2008-12-21

Predigt am 21. Dezember 2008 / Pfarrer z. A. Matthias Steinhilber, Alpirsbach

Liebe Gemeinde,

wann haben Sie das letzte Mal ein Loblied auf jemanden gesungen? Wann hat jemand in Ihrem Leben etwas bewegt? 

Er – oder sie – hat sich eingemischt und alles auf den Kopf gestellt; zum Guten oder zum Schlechten.

 

Mir hat ein Freund am Computer herumgemacht. Er hat mit leuchtenden Augen viel versprochen und auch viel verändert. Leider nicht zum Guten. Seitdem habe ich Stunden mit Fachleuten zugebracht, bin Kilometer mit dem Auto gefahren und habe einige Euros vertelefoniert. Der Freund ist immer noch mein Freund, aber ich kann kein Loblied auf ihn singen, wenn es um Computer geht. Im Gegenteil, ich würde warnen und sagen: davon hat der keine Ahnung. Wenn der Computer nicht mehr läuft, geht das Leben trotzdem weiter. Aber es verändert viel. Und es macht nicht glücklicher. 

 

Maria war glücklich. Sie hat gejubelt. Sie hat gedankt. Sie war froh. Da hat jemand in ihrem Leben etwas verändert und bewegt. Eigentlich alles bewegt. Ihre ganze 

Existenz umgekrempelt. Und es gut gemacht. Das musste raus.

 

Was ist denn da passiert? Zunächst nicht viel Spektakuläres: da kommt ein Engel Gottes, Gabriel, mit einer Nachricht für sie. Dann macht Maria sich auf die Reise und wandert einige Tage lang zu ihrer Verwandten Elisabeth, die schon älter ist. Und von der wird sie begrüßt. Eigentlich nur Worte. Aber was für Worte: Von Jesus, dem Sohn des Höchsten; dem Sohn Davids; von dem König, der herrschen wird ohne Ende. 

 

Und dann schreibt Lukas, wie das auf Maria gewirkt hat (Lukas 1, 39-56):

39 Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda 40 und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. 41 Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt 42 und rief laut und sprach: Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes! 43 Und wie geschieht mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 44 Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. 45 Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn. 

46 Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, 47 und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; 48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. 49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. 50 Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten. 51 Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. 52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. 53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. 54 Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, 55 wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit. 56 Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.“

 

Maria kann nicht anders als ein Loblied anzustimmen. Die richtigen Worte dafür fand sie nur in der Bibel, dem Alten Testament. Vor allem in den Geschichten von Lea und Hanna und in den Psalmen. 

 

Die arme Lea: ihr Ehemann Jakob hatte sie nicht geliebt, sondern nur Rahel, ihre Schwester mit dem Glanz in den Augen. Die elende Lea, die Gott nicht vergessen hat. 

Die er gesehen hat und der er Kinder geschenkt hat. 

 

Und Hanna, die ihr Ehemann Elkana liebte, also gerade das Gegenteil von Leas Lage. Aber Hanna war kinderlos und litt schrecklich darunter. 

 

Und dann die Psalmen, wo so oft Menschen Gott ihr Elend klagen. 

 

Daran orientiert sich Maria und das heißt: sie weiß von dem alten Gott, der schon oft geholfen hat. Sie vertraut dem bewährten Helfer der Armen und Elenden. Sie kennt den Höchsten, der ganz unten die Not einzelner Men-schen sieht. Wieder einmal hat Gott eingegriffen.

Dem singt sie das Lied, das wir gehört haben.

Ihr Lied hat zwei Teile: persönlicher Dank und eschatologischer Lobpreis.

 

 

(1.) Der persönliche Dank

Danken kann nur, wer persönlich betroffen ist. Wer ist das denn hier? Eine junge Frau, eigentlich ein Mädchen, aus einem unbedeutenden Dorf. Und was ist passiert? 

Sie bekommt ein Kind. Ist das so weltbewegend? Ein schwangerer Teenager?

 

Die Geschichten von Lea und Hanna sagen: eine Frau, die keine Kinder hat, ist mehr als weltbewegend. Das mag die ganze Welt nicht kümmern wie der berühmte Reissack, der in China umfällt oder auch nicht – aber es kümmert Gott. Die große Welt mag auf anderes schauen, Gott sieht eine einzelne Frau. Er bekommt das persönliche Schicksal mit. 

Aber ist der Wunsch nach Kindern nicht banal? Ist es nicht ungeistlich, in Weltuntergangsstimmung zu geraten, weil man keine Kinder hat? Gibt es nicht Wichtigeres im Leben? Und erst recht im Leben von Menschen, die nach Gott fragen?

 

Wir lernen in Deutschland als Gesellschaft zurzeit wieder neu, wie wichtig Kinder sind. Vor allem aber sagen die Geschichten von Lea und Hanna: Gott kümmert sich um diesen Wunsch der beiden Frauen. Er sieht ihre Not.

 

Bei uns gehen viele Menschen unter: Kinder, Kranke, Schwache, Menschen in Not. Arme und elende Men-schen, die nicht haben, was sie brauchen. 

 

Wir haben keine Zeit, um uns um sie zu kümmern. Oder wir sehen die Not erst gar nicht. Wir haben einen Tun-nelblick und sehen nur das, was uns wichtig ist.

 

Maria hat Grund zum Jubeln, weil sie erfahren hat: der große Gott kümmert sich um mich kleinen Menschen. Er hat mich im Blick, konkret mich. Und er tut Großes in meinem Leben. Er ist mein Retter. Deshalb singt sie ein persönliches Danklied.

 

Gott meint immer den Einzelnen: mich, gerade mich. Und Dich.

 

Doch das ist nicht alles. Lea hat Kinder bekommen und wurde froh. Hanna wurde Mutter und war glücklich. 

Aber die Kinder Leas und der Sohn Hannas waren nicht irgendwer. Lea schenkte Stammvätern Israels das Leben. Wichtige Figuren für das Volk. Samuel, der Sohn 

Hannas, war eine zentrale Figur für die Geschichte Israels und die Könige Saul und David, ein Leuchtturm und Fels für das Volk Gottes in entscheidender Phase.

Und so ist es auch mit dem Kind der Maria. Deshalb kommt der zweite Teil ihres Liedes:

 

 

(2.) Der eschatologische (endzeitliche) Lobpreis

Maria geht auf’s Ganze: alle folgenden Generationen werden sie glücklich nennen, Großes ist an ihr geschehen, ihre Schwangerschaft zeigt die Tatkraft und Macht Gottes, Hochmütige werden bescheiden, Mächtige verlieren ihre Macht, Arme werden reich, Demütige geehrt. Und vor allem: Gott hat sein Versprechen erfüllt.

 

Wie ist das denn zu verstehen? Was hat sich denn geändert? Maria hat nur die Botschaft des Engels Gabriel gehört. Und den Gruß Elisabeths. Zu sehen ist nichts. Klein, ganz klein, hat das Große begonnen. Still, ganz still fing alles an. 

 

Maria hat die Botschaft Gabriels im Ohr und weiß: wenn Gott es sagt, ist es so gut wie geschehen. Dann kann ich davon so reden, als sei es schon passiert. Ein Teenager wird schwanger und doch ist Gottes Rettungsplan für die ganze Welt damit so gut wie vollzogen. Ein einfaches Mädchen wird ein Kind bekommen und doch wird damit die Schreckensherrschaft aller Mächtigen ein Ende haben.

 

Gott sieht das Kleine und tut Großes. Lassen wir uns von dem Großen nicht blenden und entdecken Gott im Kleinen; dort, wo er sich zeigt und handelt.

 

Aber noch einmal zu den Hochmütigen, zu den Reichen und Mächtigen einerseits und auf der anderen Seite den Armen und Demütigen: So sehr das persönliche Danklied Maria persönlich betrifft, sie als einzelne Person. Und so sehr Gott bei uns Retter sein will – genau so sehr betrifft Gottes Heil die ganze Welt. Den Weltlauf. Die Gesellschaft. Die Politik.

 

Man hat diesen eschatologischen (endzeitlichen) Lobpreis immer wieder als politisches Programm missver-standen. Er wurde missbraucht, um politische Ideologien zu rechtfertigen. Nach dem Motto: Gott will es und des-halb müssen wir es durchsetzen und vollenden: Ausgleich statt ungerechter Verteilung, Gerechtigkeit statt Unterdrückung. Auf uns – auf uns allein – kommt es an. Wir, wir allein können eine bessere Zukunft schaffen.

 

Aber das ist eben nicht gemeint. Wir müssen es gerade nicht allein durchsetzen. Gott tut es. Doch wir sollen auf das zu leben, was Gott mit der Welt vorhat. Wir sollen mithelfen, dass etwas von dem, was Gott an guter Ordnung einmal neu schaffen will, heute schon sichtbar wird. Wir werden es nicht vollenden – das bleibt Gott vorbehalten. Doch anfangen wollen wir, weil wir auf Gottes neue Welt ausgerichtet sind. Geprägt von Gottes Liebe, wollen wir andere lieben. Geprägt von seiner Barmherzigkeit, andere verstehen. 

 

Ich lese aus einem Lied von Christoph Zehendner:

 

Gottes neue Welt

Wie gut, dass Fehler tief im Meer versinken,

wenn sie vergeben und vergessen sind.

Wie gut, dass Frieden und Versöhnung winken, 

wenn wir von vorn beginnen wie ein Kind.

 

Wie gut, dass Gottes Uhren anders gehen.

Sie ticken nicht im Tempo unsrer Zeit.

Wenn wir uns traun, vom Zeitgeist wegzusehen,

dann werden wir für Gottes Welt bereit.

 

Die Güte kann die Treue kaum erwarten,

sie nimmt sie in den Arm, auf ihre Art.

Gerechtigkeit und Frieden spielen im Garten

und küssen sich – ganz vorsichtig und zart.

 

Wie gut, dass wir unser Glück nicht kaufen können,

auch wenn wir es versuchen, angestrengt.

Selbst wenn wir eisern spar’n und uns nichts gönnen –

das Größte gibt es einfach nur geschenkt!

Wie gut, dass Starke letztlich unterliegen,

auch der, den man für unbezwingbar hält.

Am Ende wird der Friede Gottes siegen,

Gerechtigkeit regiert in Gottes Welt.

 

Die Güte kann die Treue kaum erwarten,

sie nimmt sie in den Arm, auf ihre Art.

Gerechtigkeit und Frieden spielen im Garten

und küssen sich – ganz vorsichtig und zart.

 

Das Lied der Maria ist vorbei, aber eins fehlt noch:

 

»Und sie ging wieder heim.«

Drei Monate blieb Maria bei Elisabeth, dann ging sie wieder heim nach Nazareth. Was hat sie da erwartet? 

Ein Verlobter, der noch nichts von seinem Glück wusste. Eltern, die von einer unehelichen Schwangerschaft nicht begeistert gewesen sein konnten. Nachbarn, die tuscheln werden, vielleicht sogar Gerüchte verbreiten, schadenfroh grinsen. »Von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder« – das mag sein. Was die Nachbarn gesagt haben, ist eine andere Sache.

 

Der Lobgesang der Maria ist erstaunlich. Er bewegt durch sein Gottvertrauen. Hier wird das Leben von der Bibel her gesehen und das ist vorbildlich und groß. 

 

Hier wird der Blick weit für den allmächtigen und barm-herzigen Gott, der eingreift, um Menschen zu helfen. 

Aber das erstaunlichste liegt für mich in diesem kleinen, letzten Satz: Maria kehrte wieder zurück in ihr Haus. 

Denn hier würde sich zeigen, ob diese Gewissheit auch hält. Ob der Gott, dem sie sich anvertraut hat, auch 

vertrauenswürdig ist. Wie das denn nun ist mit seinem starken Arm. 

 

Die großen Taten, die Maria schon besungen hatte, musste er ja erst noch tun. Das fing an mit der ver-gleichsweise kleinen Tat, Josef zu überzeugen. Die Mächtigen dieser Erde, die mussten erst noch von ihren Thronen gestürzt werden. Das war das Eine. Für Maria war das Nächste, ob ihr Verlobter zu ihr halten würde. Ob ihr Vater mitmachen würde. Diese beiden Männer waren mächtig in ihrem Leben.

 

Mit einem Wort: Maria kehrte in die Niedrigkeit zurück. Im Vertrauen darauf, dass Gott ihr hier beistehen würde. Der Kreis schließt sich: »denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.«

 

Maria hatte dem Engel Gabriel geantwortet: »Ich bin die Magd des Herrn« und ihr Leben damit Gott hingehalten. Elisabeth hat sie darin bekräftigt und ermutigt und drei Monate lang war sie noch einmal in einer geschützten Zone. Jetzt musste sich das Vertrauen bewähren. Es würde sich zeigen, ob das Danklied und der Lobpreis zu Recht erklungen waren.

 

Wir haben Loblieder gesungen wie Maria, wir haben ihren Psalm gebetet, gehört, bedacht. Eine Stunde sind wir heute Morgen hier, dann kehren wir wieder zurück, aus dem Gottesdienstraum ins Leben. Im Vertrauen auf den Gott, der uns sieht. Maria hat es vorgemacht.   Amen.




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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