2008-10-26

Predigt über 1. Mose 18, 16-33 / Pfarrer Michael Wacker, Hessigheim

Wir hören den Predigttext für diesen Sonntag aus 1. Mose 18, die Verse 16-33

„16 Da brachen die Männer auf und wandten sich nach Sodom, und Abraham ging mit ihnen, um sie zu geleiten. 17 Da sprach der HERR: Wie könnte ich Abraham verbergen, was ich tun will, 18 da er doch ein großes und mächtiges Volk werden soll und alle Völker auf Erden in ihm gesegnet werden sollen? 19 Denn dazu habe ich ihn auserkoren, dass er seinen Kindern befehle und seinem Hause nach ihm, dass sie des HERRN Wege halten und tun, was recht und gut ist, auf dass der HERR auf Abraham kommen lasse, was er ihm verheißen hat. 20 Und der HERR sprach: Es ist ein großes Geschrei über Sodom und Gomorra, dass ihre Sünden sehr schwer sind. 21 Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob's nicht so sei, damit ich's wisse. 22 Und die Männer wandten ihr Angesicht und gingen nach Sodom. Aber Abraham blieb stehen vor dem HERRN 23 und trat zu ihm und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? 24 Es könnten vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein; wolltest du die umbringen und dem Ort nicht vergeben um fünfzig Gerechter willen, die darin wären? 25 Das sei ferne von dir, dass du das tust und tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, sodass der Gerechte wäre gleich wie der Gottlose! Das sei ferne von dir! Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten? 26 Der HERR sprach: Finde ich fünfzig Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben. 27 Abraham antwortete und sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden, zu reden mit dem Herrn, wiewohl ich Erde und Asche bin. 28 Es könnten vielleicht fünf weniger als fünfzig Gerechte darin sein; wolltest du denn die ganze Stadt verderben um der fünf willen? Er sprach: Finde ich darin fünfundvierzig, so will ich sie nicht verderben. 29 Und er fuhr fort mit ihm zu reden und sprach: Man könnte vielleicht vierzig darin finden. Er aber sprach: Ich will ihnen nichts tun um der vierzig willen. 30 Abraham sprach: Zürne nicht, Herr, dass ich noch mehr rede. Man könnte vielleicht dreißig darin finden. Er aber sprach: Finde ich dreißig darin, so will ich ihnen nichts tun. 31 Und er sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden, mit dem Herrn zu reden. Man könnte vielleicht zwanzig darin finden. Er antwortete: Ich will sie nicht verderben um der zwanzig willen. 32 Und er sprach: Ach, zürne nicht, Herr, dass ich nur noch einmal rede. Man könnte vielleicht zehn darin finden. Er aber sprach: Ich will sie nicht verderben um der zehn willen. 33 Und der HERR ging weg, nachdem er aufgehört hatte, mit Abraham zu reden; und Abraham kehrte wieder um an seinen Ort.“

 

 

Liebe Gemeinde,

noch immer starrte Abraham ins ferne Tal. Rauch und Feuer stiegen dort auf.  Abraham wusste: Es waren keine 10 Gerechten in der Stadt gewesen.

 

Er dachte an Lot: War das jetzt das Ende? Einmal hatte er ihm helfen, einmal hatte er ihn aus den Händen der Feinde retten können. Damals wurde der große Besitz des Neffen im Jordantal von feindlichen Heeren überrannt und zerstört. Lot und seine Familie kamen zwar mit dem Leben davon, aber sie wurden entführt. Nur durch Abrahams mutigen Einsatz gelang es ihm, in einer Blitz-aktion den Neffen zu befreien.

 

Und nun das: War ihm die schlechte Gesellschaft doch zum Verhängnis geworden! 

Langsam wandte er sich um. Es schmerzte – tief. Gestern noch war er fast heimgesprungen trotz seines fortgeschrittenen Alters, wie Sara in letzter Zeit öfter zu betonen pflegte. Gott war sein Gast gewesen! Gott hatte zum ersten Mal eine genaue Zeit für die Geburt eines Sohnes angekündigt!

 

Und – das war ihm fast noch tiefer ins Herz gedrungen – Gott hatte mit ihm geredet und er, Abraham, hatte mit Gott geredet, so nahe, so unbeschreiblich direkt wie noch nie. Gott hatte ihn so ernst genommen, wie er seinen besten Freund nicht hätte ernster nehmen können. Jetzt, keine 24 Stunden später, schien das alles wieder weit weg. Gott selbst schien weit weg, weit weg im Himmel und seine Erde brannte...

 

Kennen Sie das – diese Höhen und Tiefen im Leben mit Gott? 

 

Ich erinnerte mich an Todd Beamer. Inzwischen sind es mehr als sieben Jahre her, dass er mit allen anderen zu-sammen im Flugzeug in einen Wald bei Washington gestürzt ist. Die Maschine sollte am 11. 9. 2001 auf den amerikanischen Präsidentensitz stürzen, weil es fanatische Entführer so geplant hatten. Beamer und einige andere hatten diesen Plan vereitelt. Dies rekonstruierte man nachträglich aus den Handyaufzeichnungen. Aber das eigene Leben hatten sie nicht retten können. Ein Held war er damals – aber wer denkt heute noch an ihn? Wer denkt an seine Kinder? Und was nützt es seiner Frau, wenn er nicht vergessen wird?

 

Es gibt Tage, da scheint uns diese Welt und vielleicht das eigene Leben grausam und sinnlos. Vielleicht hatten Sie auch schon solche Tage. Tage, an denen einen die Fragen zu überwältigen drohen, diese Fragen nach einer schein-bar so ungerechten Welt. Einer Welt, deren bösen Lauf niemand aufzuhalten vermag, ganz so wie damals in 

Sodom.

 

In der rabbinischen Literatur gibt es eine kleine, merk-würdige Beobachtung. »Es sprach Rabbi Levi: Weshalb offenbart der Heilige, gelobt sei Er, Abraham seine Absicht (damals in Sodom)? Antwort: Weil Abraham über das Geschick der Menschen zur Zeit der Sintflut grübelte. Er sagte sich: Es ist doch nicht möglich, dass es damals nicht auch Gerechte gegeben hat!«

 

Das war es wohl, was Abraham getrieben hat. Bei Noah waren es nur acht Gerechte. Und jetzt? Abraham ringt um jeden einzelnen. Es mögen wenige, vielleicht nur Einzelne sein, die sich vom bösen Treiben in Sodom nicht haben anstecken lassen. Um dieser Wenigen willen, wegen dieser Einzelnen, muss doch Gott sein Gericht zurück halten, so argumentierte er.

 

Ich finde ihn großartig, diesen »Vater Abraham«. Vater ist er ja noch nicht. Eben erst waren die drei Besucher weiter gezogen, die ihm die Geburt eines Sohnes angekündigt haben, übers Jahr wird er es erleben.

Aber ganz nahe dran war er. Denn »Vater des Glaubens« wird er, gerade so lange er noch nicht leiblicher Vater ist. Vater wird er als Wartender und als Hoffender, ja als mit Gott Ringender.

 

Die jüdischen Ausleger sind überzeugt: Abraham hat an denselben Fragen gelitten wie sie, wie wir heute. Er hatte Fragen, Fragen, wenn er sein eigenes Lebensschicksal sah, Fragen, wenn er die Nachrichten aus Sodom hörte. Aber die tiefgehendsten waren noch nicht einmal die nach einer ach so ungerechten Welt, die tiefgehendsten Fragen waren die, wie er in dieser Welt seinen Gott verstehen, ihm vertrauen konnte.

 

Wissen Sie, was mir an Abraham imponiert?

Er ist vor Gott ganz er selbst und gleichzeitig zutiefst – im echten Sinne – demütig! Ihm sind die Menschen um ihn herum nicht gleichgültig – die Bösen, die Schlechten. Auch nicht der Neffe, dem er es schon immer gesagt hatte und der ihm treulos das gute Land weggenommen hatte. Hatte sich Lot nicht bewusst für das fruchtbare aber zugleich auch gefährlich gottlose Land entschieden? 

Und hatte Abraham seinen Neffen nicht schon einmal herausgeholt?

 

Aber all das ist jetzt keine Rechtfertigung für Abraham. Jetzt gilt es zu kämpfen als Bittsteller vor Gott. Mit Gott muss er ringen für Lot und für Sodom. Welch eine Demut! Liegen uns die Menschen neben uns so am Herzen? 

Auch die, die in unseren Augen viel schlechter dastehen müssten? Oder haben wir die Hoffnung für unsere Stadt und die Gerechten in ihr schon aufgegeben? Schauen wir auf Abraham, er ist Urbild der Beharrlichkeit und des Glaubensmuts.

 

Auch zur Schlechtigkeit Sodoms findet man in der rabbi-nischen Literatur eine Erklärung: »Es lehrten die Weisen: Die Leute von Sodom wurden nur hochmütig, weil der Heilige, gelobt sei Er, ihnen den Überfluss an Gutem geschenkt hatte. Sie sagten zueinander: Da wir ein Land besitzen, in dem es Brot und Goldstaub in reichlicher Menge gibt, wozu bedürfen wir da noch der Durchreisenden? Diese Leute kommen ja ohnehin nur, um uns den Besitz zu schmälern! Wir wollen ein Gesetz erlassen, welches das Durchreisen verbietet!«

 

In solche Kreise war Lot also geraten. Für solche Leute rang jetzt Abraham mit Gott.

Doch nicht die Ungerechtigkeit Sodoms ist der eigentliche Mittelpunkt. Keiner darf aufstehen und selbstgerecht auf andere zeigen. Abraham wendet sich nicht entrüstet von der Gottlosigkeit der Leute in Sodom ab. Er kämpft, dass Gottes Gerechtigkeit offensichtlich wird – für alle. Es geht ihm in seinem Gebet also zutiefst um Gott selbst! Und darum, dass Gnade Gnade bleibt, und Barmherzigkeit Barmherzigkeit.

 

Abraham bringt keine Einwände vor, wonach es ja sowieso um eine Stadt des Heidentums gehe. Er hat die Gerechten im Blick. Und wenn es am Ende nur zehn wären. Diese Zahl benötigt es bis heute, um eine Synagoge zu gründen. Mitten in der argen Stadt hofft Abraham auf eine Gemeinde, die Salz und Licht ist.

 

Sind wir das. Glauben wir so? Hoffen wir so? Beten wir so – wie einst Abraham?

 

Und wissen Sie, was mich an Gott bewegt?

Sein Name lässt sich eben nicht buchstabieren, wie es in einer Karikatur dargestellt wurde: G-O-T-T, sprich: Guter – Opa – total – taub.

 

So, als ob er aufgrund der Altersschwäche das Schreien seiner Leute nicht mehr hörte und die Kraft zu helfen nicht mehr hätte.

 

Im Gegenteil: Gott ist ganz Ohr. Er hört das Schreien seiner Kinder. Der Kinder, die wissen, dass diese Welt auf ihr Gericht zugeht. Abraham weiß, der Tag des Gerichtes kommt. Darum legt er alle Kraft und allen Glau-ben in die Fürbitte.

 

Doch im Angesicht dieses Gerichts über die Sünde wird auch das andere deutlich. Gott hat Abraham ins Vertrauen gezogen. Er kündigt ihm die drohende Katastrophe an.

 

Und solange es zehn Gerechte gibt, die Fürbitte leisten, gibt es Hoffnung. Wer dagegen auf die Hoffnungslosigkeit schielt, dass wir alle auf der schiefen Bahn stehen, die bergabwärts führt, der vergisst seine Berufung. Wir sind Kinder Abrahams. Berufen, nicht irgend ein Sodom und Gomorra zu verurteilen. Sondern wir sind zuerst von Gott erwählt und herausgerufen, ihm zu widersprechen: »Weil du uns erschaffen hast, Herr, unser Gott, darf doch keins deiner Geschöpfe endgültig verloren gehen. Du hast auch uns in dein Vertrauen hineingezogen, damit wir zum Licht am dunklen Ort werden. Dazu machst du uns heute Mut. Diese Berufung lass uns leben.«

 

Doch wir können diese Geschichte in der Tiefe nicht ausloten, ohne den Blick nach vorne zu lenken. Abraham, der Gerechte, ist der Schatten der viel größeren Gerechtigkeit Gottes in Jesus Christus. In ihm ist Gott herabgestiegen zum Gericht an der Welt.

 

Doch hat Jesus nicht die Gerechten gesucht, auch nicht die Wenigen, sondern die Verlorenen, die Sünder (1).

 

Für sie hat er gefleht. Sein letztes Wort am Kreuz war die Bitte um Vergebung: »Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« Doch er ging weiter, als die Für-bitte. Er schulterte unsere Gottlosigkeit, unsere Sodoms-haltung und besiegte sie. Sein Sterben war der Preis für die von Sünden gezeichnete und verseuchte Welt.

Damit ist er, der Gerechte, der Retter geworden.

Und er beruft uns zu Menschen, die betend für andere einstehen. Er erwählt uns, ihn, den Gerechten, zu bezeugen – so anhaltend und glaubensstark wie Abraham einst.   Amen. 

 

Anmerkung:

(1)  Lukas 19, 10

 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

Sonntag, 26.08.2018
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (Dr. Difäm)
Sonntag, 02.09.2018
9:15 Uhr:
Gottesdienst in Dennach (W.Dölker)
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (W.Dölker)
Sonntag, 09.09.2018
9:15 Uhr:
Vorstellungs-Gottesdienst in Dennach (Pfarrer Held)
10:15 Uhr:
Gottesdienst in Schwann (Prädikantin Donath)
Mittwoch, 12.09.2018
20:00 Uhr in Schwann:
Hauskreis für junge Erwachsene bei Katrin
Donnerstag, 13.09.2018
9:00 Uhr:
Schulanfägner-Gottesdienst in Schwann (Pfarrer Held)