2008-12-28

Predigt über Lukas 2,22-38 / Pfarrer Ulrich Scheffbuch, Filderstadt-Bernhausen

Wir hören den Predigttext aus Lukas 2,22-38:

22 Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen, 23 wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn (2.Mose 13,2; 13,15): »Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn geheiligt heißen«, 24 und um das Opfer darzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn: »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben« (3.Mose 12,6-8). 25 Und siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war mit ihm. 26 Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem Heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. 27 Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, 28 da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: 29 Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; 30 denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, 31 den du bereitet hast vor allen Völkern, 32 ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. 33 Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. 34 Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird 35 - und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen -, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden. 36 Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser; die war hochbetagt. Sie hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt, nachdem sie geheiratet hatte, 37 und war nun eine Witwe an die vierundachtzig Jahre; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. 38 Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.“

 

 

 

»Mehrgenerationenhaus« Tempel

Liebe Gemeinde, 

ein Urbild von Gemeinschaft – damals in Jerusalem: Alle Altersstufen zusammen! Der Tempel selbstverständlich das, was heute wieder sehnsüchtig-mühevoll-innovativ erstrebt wird: ein »Mehrgenerationenhaus«! 

 

Das Kind Jesus und dessen junge Eltern. Samt den 

»Senioren«, wie wir heute vorsichtig sagen. Dürften wir sie besser, gerade in großem Respekt, Alte nennen? 

Also: Jesus, dessen Eltern, samt den beiden Alten. Alle Generationen beieinander! 

 

Die Szene im Jerusalemer Tempel – ein Vorbild auch für Gemeinschaft in unseren Gemeinden!

 

»Nicht verlernen, was anfangen heißt«

Die Alten – nicht abgeschoben, sondern einbezogen, mittendrin, rücksichtsvoll geachtet. Gottesfürchtige Men-schen! Mit reicher Lebensgeschichte. 

 

Simeon und Hanna. Der Evangelist Lukas lässt uns einen ehrfürchtigen Blick auf sie werfen. 

 

Sie waren Menschen, die sich noch nicht am Ziel wähnten. Erst wenn sie »Ihn« sehen würden, sollte ihre Mission erfüllt sein. Erst wenn sie auf »Ihn« weisen konnten, sollte der Tod zu den Hochbetagten kommen dürfen.

 

Einer hat geschrieben: »Jugend ist genial und schöpferisch, Alter aber stumpf und nur noch konsumierend – das ist das Klischee ... Dass dem nicht so ist, zeigt 

Michelangelo ... (Seine) schöpferische Tätigkeit ... nahm im Greisenalter nicht ab. Bis sechs Tage vor seinem Tod arbeitete er an der Pietà Rondanini ... 

 

Der niederländische Maler Rembrandt ... schuf erst im Alter sein reifstes Kunstwerk ›Die Heimkehr des verlorenen Sohnes‹. 

Der russische Künstler Marc Chagall ... gestaltete als sein letztes großes Werk die Fenster der Mainzer St. Stephans-kirche. Er starb mit 98 Jahren. Der Philologe Hermann Menge ... begann seine Übersetzung des Alten und Neuen Testaments mit sechzig Jahren ... Unser Acker ist die Zeit – bis Gott ruft ›Kommt wieder Menschenkinder!‹ Unsere Mission: In Würde alt werden. Unser Gebet: 

 

›Herr, das Werk unserer Hände wollest du fördern‹. ›Alt sein ist ein herrlich Ding, wenn man nicht verlernt hat, was Anfangen heißt‹, hat ... Martin Buber ... gesagt« (1).

 

Noch nicht fertig

Alte Menschen, geprägt und bewegt vom Heiligen Geist. Simeon und Hanna als Vorbilder für alle Lebenserfahrenen heute. In dieser Erkenntnis: Noch bin ich nicht fertig. 

 

Aus einem Gespräch zwischen dem alten Patienten und der Krankenpflegerin: »Oh, Schwester, warum darf ich nicht sterben, ich möchte gehen, lieber heute als morgen!« – Darauf die Schwester, eine resolute Rheinländerin: »Ja, so kann Sie der Heiland vielleicht noch nicht gebrauchen. Sie müssen wohl erst noch ein paar Hausaufgaben erledigen!«

 

Simeon und Hanna als Vorbilder für alle Alten heute. Dass sie, obwohl erwachsen geworden und gereift, wis-sen: Bei weitem bin ich noch nicht fertig! Es gibt noch Lektionen zu lernen und Gaben zu entdecken und Aufgaben zu tun.

 

Wahrnehmen und weitergeben

Herausforderungen: Offen sein, immer offener werden für das Wirken Gottes. Immer sensibler die Weisungen des Heiligen Geistes wahrnehmen. 

Immer tiefer einsteigen in die unendliche Welt der bibli-schen Worte.

 

Und: Anderen Teil geben an biblischen Erzählungen und geistlichen Erlebnissen. Horizonterweiterungen weitersagen – gerade an die nächsten Generationen, an Kinder und Enkel. 

 

In Psalm 71,18 heißt es: »Auch im Alter, Gott, verlass mich nicht, und wenn ich grau werde, bis ich deine Macht verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen.«

 

Sie kennen vielleicht das kritische Kindeskind in 

Clemens Brentanos Gedicht »Die Gottesmauer«? 

 

Dort drohen Feinde die Stadt und das Haus zu überrollen. Die Großmutter fleht zum Höchsten: »Eine Mauer um uns baue!« 

»Doch ihr Enkel, ohn’ Vertrauen, zwanzigjährig, neuster Zeit, will nicht auf den Herren bauen, meint, der liebe Gott wohnt weit.« 

Aber in der Nacht baut ein wunderbarer Schneesturm tatsächlich einen weißen Schutzwall um das Haus, dem Glauben der Alten entsprechend, wider Erwarten des Jungen. 

Danach aber: »Ja, der Herr kann Mauern bauen, liebe, fromme Mutter, komm, Gottes Mauer anzuschauen! rief der Enkel und ward fromm.« 

 

»Enkel« sollen fromm werden können

»Enkel« sollen fromm werden können. Maria und Josef waren sozusagen Enkel Simeons und Hannas. 

Kulturkonform und traditionstreu, betraten sie den Tempel. »Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn geheiligt heißen« (2).

 

Aber plötzlich – ungeahnt, überraschend, das war kein altgewohnter Bestandteil der Gottesdienstliturgie! – kam Simeon und betete, segnete, kündete. Verwunderung bei Josef und Maria! 

 

Und dann ein zweites Aufhorchen, bei Hannas Worten. Auch die waren eine Wegweisung zum Fromm-Werden. Sie nahmen die unerhörte Rede ernst und wahr. 

»Enkel« sollen fromm werden können. Junge Leute kommen auch heute, kulturkonform und traditionstreu, zur Kirche. 

 

Zum Beispiel: Viele Eltern melden ihre Söhne und Töchter zu Taufe und Konfirmation an. 

 

Jedoch: Wer kommt ihnen entgegen? Wer überrascht sie? Wer betet, segnet, kündet? Wer begleitet sie? Welche »Mentoren« füllen ihnen Kultur und Tradition mit Leben? 

 

Sehnsucht nach Vorbildern

Als ob Junge keine Sehnsucht nach Vorbildern hätten! Als ob sie sich mit Ästhetik, Form, Sitte zufrieden gäben und keinen Hunger nach Substanz hätten! Sie wissen besser als viele denken: Die Welt, die ihnen zu Füßen zu liegen scheint, würde zur untragbaren Last auf den Schultern – gäbe es nicht die Beratung und Wegweisung der mütterlichen und väterlichen »Propheten«.

 

Josef und Maria hielten sich nicht für Adam und Eva. 

Die Welt fing ja nicht erst mit ihnen an. 

Sie verhielten sich, als ob sie jene uralte ewig junge lateinische Aufforderung gekannt hätten: »Experto credi-te!« Also: »Glaubt dem, der Erfahrung hat!« 

 

Erfahrung zählt. Erfahrene erzählen. Sie »haben Kredit« bei Fragenden und Suchenden. Die alten »Eltern« hatten Kredit bei dem jungen Paar.

 

Die Botschaft durch alle Generationen

Nun aber noch einmal scharf betrachtet: Was, eigentlich, erzählten die beiden Erfahrenen? Die gebetserfahrene Hanna, der geisterfahrene Simeon, was sagten sie genau? 

 

Vom tröstenden Erlöser sprachen sie. Vom Heiland. 

Der sei ein Stein! Sowohl der Stolperstein, »gesetzt zum Fall«, als auch das Lebensfundament, »gesetzt zum Aufstehen«. 

Der Stein! Der alles zusammenhält: Erde und Himmel, den ganzen Kosmos. 

Der Stein! Auf dem alles ruht, die Zeit und die Ewigkeit. 

 

Ein Gottesgeheimnis sei er, der Menschgeborene. Da sei Herrlichkeit, im Leiden verborgen. 

 

Aber schon so, gerade so würde er, der Leidende, aufgehen wie die Sonne am Morgen, glänzend zu scheinen beginnen, ein Licht zur Offenbarung, ein Licht, das auch dem weitest Entfernten in der größten Finsternis – im besten Sinn des Worts – heimleuchten wolle. 

 

Neue Wege

Aufklärende, erhellende Wegweisung! Dadurch können auch Nachkommen glauben. Sie werden befähigt, durch das anvertraute Christus-Vertrauen zu bestehen. 

So wird die Welt zu ihren Füßen nicht zu einer Schulter-last, unter der sie zusammenbrechen. 

Mit dem Halt, den sie am Heiland bekommen haben, können sie weitergehen. 

Und dabei auch eigene, zuvor nie gekannte Wege be-schreiten. 

 

Insofern gilt doch der alte Spruch: »Wenn sie es machen wie ihre Vorfahren, machen sie es nicht wie ihre Vorfahren.« 

So war’s auch bei Josef und Maria – damals im »Mehr-generationenhaus« Tempel. Wo sie aufmerksam die Worte der Alten hörten. Und dem Gotteswort fromm vertrauten. Und dann – zugegeben: auf unvergleichliche Weise – ein ganz neues Kapitel der Gottesgeschichte aufschlagen durften.   Amen.

 

Anmerkungen:

(1) Samuel Moser, Präsident i. R. der Vereinigung ev. Freikirchen und Gemeinden / CH

(2) 2. Mose 13, 2.15

 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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