2009-01-11

Predigt über Matthäus 3,13-17 / Pfarrer Friedhelm Bühner

Liebe Gemeinde, wer ist Jesus?
Der Zweifler fragt: »Was kann aus Nazareth Gutes kommen?
Diese alte Geschichte aus einer abgelegenen Provinz des
römischen Weltreiches,
dieser Sturm im galiläischen Wasserglas: das soll heute in unserer
postmodernen Welt von Bedeutung sein?«

Der Neugierige fragt: »Wer ist Jesus?
Ich bin auf der Suche nach Halt in meinem Leben,
nach einem Anker im Strom der Zeit.
Manche reden von Jesus, vom Glauben, wie er im Alltag trägt.
Könnte das für mich Folgen haben?«

Der Enttäuschte – fragt nicht mehr.
Verletzung und Schmerz, Verlust und enttäuschte Hoffnungen
haben ihn sich abwenden lassen.
Zurück bleibt aber doch die Frage wie eine Anklage: »Wer ist der, wenn
er so etwas zulassen kann?«

Und die Christen?
Auch wer Jesus nachfolgt, steht immer wieder vor dieser Frage:
Wer ist Jesus eigentlich für mich?
Oft aus dem Staunen heraus: »Was bist du nicht für ein Herr!
Du hast Worte des ewigen Lebens ...«.

Unser heutiger Predigttext gibt Antwort auf diese Frage, die wohl
jeder von uns auf seine ganz persönliche Weise stellt: Wer ist Jesus?
Wir hören auf das Wort aus Matthäus 3, 13–17; der Abschnitt ist
überschrieben ›Jesu Taufe‹:

„13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes,
dass er sich von ihm taufen ließe. 14 Aber Johannes wehrte ihm und
sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du
kommst zu mir? 15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm:
Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit
zu erfüllen. Da ließ er's geschehen. 16 Und als Jesus getauft war,
stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm
der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren
und über sich kommen. 17 Und siehe, eine Stimme vom Himmel
herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“



Liebe Gemeinde, was da geschieht beim ersten öffentlichen Auftreten
kann man auch in drei kurze Leitgedanken zusammen fassen:
1. Jesus geht hin, mit mir.
2. Jesus geht voraus, für mich.
3. Der Himmel geht auf über uns.

1. Jesus geht hin, mit mir.
Wenn ich mir diese Szene vor Augen stelle, dann sehe ich ihn vor mir,
den Propheten, den Täufer: Johannes, Sohn des Zacharias, mit
mächtiger Stimme und eindrucksvoller Gestalt,
der Rufer in der Wüste!
Der Priestersohn hatte sich zurückgezogen in die Wüste beim Jordan,
um zeichenhaft darauf hinzuweisen: Israel hat sich weit von Gottes
Willen entfernt.
Das Volk lebt in Wahrheit nicht im ›Gelobten Land‹ der Verheißung
Gottes, sondern in der Wüste der eigenen Verirrung.
Es sollte sich vorbereiten auf die Begegnung mit Gott.
Deshalb die Wüste als ein Ort der Vorbereitung und der Läuterung.
Dort hat Johannes gewirkt.

Man konnte nicht einfach so weitermachen wie bisher.
Ein Zeichen für die Umkehr für ein anderes Leben war nötig.
Deshalb die Kleidung, die er sich aus Kamelhaar machte
und als Nahrung nahm er, was er dort draußen fand – Heuschrecken
und Honig von wilden Bienen.
So hat er gelebt, der Johannes.

Er forderte die Menschen auf, ihr Leben zu ändern, um dem Urteil
Gottes zu entgehen.
Deshalb die Taufe, als Zeichen für die Möglichkeit der Umkehr.
Dazu rief Johannes »Tut Buße – kehrt um! – denn das Himmelreich
ist nahe herbeigekommen!«
Er erwartete in allernächster Zukunft das endgültige Gericht Gottes.
Es sollte einer kommen, der stärker war als er, der die Entscheidung
bringen sollte.

Da tritt Jesus auf.
Er kommt als ein Fremder aus Galiläa an den Jordan, wo
Johannes predigt.
Er reiht sich ein unter diejenigen, die von überall herbeiströmen
und Buße tun und ihre Sünden bekennen,
um sich dann im Fluss taufen zu lassen.
Braucht er das?
Er, von dem wir an Weihnachten gesungen haben: »Es ist der Herr
Christ, unser Gott«;
vor dem die Weisen aus dem Osten anbetend niedergekniet sind?
Johannes scheint sofort zu merken, dass Jesus jetzt der ›Stärkere‹ ist,
den er angekündigt hat.
Erstaunt fragt er: »Du kommst zu mir? – Ich bedarf doch vielmehr
dessen, dass ich von dir getauft werde!«

Nein, er braucht es nicht. Aber er will es.
Das ist das Erstaunliche und Wunderbare!
Er stellt sich zu denen in der Wüste, zu den Suchenden,
zu denen, die erkennen, dass sie Vergebung brauchen.
Da geht er hin. So fängt Jesus an.

So fängt Jesus auch bei uns an.
Da, wo wir sind, stellt er sich dazu, vielleicht zuerst unbemerkt wie
ein Fremder. Da ist er plötzlich mit uns in unserer Wüste.

Kennen Sie das auch: Wüstensituationen?
Wir sehnen uns nach Gemeinschaft, nach Gesundheit, Geborgenheit;
wir suchen den Neuanfang wie eine Quelle in der Wüste –
›Zu der Zeit kam Jesus an den Jordan‹.
Das heißt doch: Er gibt nicht nur fromme Anweisungen.
Kein moralisches Prinzip, da werden keine Durchhalteparolen ausgegeben.
Sondern da ist einer, der kommt, der volll und ganz teilnimmt an dem,
was mich bewegt.
Er nimmt nicht nur äußerlich Notiz von unserem Ergehen und gibt dann
ein paar gute Tipps.
Nein, Jesus stellt sich drunter, er macht sich auf den Weg mit uns,
er freut sich mit, er leidet auch mit.
Und das ›zu der Zeit‹ – zur rechten Zeit: dann, wenn es nötig ist.
Heute!

Jetzt stellt sich Jesus aber nicht nur neben mich, um mich
aufzumuntern und sozusagen auf die Schulter zu klopfen:
Es wird schon alles wieder gut werden.
Vielmehr – und das ist mein zweiter Leitgedanke heute morgen:


(2.) Jesus geht voraus, für mich.
Johannes hat es begriffen: »Ich habe es nötig, dass du mich taufst –
ich brauche dich!«
Johannes, der ›mehr ist als ein Prophet‹ (1),
von dem Jesus selber als dem ›Größten‹ spricht (2),
hatte wirklich eine große Aufgabe.
Trotzdem bekennt er gegenüber Jesus: »Ich brauche dich!«

In dem Moment gibt es eine Wende. Jesus übernimmt die Regie.
Was Johannes noch nicht versteht, ist, dass Jesus nicht so die Regie
übernimmt, dass er verlangt, Gottes Willen zu tun,
sondern dass er selber Gottes Willen tut.

»Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit
zu erfüllen.«
Jesus selber geht da voraus: ›alle Gerechtigkeit erfüllen‹.
Gerechtigkeit ist für Matthäus ein wichtiges Wort.
Sie hat zwei Seiten: Da ist einerseits tatsächlich unsere menschliche
Gerechtigkeit, wenn wir nach Gottes Willen fragen und ihm gehorsam sind.
In den Seligpreisungen sagt Jesus: »Selig sind, die um der Gerechtigkeit
willen verfolgt werden« (3), das heißt: wenn sie Gottes Willen tun.
Jesus kann sogar sagen: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als
die der Pharisäer, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen (4).
Wir sind also herausgefordert, nach Gottes Willen in unserem Leben
zu fragen und entsprechend zu handeln.
Dass Jesus hier in der Taufe vorausgeht, heißt: Macht es auch so,
kehrt um, nehmt die Vergebung an.

Aber andererseits und zugleich ist mit ›Gerechtigkeit‹ in der Bibel
auch gemeint, was Gott selber tut, und zwar in der Zuwendung
seiner Liebe.
Wie er zurecht bringt. Nicht: Jedem, wie er's verdient – so wie wir
Gerechtigkeit verstehen.
Sondern Gottes Gerechtigkeit ist diese Bewegung Gottes durch
die Geschichte: »Ich habe dich je und je geliebt ...«;
ich suche die Gemeinschaft mit dir, ich vergebe dir gerne,
ich richte dich auf und mache dich recht!
Wenn Du das zulässt.

Deshalb stellt Jesus sich unter das Gesetz, unter die Taufe,
unter den Gehorsam, ja, er nimmt Leiden und Tod auf sich,
um für uns Gerechtigkeit vor Gott zu schaffen – ein für alle Mal.
›Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub,
Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm
Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich ...‹.
So besingt der Philipperhymnus dieses Wunder, dass Jesus sich
mit uns Sündern solidarisiert.
Und dann heißt es weiter: ›Er erniedrigte sich selbst und wurde
gehorsam‹. Das haben wir hier in unserer Geschichte.
Das beginnt hier, und dieser Gehorsam geht ›bis zum Tode,
ja zum Tod am Kreuz‹.

In jener dunkelsten Stunde am Kreuz wird offenbar,
    - dass hier Gott selber am Werk ist,
    - dass Jesus in die Welt gekommen ist, um alles auf sich zu
        nehmen, ja, um den Tod zu überwinden.
Jesus geht nicht nur mit, er geht voraus, durch den Tod ins Leben –
damit wir leben können.
Da reißt der Himmel auf!
Weil wir uns nicht selber aufrichten können, tritt Gott selber für uns ein
und macht uns in Jesus den Himmel auf:
    - zur Vergebung der Schuld,
    - zu einem neuen Leben,
    - zur Gemeinschaft mit ihm.
So richtet er auf – so wird die Gerechtigkeit erfüllt!
Deshalb das Dritte:


(3.) Der Himmel geht auf über uns.
Liebe Gemeinde, von Johannes heißt es ganz einfach: Da ließ er's
geschehen.
Vielleicht ist es Ihnen gerade nicht danach.
Wüstensituation! Das verschließt einen.
Die Pflege eines lieben Angehörigen ist wie eine erdrückende Last.
Die Unsicherheit der Arbeitsstelle zieht fast den Boden unter den
Füßen weg.
Die Menge dessen, was bewältigt werden muss, steht jeden Tag
wie ein Riesenberg vor Ihnen.
Wie soll das alles weitergehen?
So ist der Himmel wie verschlossen, mit dicken Wolken verhangen.

»Ich will dir so gerne den Himmel aufreißen«, heißt es in einem Lied,
aber wer kann das?
Wie krampfhaft sind oft unsere Versuche, den Himmel zu erreichen.
Wir mühen uns redlich ab und sorgen vor – und haben doch das
Nachsehen.
Schon auf ihren ersten Seiten berichtet die Bibel davon, wie die
Menschen einen Turm bauen wollten, der bis ›in den Himmel‹ reichen
sollte.
Aktivität, Effektivität, »wir schaffen's schon«,
»wir bestimmen selber unser Leben«.
So wurde der Turmbau zu Babel begonnen.

Wie hat's geendet? Im Chaos. In einem fürchterlichen Durcheinander.
Nein, der Mensch schafft die Verbindung zum Himmel nicht.

Aber hier kommt die Umkehrung.
Denn es geht nur andersherum: Gott schafft die Verbindung!
Der Himmel tut sich auf.
Der Geist Gottes macht alles neu.
Hören Sie, wie es Johannes und die Umstehenden damals
gehört haben: »Da tat sich ihm der Himmel auf ... und eine Stimme vom
Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich
Wohlgefallen habe.«

Da wird die Verbindung hergestellt von der Herrlichkeit Gottes in unsere Wüstensituation hinein.
Ja, mitten in der Wüste stellt sich der Sohn Gottes zu uns, nimmt uns
an der Hand und führt uns Schritt für Schritt, auch durch die Tiefen.
»Damals ging der Himmel auf«, sagt Martin Luther,
»Der tut sich nicht zu bis zum jüngsten Tag.
Noch heutigen Tags ist der Himmel offen über die ganze Welt ...
Wenn der Himmel verschlossen wäre, wer wollte dann predigen, taufen,
Sakrament reichen, Vergebung zusprechen ...?
Wo Christus ist, da ist der Himmel offen.« (5)

Liebe Gemeinde, wer ist Jesus?
Diese Frage stellt sich heute genau so wie vor 2000 Jahren.
Wir sind eingeladen, es nun auch für uns ›geschehen zu lassen‹,
wie Johannes: »Ich brauche dich«!
Dass uns so die Augen und das Herz aufgehen, wenn Jesus zu uns tritt.
Er geht mit, er geht voraus.
Wir dürfen ihm folgen.
Und dann geht der Himmel über uns auf.  
Amen.

Anmerkungen:
(1)  Matthäus 11, 9
(2)  Matthäus 11, 11
(3)  Matthäus 5, 10
(4)  Matthäus 5, 20
(5)    »Damals ging der Himmel auf. Der tut sich nicht zu bis zum jüngsten Tag.
Noch heutigen Tages ist der Himmel offen über die ganze Welt ... Wenn der Himmel
verschlossen wäre, wer wollte dann predigen, taufen, Sakramente reichen, absolvieren?
... wo Christus ist, da ist der Himmel offen.«
»... wer da fromm ist, der kehr um und sprech mit Johannes: ich bedarf, und bleib nur
ja nicht stehen auf seiner Heiligkeit. Vor der Welt ist wohl leicht fromm sein, aber die es
mit Johannes halten wollen, die sprechen: ich bedarf!«
Aus Predigten Luthers, in: Erwin Mülhaupt (Hg.), Martin Luthers Evangelienauslegung,
Bd. II (Matthäus 3–25), Göttingen 2. Aufl. 1954, S. 23 und S. 20.

 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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