2008-10-19

Predigt über 1. Johannes 1,12-27 / Pfarrer Dr. Tobias Eißler, Mundelsheim

 

Liebe Gemeinde,

von Hermann Hesse stammt die Erzählung »Klein und Wagner«, die im Jahr 1920 erschien. Hesse erzählt von dem vierzigjährigen, verheirateten Beamten Friedrich Klein. Eines Tages bricht er aus dem gewohnten Berufs- und Familienleben aus. Überraschend für alle nimmt er den Zug und fährt nach Italien. Dort verbringt er einige tolle Tage mit Frauen, Tanz und Spielkasinos. Am Ende ertränkt er sich frustriert in einem See.

 

Die große Frage darüber lautet: »Warum?« Hesse erläu-tert in seinem Werk: »Er fühlte: Ein Trieb musste da gewesen sein, ein Zwang und Drang von genügender Stärke, um einen Mann wie ihn zu dem Unmöglichen zu bewegen.«

 

Zwei Triebkräfte erkennt Klein: »Sehnsucht nach dem Süden« und »Verlangen nach Flucht und Freiheit aus Frondienst und Staub der Ehe.« So der Dichter.

 

Einerseits fühlt sich Klein bei diesem Aufbruch ins ver-meintliche Paradies frei und selbstverantwortlich. Im Originalton: »Und das Wunderliche war, dass kein Erd-beben ihn (Friedrich Klein) in diese bange und lebensgefährliche Lage gebracht hatte, kein Gott und kein Teufel, sondern er allein, er selber.« Andererseits ahnt die Hauptfigur, was ihn gepackt hat: »Jetzt reitet mich der Teufel reif.«

 

Im Lauf der Geschichte gibt sich dieser Friedrich Klein einen neuen Namen: Wagner will er fortan genannt werden. Dieser neue Name Wagner bedeutet für ihn so viel wie: »Künstler oder Genie. Der neue Name drückt für ihn etwas aus von der Neigung zu Lebenslust, Sinnenlust, Luxus.« Am Ende der Erzählung meint der Ertrinkende Friedrich Klein alias Wagner einen Gott-in-allem zu schauen, der eben so gut geliebt wir gehasst werden kann.

 

Hesse schildert genau jene unheimliche Anziehungskraft des Gottlosen, vor der der Apostel Johannes in unserem Predigttext eindringlich warnt. Sie ist es, die von Gott wegreißt. Und die Christen sind in besonderem Maße bedroht.

Aber es gibt eine Gegenkraft, die vor der Verführung bewahrt: die Gemeinde, in der Christus gegenwärtig ist. Die Gemeinschaft derer, die sich ganz zu Jesus halten.

 

Wir müssen genau darauf achten, in welchem Kraftfeld wir uns bewegen.

Und so sollen wir auch dieses Wort Gottes aus dem 1. Johannesbrief, Kapitel 2, Verse 12-17 hören:

12 Liebe Kinder, ich schreibe euch, dass euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen. 13 Ich schreibe euch Vätern; denn ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch jungen Männern; denn ihr habt den Bösen überwunden. 14 Ich habe euch Kindern geschrieben; denn ihr kennt den Vater. Ich habe euch Vätern geschrieben; denn ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich habe euch jungen Männern geschrieben; denn ihr seid stark und das Wort Gottes bleibt in euch, und ihr habt den Bösen überwunden. 15 Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. 16 Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. 17 Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.“

 

 

1. Die Verführungskraft der Welt

»Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist.« 

Der Apostel sagt kein Wort gegen Gottes gute Schöpfung, die durch und durch liebenswert ist. Er verwirft nicht den feinen Weinberg, nicht das Glück in Ehe und Familie und nicht die faszinierende Wissenschaft…

 

Doch der Apostel warnt in klaren Worten davor, die Schöpfung ohne Gott zu denken und sie zum Lebensin-halt zu machen: Mancher Weinbergbesitzer schuftet sich kaputt oder verfällt dem Alkohol; ich kenne Ehemänner, die hatten übersteigerte Erwartungen an die Partnerin und suchten sich bald eine andere; so mancher Wissenschaftler wird im Verlauf seiner Forschungen wissen-schaftsgläubig und kann mit der Bibel nichts mehr an-fangen.

 

Erkennen wir es, was hier in Schieflage geraten ist? 

Wer sein Herz in solcher Weise an die Welt hängt, der hat kein Herz mehr für Gott. Der mag noch gut von Gott denken. Der mag sogar noch manchmal von Gott reden. Aber er kreist um sich selbst. Er ist eingekurvt in sich selbst, wie eine Schnecke in ihrem Schneckenhaus. Sol-che Fixierung auf die eigenen Interessen führt eigenartigerweise früher oder später zu einem unersättlichen, maßlosen, rücksichtslosen Begehren von dem, was man unbedingt haben zu müssen meint.

 

Bereits auf den ersten Seiten der Bibel, in der Geschichte vom Sündenfall, wird deutlich, wohin es führt, wenn wir uns fixieren auf das Geschaffene, und nicht auf den Schöpfer, der über allem steht.

 

Das 9. und 10. Gebot decken diese Wurzel allen Übels unmissverständlich auf. Sie halten uns den ungetrübten Spiegel der Lebensregeln Gottes vor Augen.

 

»Du sollst nicht begehren« beginnen diese beiden letzten Gebote unisono und zählen dann konkret auf ›nicht deines Nächsten Weib, Kind, Knecht, Magd, Ochs, Esel, noch alles, was dein Nächster hat‹. Unsere Lebensgrundlagen sind damit umrissen. Die nächsten Menschen, die Arbeit, die uns Auskommen verschafft, die Güter, die wir haben. Nichts darf uns in Beschlag nehmen und an die erste Stelle treten.

 

Diese Gebote verstehen, heißt die Welt im Innersten ver-stehen. Gott wird diese Welt, die sich in der Lust an den Dingen verliert und damit die Freude an ihm verloren hat, eines Tages untergehen lassen. Deshalb ist es todge-fährlich, die Welt lieb zu gewinnen.

 

Vor einem, der diesen Weg beschritten hat warnt der Apostel Paulus in seinem Brief an den Mitarbeiter Ti-motheus. Jener Timotheus leitete in Ephesus die junge Gemeinde. Der Apostel schreibt ihm wie ein väterlicher Berater und schließt seinen Brief mit einer Reihe von persönlichen Worten. Unter anderem: »Denn Demas hat die Welt lieb gewonnen und ist nach Thessalonich gezogen« (1). Hier hat ein bewährter Mitarbeiter der Gemein-de die Freude des Glaubens fahren lassen. Wir wissen nicht, was ihn gelockt und verführt hat. Aber den Weg der Nachfolge hat er verlassen und sich jetzt in der Weite und Beliebigkeit der Welt verloren. Wer aber die Welt liebt, der trägt Jesus Christus nicht mehr im Herzen. 

Darum Vorsicht vor der Verführungskraft der Welt.

 

2. Die Überwindungskraft der Gemeinde

Christen sind Leute, die die Liebe des Vaters kennen gelernt haben. Diese Liebe erlöst von einer weltverfalle-nen und weltfixierten Lebenshaltung; so erkannte es 

Augustin, der große Kirchenvater. Er war unerwartet auf ein Wort aus dem Römerbrief gestoßen worden: »Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht« (2). Dieses klare Wort öffnete ihm die Augen für die Missstände in seinem Leben und führte ihn zu einer Umkehr seines Lebens.

 

Den Zugang zu einem neuen Leben finden heißt in der Folge immer auch Zugang zur Gemeinde finden. Der Apostel Johannes schreibt an die Gemeinde, um sie in ihrer Liebe zu Gott und ihrer Achtsamkeit vor falscher Welt-Liebe zu bestärken. Er spricht gezielt die einzelnen Generationen an, die jeweils einen eigenen geistlichen Impuls zum Gemeindeleben beitragen. Achten wir darauf, wo wir hier einzuordnen sind:

– die ältere Generation soll die Erfahrung in der Gottes-

– erkenntnis mit in die Gemeinde einbringen.

– die mittlere Generation muss die Vorstöße des Teufels

– wahrnehmen und sich umso fester an das klare Wort 

– Gottes halten.

– die jüngere Generation dient als Vorbild des kindlichen

– Vertrauens auf den Vater. 

 

Und für alle gilt: Die gegenseitige Glaubenshilfe setzt die Bruderliebe voraus.

 

Diese vergewissernden Sätze wiederholen sich, weil die Gemeinde immer in der Gefahr steht, ihre Widerstandskraft gegenüber dem Lebensmuster der Welt zu verlieren. Dagegen aber gilt es, stark und gegründet zu sein im Wort Gottes und im festen Vertrauen auf den Herrn der Gemeinde.

 

3. Die Vergebungskraft des Herrn

Eben die biblische Lehre, die den Unterschied zwischen Gemeinde und Welt unterstreicht, macht uns bewusst, wie sehr auch wir Christen die Welt lieben und wie we-nig die Gemeinde.

 

Das liegt an unserer mangelnden Gottesliebe und an der übermächtigen Eigenliebe. Genau diese Sündenerkenntnis soll uns aber keineswegs entmutigen. Vielmehr sind wir gefordert, die Vergebung Jesu immer neu in Anspruch zu nehmen. Es kommt darauf an, auf den gekreuzigten Herrn zu sehen, wie die Israeliten einst in der Wüste auf die eherne Schlange. Damals war das Volk erfüllt von Zweifel und Resignation. Die Klage gegen Gott wurde laut und der Missmut ebenso. »Warum versorgt uns Gott nicht, wie wir es uns wünschen?« Aufs heftigste griffen sie Mose und Gott selbst an. Doch bald schon zogen giftige Schlangen ins Lager ein. Ihr Biss war für viele Israeliten tödlich. Mose stellte dagegen eine eherne Schlange an einem Stab auf. Allein der Blick dorthin brachte Rettung und Bewahrung. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Allein der Blick auf den Gekreuzigten bringt uns die Vergebung.

Am Kreuz ist der Rettungspunkt für Verführte und 

Verlorene.

 

Werner Bartl berichtet über sein Leben: »Ich bin als Ste-ward auf dem Traumschiff gereist, in weißer Livree habe ich Millionäre beim Dinner bedient. Ich war in der Süd-see, ich war in Hawaii, auf Tahiti... Ich habe Schönheiten gesehen, von denen andere Menschen nur träumen... 

Aber wir als Mannschaft auf dem Schiff waren so leer innerlich und frustriert...«

Unterm Sternenhimmel schreit der Steward eines Nachts: »Gott, wo bist du?«

Eine norwegische Seemannsgemeinde bietet den Besat-zungsmitgliedern eine Fahrt nach Jerusalem an. Der Busfahrer gibt biblische Erklärungen. Er verschafft Bartl Zugang zu einer christlichen Gemeinde in Jerusalem. Durch diese Begegnung wird Bartl Christ, später sogar Pastor. Er empfiehlt den Weg zu Jesus Christus und sei-ner Gemeinde. Denn dort hat er die Erfahrung gemacht: »Statt der übertünchten Traumwelt des Traumschiffs, statt der Blendungen in der Welt, entdecken die Menschen in der Gemeinde die Liebe und Größe Got-tes.«  

Amen. 

 

(1) 2. Tim 4,10

(2) Röm 13,13

 




Dieser Artikel wurde von Pfarrer Bühner erstellt.

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