehörigkeit zu Christus willen leiden müssen, für Christen in der Verfolgung. Auch wenn wir in der westlichen Christenheit keine Verfolgung erleiden: das Mitleiden mit den Christen, die verfolgt werden, gehört zum Leben der Kirche: »Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit« (4). Deshalb war es Zeit, den Stephanustag besonders für die Fürbitte der verfolgten Christen zu bestimmen.

Der Ruf in die Nachfolge angesichts unseres Leidens gilt auch uns. Es ist Gottes Sache, für jeden von uns zu bestimmen, in welcher Weise sich das Wort vom Wei-zenkorn erfüllen soll. Die Hingabe unseres Lebens im Leiden gehört zur Nachfolge Jesu.

(4.) 

Hören wir den Ruf in der Erfahrung des Leidens heute nicht mit besonderer Dringlichkeit? Dem Fortschritt in der Medizin verdanken wir es, dass wir länger leben – und länger leiden. Viele haben Behandlungen und Ope-rationen hinter sich, die ihnen ein Weiterleben ermögli-chen und das hat eine durchaus positive Seite. Aber die Angst geht um, dass keine Kraft zum Leben da ist, aber der Ausweg des Sterbens dann durch die Ärzte verhindert werden könnte. Schließlich fühlen sich die Ärzte ja dazu verpflichtet, das Leben zu verlängern – auch gegen den Willen der Kranken.

Unsere Vorfahren starben oft nach kurzer Krankheit. Zwar gab es auch langes Leiden in Fällen, in denen heute wirkliche Hilfe möglich ist. Der heutige Mensch, der so viel machen kann, erleidet oft die Ohnmacht sehr lange.

In dieser Situation ist es wichtig, dies zu hören: als Christen sollen wir auch unser Leiden im Bild des Wei-zenkorns verstehen und annehmen lernen. Das Evangeli-um sagt mir: dein Leiden ist nicht sinnlos, es kann Frucht bringen, die bleibt. Das Leiden Christi nimmt unserem Leiden den Stachel des Sinnlosen. Leiden ist ein großes, ein Lebensthema. Aber hier geht es darum, dass das Wort vom Weizenkorn unserem Leiden eine neue Perspektive geben kann. In unserem Leiden will der Gekreuzigte und Auferstandene Frucht wirken. Sein Leiden kann frucht-bar werden in unserem Leiden. 

Oft erhebt sich bei schwerem Leiden die Frage nach Schuld und Strafe. Aber wir dürfen diese Frage in die Hände dessen legen, der uns in die Leidensnachfolge ruft. Das bewahrt uns vor Bitterkeit.

So liegt das Wort vom Weizenkorn als eine Verheißung über unserem Leiden. Nicht nur unser Tun, unsere Nächstenliebe, unsere Anteilnahme, unser Gebet bringen Frucht, sondern besonders unser Leiden in der Hingabe der Nachfolge.

(5.)

Wenn wir das Leben aufmerksam betrachten, kann uns aufgehen, wieviel Frucht unter uns im Leiden wächst. Das Leben bekommt Tiefgang. Die Dinge werden we-sentlich. Die Frage nach Gott wird dringlich. Es kommt zur Einsicht, wo Menschen einander innerlich alleinge-lassen haben, wo vor lauter Arbeit die Liebe unter die Räder kam.

Da ist der Mann, der an Krebs erkrankt seinen Glauben neu findet. Für seine Beerdigung bestimmte er den Text: »Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat« (5). Die Angehörigen bekannten danach: »durch die Krankheit ist unser Leben wesentli-cher geworden. So wie während der Krankheit haben wir noch nie Weihnachten gefeiert«. 

Bei den Märtyrern wird die Frucht besonders deutlich, aber auch Leiden durch Krankheit und Behinderung kann in der Gemeinschaft mit Christus reiche Frucht bringen. Was wäre das, wenn durch diese Predigt eine neue Per-spektive im Blick auf unser Leiden in unser Denken und Beten käme! Verstehen wir auch unser Leiden als Hinga-be im Bild des Weizenkorns! 

Dann sind wir gegenüber der Versuchung, uns selbst das Leben zu nehmen, besser gewappnet. Unser Leiden min-dert nicht die Lebensqualität unserer Nächsten. Will einer die Angehörigen schonen und sie nicht belasten und nimmt sich das Leben, dann nimmt er in der Regel den Seinen Lebensmut und Kraft. Wer solche Fälle erlebt und aufmerksam begleitet, kommt zu dieser Erfahrung.

(6.)

In der Leidensnachfolge kommt es zu einem tieferen Verstehen des Leidens Christi. Ja, können wir das Leiden Christi auch nur anfangsweise verstehen, wenn wir dem Sinn unseres Leidens nicht auf der Spur sind? Beides hängt doch zusammen, sein Kreuz und unser Kreuz.

Prälat Hartenstein (1894–1952) war im Krieg und im zerbombten Stuttgart ein Prediger, von dem viel Segen und Trost ausging. Nach einer schweren Erkrankung, da er dem Tode nahe war, schrieb er einen Brief an seine Pfarrer und bat sie, in der Seelsorge an Schwerkranken ein Kreuz in ihrem Gesichtsfeld anzubringen. Dadurch könnte eine tiefe Gemeinschaft zwischen Christus und dem Leidenden entstehen.

Dies kommt ja auch in den Passionsliedern zum Aus-druck: »Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir« (6).

Vergessen wir dabei nicht: das Leiden Christi ist der Weg zu seiner Verherrlichung und auch über unserem Leiden kann der Glanz des ewigen Lebens liegen. Früher haben die Konfirmanden bei der Konfirmation als Zu-sammenfassung ihres Bekenntnisses ein Wort gesagt, in dem auch unser Leiden Christus hingegeben wird. Die meisten von uns können es noch auswendig und viel-leicht können wir es miteinander sprechen:

Herr Jesus, dir leb’ ich, dir leid’ ich, dir sterb’ ich, dein bin ich tot und lebendig. Mach mich, o Jesu, ewig selig. Amen

Anmerkungen:

1)  Römer 4, 17

(2)  Markus 8, 35

(3)  Johannes 21, 17

(4)  1. Korinther 12, 26

(5)  Psalm 103, 2

(6)  EG 85, 9




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Donnerstag, 18.10.2018
14:30 Uhr in Schwann:
Paul Gerhardt (Pfarrer i.R. Herrmann Schwarze)
Freitag, 19.10.2018
17:30 Uhr in Schwann:
Mädchenjungschar
Sonntag, 21.10.2018
9:15 Uhr:
Kirchweih in der Schwabentorhalle in Dennach (Pfarrer Held)
10:00 Uhr in Schwann:
Kindergottesdienst
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (Prädikant Schäfer)
Dienstag, 23.10.2018
19:45 Uhr:
Chorprobe im GH in Schwann
Mittwoch, 24.10.2018
18:00 Uhr in Schwann:
Gitarre für Anfänger