2009-03-01

Predigt über Matthäus 4,1-11 / Pfarrer Erdman Schlieszus, Baiersbronn-Schwarzenberg

Liebe Gemeinde,
was ein »Versucherle« ist, das wissen die Schwaben. Beim Keksebacken oder Marmeladekochen: eben die eine Kleinigkeit, die man vorneweg probiert, um das Ergebnis der Mühen zu testen. Da läuft einem schon das Wasser im Mund zusammen. Das »Versucherle« kennen wir.
Und auch der Werbeslogan der »lila Kuh« ist uns im Ohr: »Milka, die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt.« Und ganz ähnlich geht es uns mit der versteckten Botschaft in so mancher Daily-Soap-Sendung im Fernsehen, die eher ein offenes Geheimnis ist: »Das bisschen Ehebruch ist doch kein Problem! Versuchungen – sie gehören eben zu unserem Leben. Und dass man ihnen nachgibt, ist das denn so schlimm?«

Versuchungen – das ist das Thema unseres Predigttextes. Aber es geht nicht um ein »Versucherle«, sondern da wird uns erzählt von einer Versuchung, bei der alles auf dem Spiel stand. Diese Geschichte zeigt uns, was Versuchung ihrem Wesen nach ist und sie zeigt uns den Einen, der in aller Versuchung standhaft blieb und auch uns dazu helfen will.

Wir hören den Predigttext aus Matthäus 4, die Verse 1-11:
„1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. 2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. 3 Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. 4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« 5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels 6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« 7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.« 8 Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit 9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5.Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« 11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.“

Die Versuchungsgeschichte Jesu durch den Teufel steht im Matthäusevangelium kurz bevor von der ersten öf-fentlichen Wirksamkeit Jesu berichtet wird – und direkt nach der Erzählung von Jesu Taufe. Dort am Jordan, als Jesus getauft wurde, öffnete sich der Himmel und der Geist Gottes kam wie eine Taube auf Jesus. Dort war die Stimme Gottes zu hören: »Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe« (1). Kaum war das vorbei, hören wir von der Versuchung Jesu.

Nach dem Zuspruch kommt die Herausforderung; nach der Bestätigung die Auseinandersetzung; nach der Ermu-igung die Prüfung. Was hier an Jesus, unserem Herrn geschieht, das gilt auch für die Menschen, die ihm nachfolgen: Über einem getauften Menschen steht zuerst und vor allem das große »Ja« Gottes. Auch uns ist in der
Taufe zugesagt worden: »Du sollst mein geliebtes Kind sein!« Auch für uns ist die Frage geklärt, wo wir hingehören.

Die meisten von uns sind als kleine Kinder getauft. Doch auch wenn wir keine eigene Erinnerung an unsere Taufe haben: Der Zuspruch Gottes »Ich will als dein Vater für dich da sein. Du sollst mein Kind sein!« gilt mir schon längst, bevor ich den ersten klaren Gedanken fassen kann. Diese Überschrift Gottes, die er in der Taufe gesetzt hat, galt schon, ehe ich es begreifen konnte.

Wir sind eingeladen, es zu glauben, es für uns gelten zu lassen und Gott mit unserem Vertrauen zu antworten: »Durch Jesus gehöre ich zu Gott für Zeit und Ewigkeit.« Das ist das Erste, das Vorzeichen, unter dem ein Leben mit Jesus steht. Doch – wenn uns dies klar und gewiss ist – auch für unseren Glauben wird das Zweite nicht ausbleiben: die Herausforderung, die Auseinandersetzung und die Prüfung. Wie bei Jesus gibt es auch für uns im-mer wieder Zeiten der Anfechtung und Versuchung.
Von drei Herausforderungen, Auseinandersetzungen oder Prüfungen hören wir.

(1.)
Bei der ersten Versuchung geht es ums Essen, um die Leiblichkeit, um die Bedürftigkeit. Nach 40 Tagen Fasten wird Jesus in die Wüste geführt. Die Wüste, das ist der Ort, an dem auch das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten versucht wurde. Die Wüste, das ist der Ort, an dem das Vertrauen und der Gehorsam gegen Gott geprüft wurden.

In der Wüste zu sein, Wüstenzeiten zu erleben, das ist eine große Herausforderung. Da geht es nicht um die Faszination von Weite und Stille, nicht um eine schöne Landschaft für Urlaubsfotos. Wüste, das meint auch Leere, Dürre und Entbehrung. Das kann die Erfahrung sein, dass man sich bemüht und abrackert – und dann doch keine Wertschätzung erfährt. Es kann die Erfahrung von Hunger und Durst, aber auch das Gefühl von Sinn- und Nutzlosigkeit sein. Da ist der Arbeitslose, dem fast die Decke auf den Kopf fällt; der sich nach sinnstiftender Arbeit sehnt; der eine Bewerbung nach der anderen schreibt – ohne Erfolg. Wüstenzeiten. Auch Jesus kennt sie. Und er versteht uns darin. 

Als Jesus in der Wüste ist, hört er wieder eine Stimme. Diesmal ist es nicht – wie bei der Taufe – die Stimme Gottes, sondern die des Teufels, des Versuchers, des Ge-genspielers Gottes, des »von-Gott-Abbringers«. »Mach aus den Steinen Brot – und dir ist geholfen« ist der Satz, den er hört. Oder auch anders gesagt: ›Tue ein Wunder und hilf dir selbst‹, so heißt die Aufforderung.

Versuchung setzt immer wieder bei der Bedürftigkeit an, an der inneren Leere. Das ist die »Schwachstelle«. Zur Geschöpflichkeit des Menschen gehört eben auch die Versuchlichkeit.

Doch Jesus erkennt die Versuchung und er kontert mit einem Wort der Heiligen Schrift: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das Gott spricht.« Jesus entgegnet: Der Mensch braucht mehr als das Brot für den Leib. Der Mensch braucht mehr als Arbeit, mehr als einen erlebnisreichen Urlaub, mehr als eine aufregende Freizeitgestaltung; mehr als Vergnügen; viel mehr als die Medien uns an Unterhaltung und Konsum bieten können. Der Mensch braucht vor allem Nahrung für seine Seele, eben das Wort, das der lebendige Gott zu ihm spricht. Das braucht der Mensch gegen seine Leere. Gottes Wort allein füllt unsere Leere aus. »Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir« – das war die Erkennt-nis des Kirchenvaters Augustin (2).
Ein Wunder tun, um sich selbst zu helfen, darauf lässt Jesus sich nicht ein. Weder hier, noch später am Kreuz, als er dazu aufgefordert wird, herunter zu steigen. Er lebt mit Gott. Er vertraut Gott, er empfängt von Gott und er wartet auf Gott. Das, was Gott für ihn bereit hält, ist ihm wichtiger als alles, was er sich selbst nehmen könnte.

(2.)
Als Zweites hören wir davon, dass der Teufel Jesus auf die Zinne des Tempels führt. Der Glaube Jesu wird auf die Probe gestellt. »Wirf dich hinab! Denn Gott wird seinen Engeln befehlen, dass du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.«

Das ist clever, wie der Teufel das macht: Er legt Jesus ein Wort der Heiligen Schrift vor, ein Wort von Gott! Die Versuchung ist nicht so leicht zu erkennen. Doch Jesus durchschaut sie, weil er mit Gott lebt und nicht nur dieses eine Wort, sondern das ganze Wort Gottes kennt.

Mancher Versuchung und manchem Irrtum in Glaubensdingen erliegen Menschen ganz einfach deshalb, weil sie Gott und sein Wort zu wenig kennen. Das ist heute eine große Not. Dass Gottes Wort in unserem Herzen starke Wurzeln schlägt, so dass sich unser Glaube nicht einfach durch eine vermeintlich fromme, aber in Wirklichkeit falsche Botschaft umwerfen lässt, dazu brauchen wir den täglichen Umgang mit Gott: Im Bibellesen und im Beten. Kam Jesus, der Sohn Gottes, hier auf dieser Welt nicht ohne diesen täglichen Umgang mit Gott aus; nicht ohne die Stille mit seinem Vater in der Einsamkeit, dann wir auch nicht.

Jesus lässt sich nicht auf diese Glaubensprobe ein, denn sie wäre nichts anderes als Selbstsucht und Ausdruck des Misstrauens gegenüber dem Vater im Himmel. Tief ver-wurzelt in Gottes Wort entgegnet er: »Du sollst den HERRN, deinen Gott, nicht versuchen.«

(3.)
Ein drittes Mal tritt der Teufel an Jesus heran. Er stellt ihn auf einen hohen Berg und zeigt ihm verlockend alle Reiche der Welt. Einen Handel bietet der Teufel Jesus an. ›Du kriegst etwas, wenn du mir was gibst‹, ist das Motto. Ein Tauschgeschäft also: »Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.«

Hier steht nicht nur die Person, sondern das Werk Jesu auf dem Spiel. Jesus ist gekommen, um der Brückenbauer für uns Menschen zu Gott zu werden. Er ist gekommen, um alles, ja, auch sein Leben herzugeben, um uns zu gewinnen. Er ist gekommen, um den Weg des Leidens uns zugut zu gehen: Ein harter, schwerer Weg, den er geht im Gehorsam dem Vater gegenüber.

Es ist verlockend, was der Teufel anbietet. Es ist das pure Gegenteil: nicht alles hergeben, sondern alles bekommen. Nicht Leiden und Verachtung, sondern Jubel und Aner-kennung. Der Preis: nur ein Kniefall vor dem Versucher und Lügner von Anfang an.

Doch machen wir uns klar: Wenn Jesus sich darauf einlässt, ist alles dahin. Wie damals, als Adam und Eva von der Schlange verführt, in die Frucht beißen. Ihnen sind die Augen aufgegangen, die Vertrauensbeziehung zu Gott ist zerbrochen, aus dem Garten Eden wurden sie vertrie-ben. Würde sich jetzt alles wiederholen? Wird Jesus der »zweite Adam«, der den gleichen Fehler nochmals macht? Jesus durchschaut diese Prüfung, widersteht und entgegnet: »Weg mit dir, Satan!« und hält wieder ein Schriftwort dagegen: »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«

Noch einmal wird Jesus diese Redewendung verwenden: »Weg von mir Satan,« entgegnet er Petrus, als er ihn vom Weg des Leidens, vom Weg ans Kreuz abbringen will (3) der doch allein der Weg des Brückenbauers zwischen Mensch und Gott sein kann.
Und schließlich heißt der Schlusssatz: »Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.« Wäre Jesus hier der Versuchung erlegen, würden wir nichts hören von seinem Wirken in unserer Welt.

Doch Jesus wurde zum »letzten Adam« (4), der die Fehler des ersten Adam nicht wiederholte. Der es anders machte, der Gott gehorsam blieb.

Und so hören wir von dem Heil, das er uns bringt: Wir hören von den Berufungen der Jünger. Wir hören von Heilungen, von Brotvermehrung und Sturmstillung. Und von Zachäus, dem Jesus zu einem »Brückenbauer« wer-den konnte. Denn Jesus sagt: »Ich bin gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist«( 5).

Hier – schon ganz am Anfang der Geschichte Jesu – stand alles auf dem Spiel: Seine Person und sein Werk. Weil Jesus nicht zum zweiten, sondern zum »letzten
Adam« geworden ist, öffnet sich genau hier für uns der Weg, mit Versuchungen richtig umzugehen.

Die Versuchungen in unserem Alltag – sie sind da. Doch sie sind nicht so leicht zu entdecken wie ein Preisschild an einem Regenschirm, den wir im Fachgeschäft kaufen. Gewiss kann man sagen: Zu jedem Menschenleben gehört mit seiner Geschöpflichkeit auch die Versuchlichkeit.

Wo Leere und Bedürftigkeit eingezogen sind, da wird es unsere Aufgabe sein, genauer hinzusehen und wachsam zu sein, um uns nicht in eine ungute Richtung verleiten zu lassen. Das mag für den Umgang mit der »Schokoladen-Versuchung« gelten, aber auch für eine Partnerschaft, die innerlich leer geworden ist und die nicht mehr vor Dritten sicher ist.

Darüber hinaus ist es eine Herausforderung, das Wort Gottes zu kennen. Aber wir sollen es nicht nur kennen, sondern ihm auch gehorchen. Es ist so leicht, über Gottes Wort hinwegzugehen. Das mag schnellen Erfolg versprechen, doch nicht bei Gott. In den vielen Stimmen unserer Zeit gilt es, täglich mit Gott zu leben, um die Stimme Gottes in seinem Wort immer wieder heraus zu hören, um nicht auf falsche Stimmen zu horchen.

Oder, wie wird unsere Antwort heißen, wenn sich anderes als Gott an die erste Stelle in unserem Leben setzen will? Martin Luther sagte: »Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.«

Wir brauchen keine Angst zu haben, dass unser ganzer Alltag uns gänzlich als Versuchung begegnet, dass es gar nichts anderes mehr gibt. Denn wir sollen heute Morgen festhalten: Jesus weiß um das Leben mit seinen Anfechtungen und Versuchungen. Jesus war wachsam und hat die Versuchung überwunden. Und Jesus eröffnet auch uns den Weg, mit Versuchungen umzugehen, weil er sie überwunden hat. Er geht mit uns mit, er geht mit uns durch die Versuchung hindurch.

Jesus selber sei unsere Burg, zu der wir uns retten, in der wir uns bergen. Und wie geschieht das? Dem Gebet kommt in solchen Zeiten eine besondere Rolle zu. Wir können beten, z.B. mit Worten eines Liedes der Jesus-Bruderschaft in Gnadenthal. Da heißt es: »Herr, füll mich neu, füll mich neu mit deinem Geiste. Hier bin ich vor dir, leer sind meine Hände, Herr, füll mich neu mit dir.« Oder auch Psalmworte können uns beim Beten helfen: »Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege« (6). Oder: »Weise mir Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit. Erhalte mein Herz bei dem Einen, dass ich deinen Namen fürchte« (7).

Wenn wir am Ende eines jeden Gottesdienstes oder zum Tagesschluss das Vaterunser beten, sprechen wir: »Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen«. Jesus lehrt uns, gegen die kommende Ver-suchung anzubeten. Und wir sollen von ihm die Kraft empfangen, damit umzugehen. –

An eines sei zum Schluss erinnert: Als getaufte Men-schen sollen wir wissen, wohin wir gehören. Das soll uns Zuversicht geben, dass wir »(fest-)gehaltene Menschen« sind, die als Gesegnete des Herrn unterwegs sind und anderen ein Segen werden sollen.   Amen.

Anmerkungen:       
(1)  Matthäus 3, 17
(2)  »inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.«
(2)  Aurelius Augustinus (354–430 n.Chr.), Confessiones, 1. Buch, 1, 1.
(3)  Matthäus 16, 23
(4)  vgl. 1. Korinther 15, 45
(5)  Lukas 19, 10
(6)  Psalm 119, 105
(7)  Psalm 86, 11
 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (Pfarrer M.Gerlach)
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